Was wir dem Erfinder der Fernbedienung zu verdanken haben Couchpotatoes in der Krise

Als Eugene Polley die Fernbedienung erfand, wollte er den Menschen vor allem eines ermöglichen: viele gemütliche Fernsehabende. Er konnte ja nicht ahnen, dass sein "Flash-Matic" einen Kampf um die Macht auf der Beziehungscouch eröffnete.

Von Violetta Simon

Aufstehen, vorlaufen, umschalten, zurücklaufen, hinsetzen: Ohne Eugene Polleys geniale Erfindung wären Fernsehabende noch immer eine Leibesübung. Als der Amerikaner in den Fünfzigerjahren die erste batteriebetriebene Fernbedienung vorstellte, war dies zugleich die Geburtsstunde der Couchpotato.

Taschenlampe in Revolverformat - so sah die erste Fernbedienung in den Fünfziger Jahren aus.

(Foto: AP)

Was Polley, der am Sonntag in einem Krankenhaus in der Nähe von Chicago starb, der Nachwelt hinterlässt, veränderte aber nicht nur das Fernsehverhalten. Das schnurlose Ding hatte auch Einfluss auf das Beziehungsleben: Da war etwas, das beide Partner gleich stark begehrten. Etwas, um das sich Frauen auf Augenhöhe streiten konnten, weil es - im Gegensatz zu vielen anderen Privilegien, die Männern vorbehalten waren - beiden zustand. Aus gutem Grund nennt man die Fernbedienung auch "die Macht": Bis heute werden zahlreiche private Machtkämpfe zwischen Mann und Frau auf der Couch ausgetragen - hier zeigt sich für viele, wer zuhause wirklich das Sagen hat.

Als die "Flash-Matic" 1955 auf den Markt kam, hatte diese Macht allerdings noch wenig mit einer modernen Fernbedienung gemein. Sie besaß eine einzige große Taste und sandte, ähnlich einer Taschenlampe, einen gebündelten Lichtstrahl auf einen von vier Sensoren in den Ecken des Fernsehers (für jeden Kanal einen). Frauen fanden, ihre Form erinnere an einen Föhn und passe daher perfekt in die weibliche Hand. Männer behaupteten unterdessen, sie sei einem Revolver nachempfunden, was die Fernbedienung in ihren Augen eindeutig für den männlichen Gebrauch prädestinierte. Dabei hätte so manche aufgebrachte Ehefrau durchaus etwas mit dem Ding anzustellen gewusst, wenn es wirklich geladen wäre.

Dank der technischen Entwicklungen hat sich die "Gartenspritze" mitunter in eine Art Hightech-Board verwandelt, dessen Handhabung selbst Technikfreaks bisweilen vor Herausforderungen stellt. Abgesehen davon gibt es in einem Durchschnittshaushalt längst nicht mehr nur eine, sondern einen ganzen Strauß an Fernbedienungen für diverse Zusatzgeräte. Nur eines hat sich nicht verändert: der Kampf um die Knipse.

Er hechelt, sie verweilt

Dass Frauen und Männer nicht gemeinsam in Frieden fernsehen können, liegt vor allem an der unterschiedlichen Art des Fernsehens und damit in der Handhabung einer Fernbedienung. Männer hetzen meistens von Kanal zu Kanal, als wäre die GEZ hinter ihnen her, stets auf der Jagd nach dem besten Programm. Und das scheint sich nie da zu finden, wo er gerade sucht. Die Partnerin versucht unterdessen vergeblich, die Bruchstücke einzuordnen und kapituliert, indem sie sich ermattet dem Schlaf hingibt. Es gibt Menschen, die behaupten, dass die Erfindung der Fernbedienung in Bezug auf das weibliche Fernsehverhalten komplett überflüssig war. Frauen verweilen lieber etwas länger auf den einzelnen Sendern, um erstmal die Stimmung aufzunehmen, während er bereits in die Sessellehne beißt.

Doch wie können ein Mann und eine Frau einen Abend vor der Glotze verbringen, ohne dass einer von beiden wahnsinnig wird? Gar nicht. Jedenfalls nicht auf anständige Weise. Ein uralter, aber immer wieder wirkungsvoller Trick: das vorzeitige Verlassen des Abendbrottisches Richtung Toilette ohne Wiederkehr - wer sich erfolgreich davor drückt, die Spülmaschine einzuräumen, sitzt als erster auf der Couch. Doch soll er zur Belohnung auch noch die Knipse in der Hand halten und die Wahl des Abendprogramms bestimmen dürfen? Als der "Flash-Matic" auf den Markt kam, mag diese Art der Arbeitsaufteilung noch selbstverständlich gewesen sein. Heutzutage beweist ein Mann damit bestenfalls, wie tief er gesunken ist. Das hatte Eugene Polley mit seiner Erfindung sicher nicht beabsichtigt.

Aber bevor das Debakel am Ende noch in getrennten Wohnzimmer endet: Oft regeln sich die Dinge mit der Zeit auch ganz von selbst: Das klassische Fernsehen gehört bald der Vergangenheit an. Wir schauen nicht nur auf mehreren Kanälen, wir konsumieren multimedial - mit dem Laptop oder dem I-Pad auf dem Schoß und dem Smart-Phone auf dem Tisch. Das TV-Gerät läuft oft nurmehr im Hintergrund. Immer weniger Menschen richten sich nach vorgegebenen Ausstrahlungsterminen und nutzen stattdessen Online-Streams oder holen sich dort, was sie am Abend zuvor verpasst haben. Auch das wachsende Angebot an Mediatheken und DVD-Serien führt zu einer allmählichen Entmachtung der Fernbedienung - es geht ja nichts unwiederbringlich verloren. Die Jagd nach dem Spannendsten, Interessantesten, Wichtigsten wird damit überflüssig.

Und was wird aus dem Instrument der Macht, das seine Erfolgsgeschichte einst als pistolenförmige Taschenlampe begann? Was für eine Frage! Als Spielzeug für den modernen Mann ist die Fernbedienung natürlich nach wie vor unentbehrlich. Allerdings sollte man unbedingt eine Rückkehr zur Revolver-Form in Erwägung ziehen.