Virtuelle Paartherapie Paartherapie per App, Chat oder Mail

Ähnliche Anwendungen wie die Münchner App fungieren als digitale Beziehungsberater. Zum Beispiel die Neuerscheinung "Couple Counseling & Chatting" - eine App, für die die US-Paartherapeutin Marigrace Randazzo-Ratliff eine Art ambulante Beziehungshilfe konzipiert hat. Die Website bietet schnellen, direkten Kontakt mit einem Paar-Therapeuten, bei akuten Kommunikationsproblemen können Paare sich über eine Chat-Funktion schnelle Unterstützung holen und sich zeigen lassen, wie man dem anderen das Gefühl gibt, dass man ihm zuhört und Anteilnahme signalisiert. Den Paaren werden Aufgaben gestellt, mit deren Hilfe sie ihre Beziehung stärken sollen.

Jederzeit und überall

Virtuelle Beratungsräume ermöglichen Paaren, zu jeder Zeit und von jedem Ort der Welt mit ihrem Betreuer zu kommunizieren. Dort kann sich der Therapeut sowohl mit den einzelnen Partnern als auch mit dem Paar verabreden. Das ist praktisch: Das Koordinieren der Termine für drei Personen oder die Organisation eines Babysitters entfällt.

Die Kommunikation im virtuellen Raum macht es den Beteiligten aber auch aus therapeutischer Sicht einfacher: "Häufig erleichtert die räumliche Trennung das Gespräch", sagt Paartherapeut Ragnar Beer. Der Psychologe leitet das Online-Therapie-Projekt "Theratalk", das 1996 erstmals von der Universität Göttingen im Rahmen einer Studie getestet wurde. Seit 2002 bieten Beer und sein Therapeuten-Team "Theratalk" offiziell als Online-Paartherapie an. Ähnlich wie bei einer konventionellen Paartherapie kommunizieren die Partner regelmäßig mit dem betreuenden Psychologen - nur nicht in einer Praxis, sondern in einem Chatroom.

"Erst mal lässt es sich über manche Dinge leichter reden, wenn man sie dem Therapeuten nicht ins Gesicht sagen muss - womöglich in Anwesenheit des Partners", sagt Beer. Gerade, wenn es um schambehaftete Themen gehe, etwa um sexuelle Bedürfnisse oder Probleme, erleichtere die Chat-Situation das Gespräch.

Abgesehen davon ließen sich auf diesem Wege vor allem destruktive Streitereien vermeiden. "Viele Menschen reagieren empfindlich auf Äußerungen ihres Partners und unterbrechen ihn sofort." Im Chat hingegen müsse man bis zum Ende zuhören - beziehungsweise mitlesen. "Dadurch greifen die üblichen Automatismen nicht so leicht, jeder kann in Ruhe überlegen." Besonders Männer würden davon zu profitieren, dass sie beim Schreiben die Zeit hätten, das auszuformulieren, was sie denken und fühlen.

Zu Beginn von "Theratalk" erschien das Projekt dem Göttinger Psychologen noch undenkbar, doch mittlerweile ist Ragnar Beer von dem Konzept so überzeugt, dass er ausschließlich die virtuelle Paarberatung praktiziert.

Virtuelle Beziehungspflege

Auch David Wilchfort schätzt die Vorteile der virtuellen Kommunikation bei seiner Arbeit in der Praxis. Regelmäßig arbeitet der Münchner Paartherapeut mit seinen Klienten über Chats, per Mail oder Skype. "In einer Mail haben die Leute mehr Zeit zu antworten", sagt der Psychologe. "Außerdem sprechen sie im Vergleich zur realen Sitzung manchmal freier und trauen sich eher, Kritik zu äußern, weil sie weniger Angst vor der Wut des Partners haben."

Genau das ist es, was Kai am Prinzip des "Rosinensammelns" gefällt: dass die Rosinen vom anderen nicht gleich aussortiert oder gar ausgespuckt werden können. "Die Äußerungen können einfach mal im wertfreien Raum stehen bleiben - ohne, dass der andere sofort reagiert."

Nach drei Monaten haben Sarah und Kai erkannt, dass sich durch das "1x1 der Liebe" zwar nicht jedes akute Problem lösen lässt, aber auf jeden Fall die Voraussetzungen dafür geschaffen werden - "indem man wieder miteinander ins Gespräch tritt, sich miteinander beschäftigt und sich mit der Beziehung auseinandersetzt." Heute sehen sich die beiden mit anderen Augen. Nein, eigentlich so, wie sie sich damals gesehen haben, als sie sich kennen lernten. Und das ist das Schönste überhaupt: Jetzt verstehen sie wieder, warum sie sich damals ineinander verliebt haben.