Vegane Ernährung Nicht Fisch, nicht Fleisch

Gemüse - nicht nur hübsch anzusehen, sondern ein Hauptnahrungsmittel für Veganer

Besser aussehen, weniger wiegen, sich fitter fühlen - und ein gutes Gewissen dazu: Warum werden nicht alle Menschen Veganer? Weil das nicht so einfach ist, wenn man ein Genussmensch ist. Ein Erfahrungsbericht.

Von Ruth Schneeberger

Teilzeit-vegan. Der Begriff sorgt meist für Lacher. Vor allem, wenn man ihn gegenüber Menschen fallen lässt, die sich wenig mit Ernährung beschäftigen. "Du bist Teilzeit-Veganer? Dann bin ich das auch: Ich esse nur dreimal am Tag Fleisch. Dazwischen bin ich völlig abstinent."

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"Erst das Fressen, dann die Moral - wie sollen wir uns künftig ernähren?" Diese Frage hat unsere Leser in der vierten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von zahlreichen Beiträgen, die sie beantworten sollen. Alles zur Recherche zu Fressen und Moral finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Witze über Veganer können lustig sein, genau wie Witze über Blondinen dann lustig sein können, wenn sie einigermaßen schlau oder überraschend sind - und sich nicht der üblichen, ausgelutschten Vorurteile bedienen. Denn natürlich sind nicht alle Blondinen doof, genauso wenig wie alle Veganer missionierende und anstrengende Verzichtsmenschen sind oder alle Fleischesser rücksichts- oder gedankenlose Egoisten, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.

Es ist nicht einfach, vegan zu sein. Auch wenn man gerne möchte. Aber es gibt viele gute Gründe, es zumindest einmal auszuprobieren. Diverse Fleischskandale, Experimentierfreudigkeit, Gewissensgründe, Moral oder Umweltfragen, Gewichtsabnahme oder der Wunsch nach naturbelassener Ernährung sowie gesundheitliche Aspekte sind einige davon. Ein weiterer Aspekt, der die Betrachtung lohnt: Es ist ein anhaltender Trend.

15 Kilo abgenommen

Attila Hildmann etwa stürmt gerade die deutschen Bestseller-Listen mit seinem dritten Kochbuch. "Vegan for Youth" verspricht nicht mehr nur leckere Alternativen zur konventionellen Ernährung wie sein erstes Buch, Abnehmen ohne Reue wie sein zweites. Es verspricht nun ganz unumwunden ein längeres Leben und besseres Aussehen, zusätzlich Zufriedenheit und innere Balance, wenn man sich an den Triathlon aus veganem Essen, einfachen Sportübungen und Meditation halte. Zumindest 60 Tage lang, so die "Challenge". Diverse "Challenger", die diese Ernährungs- und Lebensumstellung ausprobiert haben, lächeln strahlend in die Kamera und berichten allesamt: Die vegane Ernährung führe zu Gewichtsabnahme, mehr Energie, besserem Aussehen und mehr Zufriedenheit.

Und das stimmt sogar. Allerdings unabhängig von jeder "Challenge". Ohne je von Hildmann gehört zu haben, habe ich mich vor drei Jahren sechs Monate lang streng vegan ernährt und dabei so viel Grundsätzliches über Ernährung gelernt wie nie zuvor. Innerhalb der ersten drei Wochen habe ich acht, insgesamt 15 Kilo abgenommen. Komplett ohne Sport oder Meditation. Ich habe das Experiment wieder abgebrochen, weil die Motivation nachließ. Und weil ich gar nicht mehr aufhörte abzunehmen.

Geistig reger denn je

Ich hatte die leise Befürchtung, dass doch irgendein Mangel vorliegen müsste. Aber das stimmte nicht: Auch Sicherheitsgründen habe ich in dieser Zeit alle paar Wochen mein Blut untersuchen lassen. Die Werte hatten sich gegenüber vorher immer weiter verbessert, vor allem in Bezug auf Cholesterin. Auch an Vitamin B12, das Veganer oft extra zuführen, weil es kaum in pflanzlichen Stoffen vorkommt, mangelte es mir nicht; es wurde auch nicht weniger. Ich war kein einziges Mal krank, während mich vorher alle paar Wochen Erkältungskrankheiten geplagt hatten. Ich brauchte viel weniger Schlaf, obwohl ich ohnehin kein Langschläfer bin.

Und: Ich fühlte mich ausgeruhter und fitter, geradezu energiegeladen. Mein Körper war nicht ständig mit Verdauung beschäftigt. Dass ich irgendeinen Nährwertmangel erlitt, konnte ich weder körperlich noch geistig feststellen, ganz im Gegenteil: Ich fühlte mich konzentrierter, ausgeglichener und geistig reger denn je. Und hatte in öffentlichen Verkehrsmitteln und Aufzügen den Eindruck, dass um mich herum alle in einer Art Dämmerzustand waren: langsam, müde, überdrüssig. Ihre Körper schienen zu schlafen, der Geist schien auch nicht besonders wach zu sein.