Wege gegen die Landflucht Sehnsucht nach Schirmchen-Drinks für 4,90 Euro

Stephanie Auras in der Cocktailbar ihrer Mutter in Finsterwalde.

(Foto: Carsten Koall/www.carstenkoall.c)

Die deutsche Provinz entvölkert sich. Die ganze deutsche Provinz? Nein! Nach Finsterwalde in Südbrandenburg sind in den vergangenen Jahren so viele Menschen zurückgekehrt, dass schon der Ministerpräsident nachschauen kam.

Von Hannes Vollmuth, Finsterwalde

An einem nebeligen Februarabend, in einer Kleinstadt in Südbrandenburg, Kreis Elbe-Elster, 16 000 Einwohner, sitzt eine 36-jährige Frau in der einzigen Cocktailbar der Stadt, dunkelbraun gefärbte Haare, weinroter Kapuzenpulli, auf dem groß "Heeme" steht, Heimat, und darunter, etwas kleiner, "Spreewaldkinder".

Die Frau heißt Stephanie Auras und ist der Grund, warum diese Kleinstadt, Finsterwalde, eine Zukunft hat.

Sie hat die gepolsterte Eckbank gewählt, das Papageien-Kissen zur Seite geschoben und vor einer südseeartigen Panorama-Tapete die Getränkekarte studiert. Dann hat sie einen Cocktail bestellt, der 4,90 Euro kostet und nicht 20 wie in Manhattan, wo sie wohnte und gegen das sie sich entschieden hat.

"Es muss doch weitergehen hier", ist einer von Stephanie Auras' Lieblingssätzen. Und sie sagt: "Wenn ich in New York geblieben wäre, würd ich mich jetzt garantiert nicht ehrenamtlich engagieren, ich würd abends ins Fitnessstudio rennen, damit ich total toll aussehe. Und hier esse ich halt abends um zehn noch meine Eierkuchen von Mutti. Einfach geil."

Stephanie Auras hat erheblich dazu beigetragen, dass mindestens 100 Menschen nach Finsterwalde zurückgekommen sind, ganz genau weiß sie das nicht, aber: Mit jedem Monat werden es mehr. Es gibt hier inzwischen schon so viele Rückkehrer, dass Bekannte von Bekannten in Berlin sich fragen, was da unten los ist - und nachschauen kommen. Nach Elbe-Elster, Südbrandenburg, nach Finsterwalde, Fiwa genannt.

Aber jetzt kommt erst mal Stephanies Mutter, Sina Auras, mit einem Tablett an den Tisch, ihr gehört die Bar. Zweimal "Fresh Summer" mit Strohhalm und Schirmchen im bauchigen Glas.

Eigentlich schien die Sache entschieden: Die deutsche Provinz abseits der Metropolen entvölkert sich, die Landkinder ziehen weg und kommen nicht wieder. In manchen Regionen machen fast zwei Drittel eines Jahrgangs inzwischen Abitur und ziehen weg: nach München, Hamburg, Berlin, Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und Köln, zu Craftbeer, Chia-Samen und Coworking Spaces.

Zurück bleiben ein leeres Land, einsame Eltern, Alte und Arbeitslose. Und mit jedem jungen Menschen, der fortzieht, mit jeder Bahnstrecke, die stillgelegt wird, mit jedem Supermarkt, der sich nicht mehr lohnt, wächst die Tristesse, kriecht die Stille in die Dörfer und Kleinstädte hinein. Und die Zurückgebliebenen bekommen das Gefühl, genau das zu sein: Zurückgebliebene. Auch in Finsterwalde, Elbe-Elster.

Bis Stephanie Auras mit ihren Beratungen für Rückkehrer begann. Mit einer Facebook-Seite, per Telefon, E-Mail, Skype, auf allen möglichen Wegen, die Mutigsten saßen am Ende direkt vor ihr, neben ihnen noch die Rollköfferchen, gestresste Städter, Rückkehrer erst immer nur in Gedanken. Sie sagten Sätze wie: Ich will endlich leben. Ich bin müde. Ich will zurück.

Aber wie kommt man wieder nach Hause, wenn man fortgegangen ist?

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