Volkskrankheit Zähneknirschen Seelische Kauattacken

Jeder Zweite kaut nachts an seinen Problemen: Expertin Gundula Körber erklärt, was Zähneknirschen mit Mund halten zu tun hat und was man dagegen tun kann.

Interview: Canan Dogan

Wer morgens häufig mit Kopf- oder Nackenschmerzen aufwacht, sollte vielleicht zum Zahnarzt gehen. Bruxismus könnte der Grund dafür sein - auch bekannt als Zähneknirschen. Jeder zweite Erwachsene ist laut Dr. Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer im Laufe seines Lebens zumindest zeitweise davon betroffen. Welche Ursache diese Störung hat und welche Therapien es gibt, erklärt Diplom-Psychologin und Bruxismus-Expertin Dr. Gundula Körber vom Zentrum für Integrative Psychiatrie in Kiel.

sueddeutsche.de: Wie gefährlich ist Zähneknirschen?

Dr. Gundula Körber: Bruxismus bezeichnet das unbewusste, meist nächtliche Zusammenpressen oder Reiben der oberen mit den unteren Zähnen. Im schlimmsten Fall kann es zu Entzündungen und Zerstörung der Kiefergelenke kommen.

sueddeutsche.de: Welche Symptome weisen auf Zähneknirschen hin?

Körber: In erster Linie erkennen wir durch die Abnutzung der Zähne, dass was nicht stimmt. Dann kommen Symptome wie Muskelschmerzen in Gesicht, Hals, Nacken, Rücken und auch Schmerzen und Knacken im Kiefer dazu.

sueddeutsche.de: Warum knirschen so viele Menschen?

Körber: Es gibt mehrere Ursachen wie Störungen im Kaubereich, aber diese sind niemals der alleinige Auslöser. Verdrängte Gefühle spielen stets auch eine Rolle.

sueddeutsche.de: Was meinen Sie mit "verdrängten Gefühlen"?

Körber: Gefühle, die der Mensch meist nicht wahrnimmt, weil er das in der Vergangenheit nicht adäquat gelernt hat. Wenn diese Menschen dann Emotionen wahrnehmen, verdrängen sie sie, weil sie damit nicht umgehen können und sich rational erklären, dass es keinen Sinn macht, traurig oder wütend zu sein. Dieses Verhalten stelle ich auch an meinen Patienten fest, sie sind überangepasst, wirken zurückgenommen, freundlich und können oft nicht wütend werden oder weinen.

sueddeutsche.de: Sind Männer und Frauen gleich häufig betroffen?

Körber: Der Anteil der Männer liegt höher als bei sonstigen psychosomatischen Erkrankungen wie Magenschmerzen, bei etwa 30 Prozent - normalerweise machen sie 20 Prozent der Erkrankten aus.

sueddeutsche.de: Wie erklären Sie sich das?

Körber: Männer gestehen sich die Verbindung zu verdrängten Gefühlen wie Schwäche oder Trauer oft nicht zu. Häufig machen sie Aussagen wie "das verbeiß ich mir" oder "die Zähne zusammen und durch". Grundsätzlich knirschen schon mehr Frauen als Männer.

sueddeutsche.de: Warum ist das ein Frauenproblem?

Körber: Weil die noch eher gelernt haben, den Mund zu halten und sich zurückzunehmen.

sueddeutsche.de: Gibt es erfolgreiche Therapien?

Körber: Alle Arten von Biofeedback-Methoden haben einen gewissen Erfolg, der dauerhaft ist, wenn das Problem noch nicht so alt ist. Grundsätzlich hilfreich sind aber Psychotherapien.

sueddeutsche.de: Was sind Biofeedback-Methoden?

Körber: Das sind elektromyographische Aufnahmen, bei denen beispielsweise die Spannung der Muskulatur gemessen wird, die über unbewusste Abläufe im Körper Aufschluss geben. Diese Abläufe werden meist durch Töne oder Graphiken zurückgemeldet. Ich hatte mal eine Klingelschiene entwickelt und erprobt, leider nur in Eigenherstellung. Immer wenn der Patient geknirscht hat, ertönte ein Klingelton.

sueddeutsche.de: Viele Zahnärzte verschreiben Knirscherschienen, was halten Sie davon?

Körber: Ja, fast alle Zahnärzte tun das. Als erster Therapieversuch ist das angemessen.

sueddeutsche.de: Was raten Sie Ihren Patienten konkret, wie sie ihren Alltag gestalten sollen, damit sie nachts ruhiger schlafen?

Körber: Ich schlage ihnen vor, Tagebuch zu führen. Besonders vor dem Zubettgehen sollten sie den Tag nochmals Revue passieren lassen, um eventuelle nicht oder zu spät bemerkte Verletzungen oder Trauer zu erkennen und darauf zu reagieren. Weiterhin rate ich zu Massagen und Entspannungsübungen, um die Sensibilität zu erhöhen und die Grundspannungen zu reduzieren.

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