Mit der Aufforderung "Zahl', was du willst" versuchen immer mehr Firmen und Lokale, Verbraucher zu locken.
Seit ein paar Tagen liegt Marokko in einem Brillengeschäft in der Münchner Fußgängerzone. "Stellen Sie sich einfach vor, Sie sind in Marrakesch auf dem Markt", sagt Matylda Gil jedes Mal, wenn ein Kunde sich mal wieder nicht traut, selbst einen Preis für ein Brillengestell zu benennen. Denn statt einer Zahl bekommt die Optikerin oft zu hören: "Ich soll den Preis wirklich selbst festlegen?" oder "Nein, das geht doch nicht, dann machen Sie ja Verluste!".
Was kostet die Ware? In manchen Geschäft bestimmt das der Kunde. (© Foto: dpa)
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Seit ihr Arbeitgeber, eine große Optiker-Kette, die Werbeaktion eingeführt hat, macht Frau Gil die Arbeit noch mehr Spaß - auch wenn sie jetzt manchmal Brillengestelle für einen Euro verkauft.
Mit dem Slogan "Zahl', was du willst" versuchen derzeit Restaurants, Ferienorte, Auto-Werkstätten oder Massage-Anbieter auf sich aufmerksam zu machen. Dabei müssen die Kunden nicht einmal handeln, sondern einfach nur den Preis bezahlen, der ihnen das Produkt oder die Dienstleistung wert ist - also im Zweifel keinen Cent.
Die totale Kundendemokratie soll es ermöglichen, neue Angebote risikolos zu testen. "Außerdem signalisiert dieses Konzept Qualität", sagt Ju-Young Kim, Marketingexpertin von der Universität Frankfurt. Nur wer von seinem Produkt überzeugt ist, lässt sich auf das Experiment ein. Zusammen mit Kollegen hat Kim das Modell in einer Studie wissenschaftlich untersucht. Ihr Fazit: Der Umsatz konnte bei vielen Anbietern deutlich gesteigert werden. In einem persischen Restaurant in Frankfurt wuchs der Umsatz mittags sogar um 32 Prozent. Und: Die Scham ist bei vielen Kunden immer noch größer als der Geiz.
Die Gäste zahlen freiwillig mehr
Wenn Martin Santer von seinem Projekt in der Tiroler Gemeinde Längenfeld erzählt, schwingen Stolz, aber auch Verwunderung mit. "In unseren Restaurants haben die Gäste sogar freiwillig mehr gezahlt als üblich", erzählt der Leiter vom Ötztal Marketing. Bei den Übernachtungen lagen die Einnahmen immerhin bei 70 bis 100 Prozent.
Eine Woche lang durften 110 Touristen Anfang Juli Heubaden, Raften, Ponykutsche fahren oder in der Luxustherme baden, ohne dafür eine Rechnung zu erhalten. "Wir wollten in diesen schwierigen Zeiten einfach mal was Positives bieten", sagt Santer. Außerdem habe man die eigene Qualität testen wollen. Ganz nebenbei hat der Qualitäts-Check den Bekanntheitsgrad des Dorfes gesteigert. Sogar aus Japan kamen Anfragen.
Vielerorts sind die Verbraucher noch skeptischer. Auch die Kunden des Brillengeschäfts in München: Die meisten Befragten vermuten hinter dem Satz "Sie bestimmen den Preis", der auf einem Plakat vor dem Laden prangt, ein Angebot mit Haken. "Die Deutschen sind sehr misstrauisch", bestätigt auch Matylda Gil - und nicht sehr gut im Handeln. "Unsere ausländischen Kunden können das viel besser." Wie sich die Werbeaktion bislang auf den Umsatz ausgewirkt hat? Dazu möchte man lieber noch nichts sagen.
In den drei Lokalen der Weinerei in Berlin herrscht schon seit Jahren völlige Preis-Anarchie. Wer etwa im "Frarosa" zwei Euro Eintritt zahlt, bekommt dafür ein Weinglas und kann erst trinken, dann zahlen nach Lust. Auch für das exquisite Vier-Gänge-Menü steht kein fester Preis auf der Karte. Doch nicht jeder Gast will sich am Ende des Abends über die Qualität den Kopf zerbrechen. Um die Gäste beim Griff ins Portemonnaie nicht zu überfordern, ist deshalb ein Richtwert von 20 Euro angegeben.
"Wir kaufen unsere Ware bei Feinkostlieferanten, da fällt es den Leuten oft schwer, den Preis richtig einzuschätzen", sagt Mitarbeiterin Anna. Zwar orientierten sich die meisten Gäste am Referenzpreis, doch etwa zweimal pro Woche müsse sie beim Abkassieren schon schlucken. "Wenn jemand nur einen Euro zahlt, frage ich natürlich, was da nicht gepasst hat." Meist bringe das Diskutieren aber nichts: "Diese Gäste wollen das Angebot einfach voll ausreizen."
Noch größer ist der Sparwille ohne persönlichen Kontakt. Wer sich 20 Minuten den Rücken massieren lässt, zahlt schon aus Höflichkeit einen angemessenen Preis. Wer sich dagegen eine CD aus dem Internet runterlädt, hat kein Problem, bis zum unteren Limit zu gehen. Als die britische Band Radiohead ihren Fans vor zwei Jahren freie Preisbestimmung für ihr neues Album gewährte, zahlten eine halbe Million Internetnutzer im Schnitt nur sechs Dollar für die CD, die anderen 60 Prozent überwiesen gar nichts. Allerdings konnte die Band mit der ungewöhnlichen Preisaktion viele neue Fans gewinnen.
Eine psychologische Grenze hat das Konzept allerdings: Es funktioniert nur bei eher günstigen Produkten. "Bei einem Porsche ist die Freude, viel gespart zu haben, mächtiger als der Wille, ein fairer Kunde zu sein", sagt Ju-Young Kim. Wo die Grenze genau liegt, muss erst noch erforscht werden. Bei dem Optiker in München gilt die Werbeaktion vorsichtshalber nur für Brillengestelle unter 100 Euro.
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(SZ vom 11.08.2009/mmk)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Auf dauer ist so ein Basar-modell schlecht für den ehrlichen kunden und schlecht für den kunden, der wenig zeit hat. Es ist sogar schlecht für fast alle, außer für den händler.
Der händler muss seine kosten decken und seinen lebens-unterhalt erwirtschaften. Das gilt für jedes markt-modell. Also wird er beim Basar sein verhalten so ausrichten, dass er insgesammt genügend geld einnimmt. Geld sparen also nur die skrupellosen, die wirklich nur einen Euro zahlen. Diesen verlust des händlers müssen aber alle anderen kunden ausgleichen, zahlen also mehr als nötig. Somit ist der ehrliche der dumme.
Selbst wenn es diese skrupellosen menschen nicht gäbe oder sie irgendwie gebremst werden würden: es wird immer menschen geben, die auf dem Basar zuviel zahlen: weil sie keine zeit zum feilschen haben, weil sie ehrlich sind und ihnen das feilschen daher schwer fällt, weil sie keine zeit haben, vorher stundenlang nach dem wert zu forschen, etc.
Tatsächlich kostet dieses modell den kunden auf lange sicht sogar mehr: sie müssen zeit investieren, um zu forschen, welcher preis denn angemessen wäre, sie müssen zeit und nerven investieren, um zu feilschen, wobei der händler die kunden-argumente alle schon kennt und entsprechende antworten auswendig kann, etc
Ich habe mal eine reise in ein land gemacht, wo man bei jeder banane um den preis streiten muss. Tut man es nicht, zahlt man das doppelte des durchschnitts-preises. Tut man es doch, streitet man wegen einen banane fünf minuten mit dem händler und hat am ende auch noch das ungute gefühl, man hätte sie noch billiger haben können.
Klar wird es menschen geben, die sich eine haushälterin leisten können und die hat dann die preise für die alltags-dinge im kopf. Aber kann sich jeder von uns einen professionellen einkäufer leisten? Sicher nicht.
Allerdings lockt dieses Basar-modell viele dumme menschen an, die sich für schlau halten, denen die anderen mitmenschen egal sind und die nicht begreifen, dass auch sie am ende draufzahlen.
Das ist m.E. auch ein Versuch, das Kaufverhalten von Cross Channel Kunden zu beeinflussen. Nach aktuellen Studien informieren sich ca. 30% der Käufer in anderen Medien (Katalog o. Online), bevor sie im Laden kaufen. Das gilt prozentual ziemlich identisch auch für die anderen Kanäle.
Mit einem solchen Angebot ist aber die Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben, und der Kunde kauft das vermeintliche Schnäppchen.
Ich bin, schon berufsbedingt, sehr eCommerce affin, und habe mir die aktuelle Brille online gekauft. Der Preis für ein Titangestell und einwandfreie Gläser war so lächerlich, daß ich den sicherlich nicht mal bei freier Preiswahl aufgerufen hätte. Daher glaube ich fest daran, dass sich dieses Modell für den Optiker gut rechnen wird.
Apollo ist ja bekannt für dämliche aktionen, bei denen man am ende immer drauf zahlt. hab mir neulich ein angebot machen lassen, es waren ca. 40 euro, bei fielmann hats dann 10 euro gekostet.
das fette geld wird an den gläsern verdient, die gestelle kosten ja fast nichts im einkauf, zumindest wenn es keine teuren marken sind.
Das Konzept funktioniert natürlich auch nur mit sehr stark personalisierten Produkten und gewissen Grenzen.
Man muss auch verhindern, dass Leute sich so günstig mit fertigen Produkten eindecken und sie dann teurer weiter verkaufen.
Ich weiß das Brillengestelle die Fielmann für 0,- Euro abgegeben hat bei anderen Optikern für 100 Euro verkauft wurden.
Der Kunde weiß ja in der Regel nicht was ein Brillengestell in der Herstellung kostet.
Es geht ja nur darum was ihm das Gestell wert ist und er bereit ist dafür auszugeben.
Meine Brillengestell waren die letzten 20 Jahre immer Sonnenbrillengestelle da viel günstiger, wo ich mir meine passenden Gläser hab rein machen lassen.
Das mit dem Du bestimmst den Preis werde ich jetzt aber mal ausprobieren und 10,- ist es mir Wert.