Vom Christentum zum Islam Muslima mit Mütze

Konvertitin Claudia kann nur in der Freistunde Kopftuch tragen.

(Foto: afis)

Seit sich Claudia Jansen vor drei Jahren entschied, Muslima zu werden, hat sie ein Problem: In der Arbeit darf sie nur Mütze tragen - die Schulleitung will es so. Dabei ist das Kopftuch für die Konvertitin aus München ein Stück Freiheit.

Von Anna Fischhaber

Die Verwandlung dauert einige Minuten und passiert in einem zugigen Hauseingang. Claudia Jansen löst die Haarklammer, wickelt das lange grüne Tuch vom Kopf, bindet den Zopf hoch, aus dem sich ein paar braune Strähnen gelöst haben, und setzt die graue Mütze auf. Dann eilt sie ins Klassenzimmer.

http://media-cdn.sueddeutsche.de/globalassets/img/unsprited/placeholder.png

"Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?" Diese Frage hat unsere Leser in der siebten Abstimmungsrunde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur Toleranz-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Mathe-Nachhilfe steht auf dem Stundenplan. Muss sie ihre Dreadlocks verstecken? Ist sie eine Atomkraftgegenerin, die sich vermummt? Das wollen die Kinder der Münchner Privatschule, an der sie als Erzieherin arbeitet, oft wissen. Jansen ist dann ehrlich: Schülerinnen dürfen Kopftuch tragen, sie nicht. Die Schulleitung will es so. Seit sich die Münchnerin vor drei Jahren entschied, Muslima zu werden, hat sie ein Problem.

In Deutschland leben dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zufolge etwa vier Millionen Muslime, knapp die Hälfte davon sind Frauen. Schätzungen zufolge trägt weniger als ein Drittel von ihnen ein Kopftuch - das wären aber immerhin 600.000. Putzfrauen sieht man bisweilen mit Kopfbedeckung, oder die Gemüseverkäuferin im türkischen Supermarkt nebenan. Aber wer kennt schon eine Ärztin oder eine Ingenieurin mit Kopftuch? Eine Polizistin oder eine Lehrerin? Claudia Jansen (Name von der Redaktion geändert) glaubt, genau hier liege der Fehler: Wenn die Strukturen nicht interkulturell sind, wie sollen die Menschen dann Toleranz lernen?

Mit dem Schönschreibfüller zum Islam

Zum Islam sei sie über ihren Schönschreibfüller gekommen, erzählt die 30-Jährige bei einem ersten Treffen im Biergarten. Jansen hat Tee bestellt. Sie ist zierlich und blass, aber sie wirkt nicht wie eine Frau, die sich etwas vorschreiben lässt. Als sie erzählt, wie erschrocken ihre Eltern, gläubige Katholiken aus den Niederlanden, waren, als sie konvertierte, muss sie lachen. "Für sie kam das aus dem Nichts." Dabei begann die Geschichte schon in ihrer Jugend. Als Mädchen, damals noch Messdienerin in der pfälzischen Heimat, interessierte sie sich für Kalligrafie.

Mit Hilfe ihres Füller entdeckte sie bald auch die arabischen Schriftzeichen. Sie machte einen Arabischkurs, las im Koran. Als sie bei der Kirche keine Antworten mehr fand, ging sie in eine Moschee. Sie probierte aus, wie es sich anfühlt, dort zu beten. Es fühlte sich gut an. Bald hatte Jansen viele muslimische Freundinnen, nach dem sie den Vortrag eines Imams gehört hatte, beschloss sie zu konvertieren. Spontan. Der Imam wollte wissen, ob sie sich auch mit dem Glauben auseinandergesetzt habe. Sie hatte. Er nahm ihr das Schahada ab, das Glaubensbekenntnis, und aus der Katholikin wurde innerhalb weniger Minuten eine Schwester.

Auf dem Papier ist Jansen bis heute katholisch, im Alltag ist sie Muslima. Zunächst eine Muslima mit Mütze. Die Schulleitung wollte das Kopftuch in der Schule nicht akzeptieren und die Münchnerin wollte sich nicht ständig umziehen. Nach einem Jahr hatte sie die Wolle satt und fragte noch einmal nach. Doch in der Schule hätten sie lieber eine "neutrale" Erzieherin gewollt. Nun gibt es Claudia Jansen zweimal: mit Mütze und mit Kopftuch.