Verkleidungen Besser Tussi als Darth Vader

Mit seiner Darth-Vader-Kostümierung dürfte dieser Junge nicht allein sein im Fasching.

(Foto: dpa)

Faschingskostüme mit Waffen lösen Diskussionen aus. Aber was, wenn sich ein Zehnjähriger als Frau verkleidet?

Interview von Barbara Galaktionow

Zombie, Darth Vader oder Harry Potter? Nein, diesmal ist mein Sohn als Frau zum Fasching gegangen. Oder genauer als "Tussi", wie er selbst sagt: Mit Pagenkopf-Perücke, geblümtem Kleid, Schminke und Lippenstift in der Handtasche, zum Nachlegen. Manche Reaktion darauf hat mich gewundert. Wolfgang Oelsner, Kinder- und Jugendpsychotherapeut und Autor mehrerer Karneval-Bücher, über Rollenspiele bei Jungen und Mädchen und die Frage, wie selbst Kinderverkleidungen in Zeiten der Genderdebatte ins Auge genommen werden.

SZ: Ist es merkwürdig, wenn sich ein Zehnjähriger an Fasching als Frau verkleidet?

Das ist in der Gruppe der Zehnjährigen heute eher ungewöhnlich. Aber ich hätte erst mal eine Gegenfrage. Was war er denn im vorigen Jahr?

Ronald Weasley, der Freund von Harry Potter.

Und davor das Jahr?

Das weiß ich nicht mehr genau. Zombie? Jedenfalls immer etwas Jungsmäßiges. Vampir, Geisterpirat, Ritter.

Also mehr so Gender-Mainstream. Das zeigt ja, dass Ihr Sohn eine breite kreative Palette von Fantasien im Kopf hat und die auch nutzt. Das sind sogenannte Als-Ob-Spiele. Die kennt man aus dem Vorschulalter, sie reichen aber weit ins Grundschulalter hinein. Sie sind eine Möglichkeit, der Welt noch mal Fragen zu stellen und der Welt noch einmal anders zu begegnen, bevor man sich im Laufe des Kulturprozesses immer mehr entscheiden muss - und damit auch viele Dinge ausschließt. Auf dem Weg dorthin ist es schön und wichtig, sich verschiedene Dinge anzugucken: Wie wäre das, wenn? Und da haben Kinder üblicherweise Fantasien wie: Was wäre denn, wenn ich andere Eltern hätte? Was wäre, wenn ich einem anderen Land geboren wäre? Was wäre, wenn mein Vater König wäre oder Bettler? Es ist absolut kindgemäß, wenn gerade ein Zehnjähriger das noch in einer spielerischen Form beantwortet und so tut, als ob.

Ich. Will. Rosa.

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Ist es ein Unterschied, ob sich ein Fünf-, ein Zehnjähriger oder ein Jugendlicher als Frau verkleidet?

Viel wichtiger als diese Frage ist die Frage des Kontexts. Ob das Kind das auch außerhalb des Faschings pflegt, welche Interessen und Freundschaften es sonst hat. Von einem einmaligen Erlebnis, wie es der Fasching ist, lässt sich gar nichts weiter schließen.

Bei Erwachsenen, mit denen ich mich unterhalten habe, hat die Verkleidung meines Sohnes eine Art positiv konnotiertes Stutzen hervorgerufen, weil er nicht das typische "role model" erfüllt.

Ja klar, üblich sind in dem Alter eher Sheriff und Darth Vader, also diese ganzen potenten Jungsrollen. Entwicklungspsychologisch ist es allerdings gerade im Alter zwischen acht und zwölf auch ganz normal, dass Jungen gucken: Was wäre, wenn ich als Mädchen zur Welt gekommen wäre? Oder umgekehrt Mädchen: Was wäre, wenn ich als Junge zur Welt gekommen wäre? Nicht alle leben das aus. Es könnte ein Zeichen sein, dass Ihr Sohn eine mutige Entscheidung getroffen hat, oder auch, dass er in einer Welt lebt, die ihn ganz arglos darüber nachdenken lässt.

Auch eine Horterzieherin hat gesagt, sie findet es "mutig". Ich wiederum finde es irritierend, dass sie es mutig findet. Gehört denn Mut dazu im Fasching?

Nicht dazu, eine Frau darzustellen. Es gehört aber Mut dazu, sich abseits des Kostüm-Mainstreams zu kleiden. Mit zehn schlüpfen die meisten Kinder ja eher in Rollen, die aus den Medien vorgegeben sind, aus der Filmwelt. Wie haben die Mitschüler reagiert, musste sich Ihr Sohn verteidigen?

Überhaupt nicht. Von denen hat keiner das besonders kommentiert. Und als er von seinem Plan erzählt hat, hat eine Mitschülerin ihm sofort ein Kleid geliehen. Für die Kinder war das gar nicht besonders. Hat sich durch die Genderdebatte etwas verändert? Blickt man heute anders auf Verkleidungen als noch in den 1970er oder 1980er Jahren?

Diese großgesellschaftlichen Debatten rutschen immer mit rein. Stellen Sie sich vor, einer läuft heute noch mit einem schwarz bemalten Gesicht und Baströckchen herum - undenkbar, da ist die Unbefangenheit völlig verloren gegangen. Oder nehmen Sie ein Kostüm, zu dem eine Waffe gehört - was sind das für Diskussionen! Selbst bei Kinderkostümen wie Cowboys und Indianern. Alle haben heute diese großgesellschaftliche Folie im Kopf. Da ist die political correctness, da ist die Genderdebatte, da ist die Arm- und Reich-Thematik. Wir haben ganz viele Filter als Erwachsene, durch die auch kindliches Geschehen betrachtet wird. Und das ist das eigentliche Problem. Dass wir mit dieser hochdifferenzierten Erwachsenensichtweise ein relativ einfaches entwicklungspsychologisch normales Kinderspiel betrachten. Da fragt man sich schnell: Ist das jetzt politisch korrekt, wie sieht es mit Fragen der Geschlechtsidentität aus, was ist mit der Gerechtigkeit, wenn einer mal den Macker spielt?

Die Frauen-Verkleidung schien von Erwachsenen eher positiv aufgenommen zu werden, als Ausbruch aus dem üblichen Rollenmuster. Aber es wurde eben doch bemerkt und nicht einfach so hingenommen.

Das ist die Kehrseite einer an sich wunderschönen Entwicklung. Positiv ist, dass Kinder heut viel mehr in unserem Fokus stehen. Aber wir lassen sie leider nicht da in Ruhe, wo wir sie noch in Ruhe lassen könnten. Alles wird beäugt, wird interpretiert. Dabei ist es doch so: Ein Kind hat einfach unterschiedliche, kreative Ideen. Da kann man dann gucken: Was macht es beim nächsten Mal, was macht es beim Oktoberfest, was im Sommerurlaub? Das ist doch einfach schön. Herzerfrischend normal.

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