Von Markus C. Schulte von Drach

Viele Eltern halten die Risiken von Impfungen für ihre Kinder für zu hoch. In einer Online-Datenbank lässt sich nun überprüfen, welche Verdachtsfälle auf Impfkomplikationen in den letzten Jahren gemeldet wurden.

263 Kinder und Erwachsene sind seit Jahresbeginn in Deutschland an den Masern erkrankt - das ist der höchste Stand in Europa. Und die Entwicklung der letzten Jahre deutet darauf, dass die Zahl vermutlich weiter steigen wird. Während das Robert-Koch-Institut 2004 noch 122 Fälle gezählt hatte, waren es letztes Jahr bereits 2307. Dahinter steckt eine sinkende Impfrate in Deutschland. Viele Eltern halten Impfungen offenbar für riskanter als die möglichen Folgen der Krankheiten, vor denen die Impfstoffe schützen sollen.

(© Foto: ddp)

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Immer wieder hört man richtige Horrorgeschichten, oder liest sie auf einschlägigen Seiten im Internet: Tiefe, nicht verheilende Wunden an der Stichstelle, Allergien, Neurodermitis, Hirnschäden - die Liste der mutmaßlichen Impfschäden ist lang. Und die Zahl der Betroffenen scheint groß zu sein.

Um diesen Sorgen zu begegnen hat das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) jetzt eine Datenbank über alle Fälle der letzten Jahre, bei denen ein Verdacht auf Komplikationen oder schwerwiegende Nebenwirkungen nach Impfungen bestand, ins Internet gestellt. Ab sofort kann sich dort jeder aus erster Hand darüber informieren, was Impfstoff-Hersteller, Ärzte und Gesundheitsämter seit 2001 dem Institut als mögliche Impfkomplikationen gemeldet haben.

Als erste Behörde in Europa versucht das Institut damit "einen Beitrag zur Verbesserung und zur Erleichterung der Impfaufklärung leisten, indem wir ein Höchstmaß an Transparenz zum Thema Impfnebenwirkungen bieten", erklärte Johannes Löwer, Präsident des PEI.

Beispiel Masern: Sucht man in der Datenbank des Paul-Ehrlich-Instituts nach Patienten, bei denen nach einer Behandlung mit dem Impfstoff MMR "bleibende Schäden" aufgetreten sind, stößt man auf 26 Fälle, und die hören sich teilweise bedrohlich an.

So kam es zu Beispiel bei einem vierzehnjährigen Jungen 2006 nach einer Impfung zu Krampfanfällen, Aufmerksamkeitsstörungen, geistiger Beeinträchtigung und einer Reihe anderer Gesundheitsstörungen.

Doch diese Informationen besagen noch nicht, dass hier ein ursächlicher Zusammenhang besteht, wie man beim PEI nicht müde wird zu betonen.

Auf der anderen Seite forderte allein die Masern-Epidemie 2006 zwei Todesopfer unter Kindern.

Um das Risiko von Impfnebenwirkungen überhaupt einschätzen zu können, gibt es letztlich nur eine Möglichkeit. Man überprüft die gemeldeten Verdachtsfälle von Komplikationen und schwerwiegenden Nebenwirkungen darauf hin, wie häufig ein Zusammenhang mit einer vorherigen Impfung gesichert, wahrscheinlich oder möglich ist. Und selbst damit lassen sich statistische Aussagen zur Häufigkeit nicht treffen.

Trotzdem hat das Paul-Ehrlich-Institut die Häufigkeit von Verdachtsfällen für die Jahre 2004 und 2005 überprüft. Das Ergebnis dürfte Impfgegner überraschen.

Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 2630 Verdachtsfälle von Impfkomplikationen oder -nebenwirkungen gemeldet - zwei Drittel davon waren "schwerwiegend". Darunter fallen zum Beispiel tödliche oder lebensbedrohliche Nebenwirkungen, solche, die eine stationäre Behandlung erforderlich machen oder zu bleibenden Behinderungen führen.

Zusammenhang bei wenig Fällen

58 Menschen waren in den zwei Jahren innerhalb von Tagen oder Wochen nach einer gewöhnlichen Impfung gestorben - darunter 43 Kinder. Wie die Experten berichteten, ließ sich bei den Kindern keinen Zusammenhang feststellen.

Bei zwei Erwachsenen konnte "nicht zweifelsfrei ausgeschlossen" werden, dass die Impfung eine Rolle gespielt haben könnte. Weitere 64 Meldungen betrafen Verdachtsfälle auf Reaktionen, die zu bleibenden Schäden führen- und bei neun davon hielt man es am PEI für "möglich", dass der Impfstoff tatsächlich die Ursache war.

Insgesamt aber, so das Fazit der Untersuchung, konnte bei lediglich einem halben Prozent der gemeldeten Verdachtsfälle der Zusammenhang zwischen Impfung und "unerwünschten Ereignissen" als "gesichert" eingeschätzt werden - und darunter war kein einziger schwerwiegender Fall. Als "wahrscheinliche" Folge einer Impfung wurden sieben Prozent der gemeldeten Verdachtsfälle betrachtet, und bei 58 Prozent wollten die Fachleute einen Zusammenhang zumindest nicht ausschließen.

Betrachtet man allerdings die Zahl der Verdachtsfälle insgesamt im Verhältnis zu den in Deutschland verkauften Impfdosen (Angaben über die Zahl der tatsächlich ausgeführten Impfungen gibt es nicht) - so wurden in den Jahren 2004 und 2005 3 Verdachtsfälle pro 100.000 Dosen gemeldet. Das entspricht einem Anteil von 0,003 Prozent. Und dabei handelt es sich nicht um die gesicherten Fälle von unerwünschten Wirkungen - sondern um alle Verdachtsfälle überhaupt.

Impf-Nebenwirkungen können für die Betroffenen schlimm sein. Aber offenbar treten sie nur selten auf. Doch "wenn es um Impfungen geht sind viele Menschen verunsichert", erklärt Susanne Stöcker vom PEI. "Wir hoffen, dass unsere Datenbank hilft, die Diskussion über das Thema zu versachlichen."

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(sueddeutsche.de)