Weihnachten ohne Geschenke Chaos und Brüll-Duelle

Was passiert, wenn man sich an Weihnachten nicht beschenkt? Eine Familie hat es versucht - und ist gescheitert.

Von Jürgen Schmieder

Das Weihnachtsfest in dieser Familie ist seit Jahrzehnten oder wahrscheinlich schon Jahrhunderten strukturiert wie ein Landratsamt und orchestriert wie ein Konzert in der Staatsoper. Jeder hat seinen Aufgabenbereich, der Zeitplan muss in jedem Fall eingehalten werden. Um 16 Uhr gehen die Kinder plus zwei erwachsene Begleiter in die Kindermette, derweil bereiten zwei Erwachsene das Essen vor, vier platzieren die Geschenke, zwei dekorieren den Weihnachtsbaum und der Rest singt Weihnachtslieder oder sitzt in Ermangelung gesanglichen Talents da und hört zu.

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Dann wird gegessen, irgendwann klingelt ein Glöckchen: Es ist Bescherung. Nach Altersstruktur wird ausgepackt, wobei der oder die Jüngste beginnt. Danach gibt es Plätzchen, man spielt mit den Geschenken. Um 23 Uhr gehen die Kinder ins Bett und die Erwachsenen in die Christmette. So war es - und es war gut so.

In einem Jahr jedoch beschloss die Familie - oder vielmehr ihre Oberhäupter -, dass man sich des Konsumwahns erwehren und keine Geschenke kaufen sollte. Man könne das Geld doch spenden und stattdessen ein Weihnachten verbringen in trauter Gemeinsamkeit, mit Gesprächen und dem Gedenken, nicht unnütze Luxusgegenstände verschenkt, sondern wirklich geholfen zu haben. Ein hehrer Plan.

Es war nun so, dass niemand Geschenke unter dem Weihnachtsbaum platzierte, was innenarchitektonisch ungefähr so verwerflich ist wie Poster an Glastüren anzubringen. Der Baum stand in der Mitte des Raumes, darunter eine Krippe - und sonst nichts. Der freie Raum wirkte wie ein Hohn an die Schafhirten, die alleine auf dem Teppich herumstanden.

Niemand musste mehr Geschenke einpacken oder verstecken, es gab einfach nichts zu tun. Das Herumsitzen und Warten führte bei einigen Mitgliedern zu einer Gereiztheit, die eher an König Herodes denn an das Christkind erinnerte. Um 17 Uhr wurde der Fernseher eingeschaltet - in den Jahren zuvor ein absolutes Tabu. Die Familie sah den Mittelteil von "Der kleine Lord" und stritt tatsächlich darüber, ob Hauptdarsteller Michael Ande ein guter Schauspieler ist.

Auch der Zeitplan geriet aus den Fugen. Da keine Geschenke ausgepackt werden mussten, saßen die Mitglieder dieser Familie von 18 bis 23 Uhr herum - und mussten sich unterhalten. Nur worüber? Es gab keine freudigen Kindergesichter, an denen man sich ergötzen konnte, niemand sah in seiner neuen Wintermütze so lächerlich aus, dass man darüber hätte lachen können, niemand durfte seine Stellung als Familientechniker untermauern, indem er das ferngesteuerte Auto fachmännisch zusammenschraubte.

Der älteste Sohn verzog sich in sein Zimmer zu seiner Gitarre - was ihm eine Niederlage im Brüll-Duell mit seinem Vater einbrachte und er wieder auf die Wohnzimmer-Couch musste. Die Jüngste packte ein Mini-Computerspiel aus - was ihr einen Sieg im Schrei-Duell mit ihrer Mutter einbrachte. Kurz darauf lieferten sich Mutter und Vater ein Schrei-Duell, weil er bereits die Plätzchen verdrückt hatte, die sie erst für später vorgesehen hatte. Ein Sieger war nicht festzustellen.

Kurz: Es war ein Chaos. Im darauffolgenden Jahr gab es wieder Geschenke. Allerdings wurde die gleiche Summe, die für die Präsente ausgegeben wurde, an bedürftige Kinder gespendet.

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