Virtuelle Paartherapie Ein Netz für die Liebe

Schnelle Hilfe bei Beziehungsstress: Virtuelle Paarberatung auf dem Tablet.

(Foto: dpa)

Wir flirten digital, finden die große Liebe im Netz und erschaffen unserer Fernbeziehung auf Online-Plattformen einen gemeinsamen Alltag. Was aber, wenn es mal kriselt? Auch dafür bietet das Internet Hilfe an - per App.

Von Violetta Simon

Nachdem der Sohn aus dem Haus war, kam die große Leere. Immer öfter gerieten Sarah und Kai Bergmann (Name von der Redaktion geändert) wegen Kleinigkeiten aneinander. Zugleich wurde es immer stiller zwischen dem Paar. Es ließ sich nicht mehr leugnen: Etwas war ihnen abhanden gekommen. Vielleicht nicht gleich die Liebe. Aber auf jeden Fall das Gefühl füreinander. Der unbeschwerte Umgang, wenn sie allein miteinander waren. Und die Fähigkeit, miteinander zu reden. Ohne sich zu streiten.

Beim Stichwort Paartherapie winkten beide ab. Abgesehen davon, was das an Zeit und Geld in Anspruch nehmen würde: War es nicht ein bisschen früh für sowas? Schließlich wollten sie ja zusammenbleiben - nur wussten sie nicht so recht, wie. Was sie brauchten, war eher eine Orientierungshilfe; eine Art Coaching, das ihnen erklärte, wie es weitergehen konnte.

Im Internet durchstöberte Sarah diverse Foren. Immer mehr Menschen nutzen heute Smartphone, Apps und Video-Chat, um ihren Beziehungsalltag zu organisieren und Zeit miteinander zu verbringen - oder zum Streitschlichten. Für solche Tools hat sich mittlerweile ein eigener Markt entwickelt, die York Times widmete dem Thema bereits einen Artikel. Sarah klickte sich durch verschiedene Portale und Apps, die eine mobile Beratung anboten. Auf der Homepage des Münchner Paartherapeuten David Wilchfort stieß sie auf ein Online-Angebot namens "1x1 der Liebe".

Das Angebot unterscheidet sich von anderen Beratungsplattformen, weil es keine Paartherapie ersetzen will, sondern sich vor allem an Paare richtet, die ihre Partnerschaft revitalisieren oder stabilisieren wollen. Das Konzept ist ungewöhnlich - und ungewöhnlich simpel: wenig, dafür regelmäßig Zeit in die Beziehung zu investieren, eine Minute am Tag soll ausreichen. Wenn Sarah daran dachte, wie viele Stunden sie bereits in sinnlose Streitereien investiert hatten, war das wohl das geringste Problem. Also fragte sie Kai, ob sie beide es nicht versuchen wollten.

Wie Zähneputzen

Seit drei Wochen sammeln Sarah und Kai nun "Rosinen" - so nennt Wilchfort die Highlights des Beziehungsalltags, um die sich sein Modell dreht: Jeden Abend sollen sich beide getrennt voneinander überlegen, worüber sie sich beim anderen besonders gefreut haben. Eingeloggt unter anonymem Namen trägt jeder seinen persönlichen "Liebesmoment" in ein Online-Formular ein, wo er anschließend archiviert wird. Es sind Sätze wie "Dass Du gleich angerufen hast, damit ich mir keine Sorgen mache" oder "Als wir gemeinsam über den Witz unseres Sohnes lachen mussten". Am Ende der Woche nehmen sich beide eine Stunde füreinander Zeit und teilen ihre Erkenntnisse einander mit.

"Zuerst kam es uns komisch vor", berichtet Sarah, "aber inzwischen ist es wie Zähneputzen. Man muss sich nur daran gewöhnen, dann tut man es automatisch." Durch die täglichen Beiträge, die archiviert werden, entsteht mit der Zeit ein persönliches Blog, das dem Paartherapeuten einen Eindruck davon vermittelt, was die Partner voneinander erwarten und wie sie miteinander umgehen. Zwischendurch schickt der Psychologe einen spezifischen Vorschlag oder eine Aufgabe an das Paar. Die Ausrichtung auf das Positive helfe nicht nur, den anderen in einem neuen Licht zu sehen. Sie entkräfte auch die allgegenwärtige Abwehrhaltung, weil der Angriff entfällt. "Positives Denken erzeugt positives Handeln", ist der Therapeut überzeugt. "Es ist besser, am Abend nach dem Positiven zu suchen, als vor dem Schlaf darüber nachzugrübeln, was einen geärgert hat."