Von Stephan Reinhardt

Weine müssen nicht, können aber dekantiert werden. Vor allem hochwertige Weißweine können sich mit Luftkontakt zu Giganten entwickeln.

Unlängst nahm ich an einer so genannten Blindprobe teil, bei der ich, wie auch kein weiterer Juror, nicht wusste, worum es geht. Wir hatten schlichtweg Weine zu verkosten und zu bewerten, ohne deren Flaschen oder Etiketten sehen zu können. Das Einzige, was wir sahen war, dass die ersten 26 Weine der Probe weiß und die letzten 26 Weine rot waren.

Dekanter

Nicht nur Rotweine kann man dekantieren - besonders Weißweine entwickeln sich an der frischen Luft großartig. (© Foto: iStockphotos)

Anzeige

Das Qualtätsniveau aller degustierten Weine schien recht heterogen: tadellosen Weinen mit anständigem, aber kaum aufregendem Geschmack standen Weine von großer Ausdruckskraft und individuellem Charakter gegenüber. Der Sinn der Probe erschloss sich mir daher nicht, erst am Ende erfuhren wir, um was es ging: Wir hatten jeweils ein und denselben Wein in zwei Variationen bekommen: dekantiert und nicht dekantiert, also direkt aus der Flasche.

Die dekantierten Weine waren zum Zwecke der Belüftung für 3,5 Stunden in eine Karaffe umgeschüttet und von dort zurück in die Flasche geleitet worden. Zweck der Probe war herauszufinden, ob beziehungsweise wie sich die Weine verändern, wenn sie mit Luft in Kontakt treten. Dass sie sich verändern würden, war klar, denn die Luftzufuhr kann einen zunächst verschlossen wirkenden Wein gleichsam öffnen, auffächern und seinen Geschmack harmonisieren. Luft kann ihn aber auch schnell ziemlich alt aussehen lassen, nämlich dann, wenn der eben noch frisch und aromatisch wirkende Wein plötzlich fade und schlaff erscheint.

Die Schüchternen siegen

Das Ergebnis der hochkarätigen Vergleichsprobe - die Preisspanne der Weine reichte von 10 bis 60 Euro pro Flasche - war denn auch entsprechend uneinheitlich. Manchen Weinen tat die Luftzufuhr gut, sie konnten ihre Bewertungsnote teilweise recht deutlich steigern. Andere hingegen krachten förmlich in sich zusammen: Blenderweine, die vor Frucht und Muskelkraft zu strotzen schienen, ihre Pose aber nicht über eine längere Zeit halten konnten.

Am Ende jedenfalls wurden jene Weine zu den stärksten erklärt, deren frisch geöffnete "Referenzflasche" zwar schüchtern und zurückhaltend wirkten, in der dekantierten Version aber ihre Tiefe und besondere Herkunft ausspielen konnten.

Sehr überlegen gewann den Panel-Vergleich ein weißer Chardonnay: der 2005er "Le Limozin" Meursault von Nicolas Potel in Nuits-St-Georges (Burgund). Nach einem roten Italiener auf Platz zwei (2004er "Il Pino di Biserno", Toskana) platzierte sich ein weiterer Weißwein, der noch dazu bereits sechs Reifejahre hinter sich gebracht hatte: 2001 "Vieilles Vignes" Vin de Pays des Côtes Catalanes von der biodynamisch wirtschaftenden Domaine Gauby in Calce/Roussillion.

Dass gerade große Weißweine vom Dekantieren profitieren - neben Burgundersorten übrigens auch körperreiche trockene Rieslinge, Silvaner und Grüne Veltliner aus Deutschland und Österreich - ist hierzulande noch nicht vielen Weinfreunden bewusst. Da hilft nur ausprobieren: Sie werden staunen, was sich aus einem Wein alles herausholen lässt, sofern ihm zuvor beim Erzeuger nichts Beschönigendes hinzugefügt worden ist!

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Mach schon mal den Wein auf, Harry!
  2. Seite 2
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Wüste bebt

Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...