Gleichberechtigung Schafft den Weltfrauentag ab!

Ein Wandbild in Manchester feiert ein Jahrhundert Suffragettenbewegung, die sich in Großbritannien formierte und für das Frauenwahlrecht eintrat.

(Foto: Getty Images)

Er verleitet zu Marketinglügen, ritualisierten Gefälligkeiten und dem fatalen Schluss: Je mehr Mann sich heute anstrengt, desto weniger muss er das morgen tun - denn dann beginnen wieder die Weltmännertage.

Kommentar von Karin Janker

Wie jedes Jahr schwillt am Internationalen Frauentag der Chor derer mächtig an, die finden, dass Frauen ganz tolle und irgendwie auch als gleichwertig zu betrachtende Menschen sind. Und Mann gibt sich ja wirklich Mühe, so zu wirken, als würde er sich tatsächlich für die Gleichberechtigung von Frauen interessieren oder gar einsetzen. Als lägen einem die Bildungschancen von Mädchen weltweit am Herzen. Als sei die Empörung darüber, dass Frauen an vielen Schaltstellen in Politik, Wirtschaft, Gesundheitswesen und Kultur nicht sichtbar sind und nichts zu schalten haben, authentisch und ernstgemeint. Unternehmen, Organisationen und Politiker lassen sich zum 8. März einiges einfallen, dies symbolisch und staatstragend zum Ausdruck zu bringen.

Doch so ritualisiert das Gedenken an die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist, so uninspiriert sind die meisten Beiträge, die einem an diesem Tag begegnen. Dabei gäbe es durchaus noch etwas zu besprechen. Auch hierzulande, wo Männer und Frauen sich grundsätzlich gleicher Rechte rühmen dürfen, aber Familie und Beruf für viele Frauen nur schwer vereinbar sind. Justizminister Heiko Maas etwa stellt zum Internationalen Frauentag fest: "Die vollständige Gleichberechtigung von Frauen in Deutschland ist ein rechtliches Ideal, aber noch immer nicht vollständig verwirklicht."

Danke für die Erinnerung, aber braucht es dazu einen Weltfrauentag?

In Zeiten von "Me too" jedenfalls erkennen auch die letzten, dass es gut ankommt, Frauenrechte auf die eigene Agenda zu nehmen. Vor allem das Marketing ist erfindungsreich: Weil ein Drogist, der deutschlandweit Filialen betreibt, ein "-mann" im Namen trägt und das am Weltfrauentag irgendwie uncool und auch ein bisschen daneben wirkt, benennt er eine Filiale in Hannover vorübergehend in "Rossfrau" um. Nach Mitteilung des Konzerns stehe diese eine "symbolisch für alle Filialen in Deutschland". Und eigentlich irgendwie auch für alle Frauen der Welt.

Der Drogeriefachhandel gehört ohnehin zu den Branchen, die denken, dass sie sich um ihre Hauptzielgruppe auf eine besondere Art bemühen müssen. Die österreichische Drogeriekette Bipa etwa weiß genau, was Frauen wollen - und gewährt deshalb am Weltfrauentag 25 Prozent Rabatt auf Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel. Da hat sich jemand wirklich Gedanken gemacht, denn jeder weiß: Frauen müssen sparsam sein, verdienen sie doch bekanntlich weniger als Männer - auch dann, wenn sie den gleichen Job machen.

Wobei, ganz einig ist man sich auch am Weltfrauentag nicht, ob das so stimmt mit dem Gender Pay Gap. Ein Arbeitgebervertreter in Deutschland lässt sich zitieren mit dem Satz, dass Frauen, wenn sie die gleiche Ausbildung, die gleiche Arbeitserfahrung und - vor allem - die "gleiche Attitüde" wie Männer im Job hätten, dann auch sicherlich das gleiche Gehalt bekämen. Frauen sollen also genauso gockelhaft auftreten wie manche Alphamännchen, die sich selbstgefällig auf die Brust schlagen, wenn es darum geht, eine Gehaltserhöhung herauszuholen. Für diesen oft gehörten Tipp an dieser Stelle nochmal ein herzliches Danke.

Blickt man sich also um an diesem 8. März, der wie jeder 8. März ein Tag voller Marketinglügen und muttertaghafter Gefälligkeiten ist, kann man nur zu einem Schluss kommen: Der Weltfrauentag gehört abgeschafft. Denn er verleitet zu dem fatalen Schluss, je mehr Mann sich heute anstrengt, desto weniger muss er das morgen tun. Was keine Frau braucht, sind wohlfeile Ratschläge, rote Nelken, umbenannte Drogeriefachmärkte und ein 25-Prozent-auf-Putzmittel-Rabatt. Nicht, wenn dann ab 9. März wieder 364 Mal Weltmännertag ist.

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