Vergnügungssteuer für Tantra-Massage "Hier geht es um sexuelle Kultur"

Tantra-Massage - sexuelle Dienstleistung, Wellness oder Berührungskunst?

(Foto: Marla Schnee (Ananda))

Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg beschäftigt sich derzeit mit der Frage: Sind Tantra-Massagen sexuelle Dienstleistungen und damit vergnügungssteuerpflichtig? Die Inhaberin eines Massage-Institus in Köln findet: nein. Ein Gespräch über den Versuch, Körperarbeit zu kategorisieren.

Von Violetta Simon

Sind Tantra-Massagen sexuelle Dienstleistungen und damit vergnügungssteuerpflichtig? Diese Frage klärt derzeit der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg. Die Inhaberin einer Massagepraxis hatte gegen die Stadt Stuttgart geklagt, nachdem diese sie zur Zahlung der Abgabe aufgefordert hatte. Im November 2013 urteilte das Stuttgarter Verwaltungsgericht in erster Instanz, dass es sich bei einer Tantra-Massage zwar nicht um Prostitution im Sinne des Prostitutionsgesetzes handelt. Vergnügungssteuer müsse die Masseurin dennoch zahlen, so das Gericht. Die Frau hat nun Berufung eingelegt.

Martina Weiser ist Tantra-Masseurin und Inhaberin der tantrischen Massagepraxis "Ananda" in Köln, dem größten Institut für diese Art der sinnlichen Ganzkörpermassage in Deutschland. Nach ihrem Psychologiestudium erlernte sie neben diverser Massagetechniken auch Körperarbeit, Bonding und Atemtherapie und eignete sich taoistisches und schamanische Wissen über Sexualität an. Im Gespräch mit Süddeutsche.de erläutert die Mitbegründerin des Tantramassage-Verbandes, warum Tantra-Massage keine sexuelle Dienstleistung sei, sondern Kunst.

Süddeutsche.de: Es ist für Sie vermutlich nicht einfach, auf einer Party die Frage "Und, was machst du so?" zu beantworten. Wie würden Sie Ihre Tätigkeit in einem Satz beschreiben?

Martina Weiser: Das kommt darauf an, in welchem Umfeld ich mich bewege und ob ich nur ein oberflächliches Gespräch führen will. Manchmal sage ich, ich habe eine Wellness-Massagepraxis. Wenn ich merke, jemand ist offen dafür, sage ich, dass ich eine Tantra-Massagepraxis habe. Als Berufsbezeichnung gefällt mir am ehesten Berührungskünstlerin. Tantra-Massage ist eine Kunst. Ein Kunsthappening mit einem Zuschauer, der nicht nur sieht, sondern auch fühlt.

In Ihrer Massage-Praxis bieten Sie sinnliche Ganzkörpermassagen für Frauen, Männer und Paare an, die auch den Intimbereich mit einbeziehen - bis hin zum Orgasmus. Dennoch bezeichnen Sie ihre Einrichtung als Institut und wollen nicht als Bordell verstanden werden. Wo genau sehen Sie sich?

Glauben Sie mir, seit ich in diesem Bereich arbeite, bin ich damit beschäftigt, eine passende Kategorie dafür zu finden. Eigentlich bildet Tantra eine eigene, neue Kategorie zwischen Sexarbeit und Wellnessbranche. Die Tantra-Massage ist eine intensive Körperarbeit. Wir bedienen das Wohlgefühl, aber auch den Gesundheitsaspekt. Dennoch gehört sie weder in die Medizin, wo Berührungen ja asexuell sind, noch in die Erotiksparte im Rotlichtmilieu - auch wenn ich Sexarbeiter als Kollegen betrachte.

Und dennoch ist die Tantra-Massage keine sexuelle Dienstleistung?

In gewissem Sinne handelt es sich um eine Dienstleistung, für die wir ja auch Geld nehmen. Wir wollen das nicht künstlich ausklammern. Der Unterschied ist: Es dreht sich nicht vordergründig um Sex, sondern um den ganzen Körper. Da spielen sich vielleicht zehn bis 20 Prozent im Intimbereich ab. Es gibt Gespräche, Berührungen, die Masseurin ist unbekleidet, massiert den Kunden mit ihren Händen. So begegnen sich beide auf Augenhöhe und müssen sich aufeinander einlassen. Wenn es mir nur um sexuelle Triebabfuhr geht, gehe ich woanders hin - 50 Euro, eine halbe Stunde, und ich bin erleichtert. Dennoch wird die sexuelle Spannung nicht negiert, sie existiert schließlich. Wir sind Menschen, und Sex ist Bestandteil des Menschen. Er ist etwas schönes und natürliches, daher ist es wichtig, das anzunehmen.

Was bedeutet das Urteil des Stuttgarter Verwaltungsgerichts von 2013 für Sie, Tantra-Massagen als sexuelles Vergnügen und damit als steuerpflichtig einzustufen - fühlen Sie sich in die falsche Ecke gedrängt?

Genau das ist der Grund, warum wir hier aktiv sind und das so nicht stehen lassen wollen. Hier geht es um mehr als um die Grundsatzfrage "Ist das Rotlicht oder füllt das eine gesundheitliche Lücke?" Uns ist wichtig, das als Beruf zu sehen, der eine neue Kategorie bildet. Ich möchte nicht, dass unsere Arbeit auf sexuelles Vergnügen reduziert wird, das ist zu kurz gedacht. Hier geht es um eine sexuelle Kultur und um Wissen.