Weihnachts-Stress Was heißt hier Stille Nacht!

Von wegen, besinnliche Adventszeit: Jedes Jahr kurz vor Weihnachten bricht unter der Menschheit regelmäßig die nackte Panik aus und sie begibt sich auf die Jagd nach Geschenken, die die Welt nicht braucht. Warum nur tun wir uns das an?

Von Violetta Simon

Ist das nicht wunderbar? Endlich Weihnachten! Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus, sinnend geh'n wir durch die Gassen, alles sieht so festlich aus - zumindest, wenn man im 19. Jahrhundert unterwegs ist und Joseph von Eichendorff heißt.

Die Jagd nach dem perfektem Geschenk - alle Jahre wieder hetzen Menschen auf den letzten Drücker in die Geschäfte, um Weihnachtsgeschenke zu besorgen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Heute, im 21. Jahrhundert, hat man den Eindruck, Besinnlichkeit ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können. Weihnachten lässt sich nicht mehr einfach erleben, wo kommen wir denn da hin! Weihnachten muss organisiert werden.

Auf die Frage "Wie geht's?" erwartet man vom ersten Dezember an ein schulterzuckendes "Bin im Stress", das sich gegen Mitte des Monats in ein "Oh Gott, frag nicht!" steigert und kurz vor Weihnachten in einem "Bin ich froh, wenn das vorbei ist!" gipfelt. Wer die Unverfrorenheit besitzt, mit einem "Danke, gut" zu antworten, ist nichts als ein widerlicher Aufschneider. Oder hat den Ernst der Lage nicht begriffen..

Ach Herr Eichendorff, wenn Sie wüssten! Wo einst Markt und Straßen verlassen herumstanden, schieben sich heute Massen mit Tüten unterm Arm zwischen Glühweinbuden durch. Dort formieren sie sich zu Trauben, um ihren Frust kollektiv in einer klebrig-süßen Plörre zu ersäufen. Die Straßen sind verstopft mit hektischen Menschen, die sich eigentlich ganz weit weg wünschen. Sinnend geht hier keiner durch die Gassen, hier herrscht nackte Panik. Den Leuten ist die Angst vor dem bösen Wort "ausverkauft" ins Gesicht geschrieben, in den Augen glänzt nicht Vorfreude, sondern Verdruss über das, was sie erwartet - und das ist alles andere als eine "Stille Nacht".

Die Erkenntnis, dass Weihnachten immer mehr zu einem Fest der Hetze verkommt, ist längst auch in unserem virtuellen Bewusstsein angekommen. Gibt man die Begriffe "Weihnachten und Stille" bei Google ein, erhält man 5,2 Millionen Ergebnisse - die Kombination "Weihnachten und Stress" ergibt rund 40 Prozent mehr Treffer: 8,7 Millionen.

Sie werden es nicht glauben, sehr verehrter Herr von Eichendorff, aber selbst die festliche Stimmung ist uns vergangen. An den Fenstern haben die Frauen leider kein buntes Spielzeug fromm geschmückt, mitnichten! In den Schaufenstern der großen Kaufhäuser tobt der Krieg der Sterne, die Agenten von Alien Conquest suchen nach immer neuen Opfern, die sie mit ihrem grünen Schleim infizieren können, und Ninjago-Krieger treffen sich am Tempel des Feuers zur letzten Schlacht. Ach, Sie wissen nicht, wovon ich spreche? Dann können Sie sich vielleicht vorstellen, wie sich der Weihnachtsmann heutzutage fühlen muss, wenn er die Wunschzettel der Kinder in Händen hält: Sie sprechen eine kryptische, martialische Sprache und lesen sich gelegentlich wie die Beschaffungsliste eines Waffenhändlers vom Mars.

Diesmal machen wir alles anders

Und dann diese Wut auf sich selbst: wieder nicht geschafft, sich rechtzeitig zu kümmern. Wieder alles in letzter Minute. Dabei hatte man sich vorgenommen, diesmal alles anders zu machen: im Oktober ganz entspannt Geschenke kaufen, Anfang November Plätzchen backen und Adventskalender basteln. Was einer halt so vor sich hinträumt, wenn er im Sommerurlaub in Gran Canaria an Weihnachten denkt.

Die Realität ist ernüchternd: In einer Kassenschlange, eingekeilt zwischen Leidensgenossen, kommt man am Tag vor Heiligabend zu sich - ein Sinnbild des Versagens. Weihnachten macht aus uns allen Aufschieber, In-letzter-Minute-Einkaufer, erfolglose Jäger. Es verdammt uns dazu, anderen Menschen Dinge zu schenken, von denen wir bereits wissen, dass der Beschenkte seine Freude nur heucheln kann. Wie soll man auch wirklich einen Treffer landen bei der Menge an guten Ideen, die uns abverlangt werden?