Von der Leyen und Furtwängler über Demenz Wenn der Vater den Kosenamen seiner Tochter vergisst

53 Jahre lang nannte ihr Vater sie "Röschen", dann erinnerte er sich nicht mehr an den Spitznamen seiner Tochter. Das "Süddeutsche Zeitung Magazin" hat mit Arbeitsministerin Ursula von der Leyen sowie mit Schauspielerin Maria Furtwängler über den Umgang mit ihren demenzkranken Vätern gesprochen.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und die Schauspielerin Maria Furtwängler haben in einem Interview mit dem Süddeutsche Zeitung Magazin vor Betrügern gewarnt, die die Arglosigkeit von Demenz-Patienten ausnutzen. "Mein Vater war vollkommenes Opfer von diesen Glücksspielen am Telefon", sagte Furtwängler in dem Gespräch, in dem beide Frauen über das Leben mit ihren demenzkranken Vätern reden.

"Dazu kamen jeden Tag ungelogen mindestens 20 Briefe: Herr Bernhard Furtwängler, ich gratuliere Ihnen, Sie haben soeben eine Million Euro gewonnen. Sie müssen nur noch 20 Euro Bearbeitungsgebühr zahlen." Ähnliches hat von der Leyen erlebt: "Solange mein Vater noch geschäftsfähig war, ist leider viel Geld in obskure Kanäle geflossen."

Die Erfahrung der kranken Väter hat von der Leyen und Furtwängler einander nähergebracht. Von der Leyens Vater Ernst Albrecht, ehemaliger niedersächsischer Ministerpräsident, lebt mit der Familie der Ministerin auf einem Grundstück. Furtwänglers Vater Bernhard Furtwängler ist zu Jahresbeginn gestorben.

Von der Leyen sagte, dass ihr ihre Vorbildung nicht viel beim Umgang mit der Krankheit geholfen hat. "Obwohl ich gut ausgebildete Ärztin bin, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen, weil in mir sofort der Film ablief vom verwirrten, aggressiven, alten Menschen", beschreibt sie den Moment, als sie von der Diagnose erfuhr. Trotz ihrer Erfahrung als Ministerin wisse sie nicht unbedingt, was jeweils zu tun sei. "Ich weiß natürlich, dass es Pflegestufen gibt, aber wie kommen die Pflegestufen zu uns ins Haus?", habe sie sich gefragt.

"Sie müssen den Schlüssel verstecken"

Als sehr schwierig erlebten beide Frauen den Streit ums Autofahren. Die Väter wollten nicht einsehen, dass sie nicht mehr fahrtüchtig waren. "Da geht es um den Verlust von Autonomie. Und das Autofahren war für ihn immer ganz wichtig", sagte Furtwängler über ihren Vater, der den Verlust den Führerscheins nur schwer verkraftete. "Mein Vater wollte bei der Polizei anrufen und den Führerschein einfach noch mal machen." Von der Leyen erzählte, beim TÜV habe man ihr gesagt, sie müsse den Schlüssel verstecken, sonst komme jemand zu Schaden. "Diesem Rat bin ich irgendwann gefolgt. Es gab fürchterliche Auseinandersetzungen über Wochen."

Beide sagen, wichtig sei, den Kranken und aber auch die eigenen Gefühle im Umgang mit ihm zu akzeptieren. Von der Leyen: "Ich habe gelernt: Die Scham ist in Ordnung, die Wut ist in Ordnung, auch, dass der Alzheimer-Kranke Glück, Freude, solche Gefühle innerlich natürlich noch hat." Das sei natürlich nicht immer einfach. "Was für mich eigentlich am traurigsten im Augenblick ist: Ich bin 54 Jahre alt. 53 Jahre war ich für meinen Vater Röschen, Röschen Albrecht. Aber Röschen gibt es nicht mehr, Röschen ist weg. Er fragt nur noch: 'Wann kommt Ursula nach Hause.'"

Beide Frauen sagen, die Krankheit ihrer Väter habe auch sie selbst verändert. Von der Leyen: "Es hat mir geholfen, ganz erwachsen zu werden. Den Vater zu überwinden und mich abzunabeln, indem ich aus der kindlichen Bewunderung gegenüber diesem beeindruckenden Vater in eine Haltung gewechselt bin, die einfach nur akzeptiert, dass er ist, wie er ist." Furtwängler berichtet ähnliches: "Ich bin sicherlich mir gegenüber in vielen Dingen geduldiger geworden, ich muss nicht mehr so vieles machen, und ich muss schon gar nicht mehr so vieles perfekt machen."

Die Langfassung des Interviews lesen Sie im "Süddeutsche Zeitung Magazin", das an diesem Freitag, 12. Juli, mit der "Süddeutschen Zeitung" erscheint.