Elf Millionen US-Bürger mussten nach eigenen Angaben 2005 manchmal hungern. Das US-Landwirtschaftsministerium benutzt den Begriff in seinen Berichten über die Versorungslage allerdings nicht mehr.

Jedes Jahr veröffentlicht das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) einen Bericht über die Versorgung der Amerikaner mit Nahrungsmitteln. Bislang wurde dort aufgezeigt, wie viele Bürger im Lande hungern mussten, und wie viele sich wenigstens vorübergehend keine Nahrung leisten konnten, ohne gleich zu hungern.

Armut in den USA. (© Foto: AFP)

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Auch für 2005 haben die Fachleute des Ministeriums diese Zahlen zusammengetragen. Demnach konnten 35 Millionen US-Bürger im letzten Jahr ihren Tisch nicht ausreichend decken, wie die Washington Post berichtet. Und elf Millionen von ihnen gaben an, manchmal an Hunger zu leiden.

Doch Hunger bedeutet beim Landwirtschaftsministerium jetzt nicht mehr das, was die Bürger darunter verstehen. Für das Ministerium ist dieser Hunger jetzt eine "sehr niedrige Nahrungssicherheit".

Die Erklärung dafür liefert Mark Nord, Wissenschaftler des Ministeriums und Hauptautor des Papiers. Hunger sei ein wissenschaftlich zu ungenauer Begriff, um ihn im Nahrungssicherheits-Bericht zu verwenden, erklärte er der US-Zeitung. Sehr niedrige Nahrungssicherheit sei ein besseres Maß.

Bereits vor drei Jahren hatte das Ministerium das Committee on National Statistics of the National Academy gebeten, die Messmethoden zu überprüfen, mit denen die Versorgung von amerikanischen Haushalten mit Nahrungsmitteln beurteilt wurde.

Eine der Empfehlungen der Wissenschaftler war, das Word Hunger nicht mehr wie bisher zu nutzen. Der Begriff sollte sich vielmehr auf die möglichen Folgen der Nahrungsunsicherheit beziehen.

Hunger wäre demnach jetzt ein aus "langfristigem und ungewolltem Nahrungsmangel resultierender Zustand, der durch Beschwerden, Krankheiten, Schwächen oder Schmerzen charakterisiert ist und über eine gewöhnliche unbehagliche Empfindung hinausgeht", zitiert die Washington Post.

Kritiker sehen Schönfärberei

Früheren USDA-Berichten zufolge gibt es in Amerika eine Gruppe von Menschen, deren Versorgung mit Nahrungsmitteln entweder als "sicher" oder "unsicher" beschrieben wurde. Die letzte Gruppe wurde nochmals unterteilt in Menschen mit "unsicherer Nahrungsversorgung ohne Hunger" und "mit Hunger".

Die letzten Formulierungen wurde nun ersetzt. Die Situation der Betroffenen wird jetzt als "sehr niedrige Nahrungssicherheit" bezeichnet, heißt es in der Zeitung. Gemeint sind diejenigen mit "mehrfachen Anzeichen gestörter Ess-Muster und reduzierter Nahrungsaufnahme".

Und wer nicht weiß, ob es am nächsten Tag etwas zu Essen geben wird, für den gilt nun die Bezeichnung "niedrige Nahrungssicherheit".

Kritiker sehen die neue Betrachtungsweise der Versorgungssituation als Schönfärberei. "Indem man das Wort Hunger aus den offiziellen Berichten heraus nimmt, leistet man Millionen von Amerikanern einen Bärendienst, die täglich darum kämpfen müssen, sich und ihre Familien zu ernähren", erklärt etwa David Beckmann von Bread for the World der Post.

Unglaubliche Zahlen

Dass es in den USA so viele Menschen gibt, die in einer "sehr niedrigen Nahrungssicherheit" leben müssen, konnte übrigens auch der jetzige Präsident George W. Bush nicht glauben, als er noch Gouverneur von Texas war.

1999, während des Präsidentschaftswahlkampfes, hatte er vermutet, die Zahlen über hungernde Texaner - fünf Prozent waren es damals - seien in Washington gefälscht worden, um ihn zu diskreditieren.

Dieses Jahr dagegen haben sich die Demokraten beschwert, der USDA-Bericht sei auf Betreiben der Bush-Regierung verspätet veröffentlicht worden, so dass die Zahlen erst nach der Kongresswahl bekannt geworden sind, berichtet die Zeitung.

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(sueddeutsche.de)