ÜberLeben zu Adoption Fast Familie

Trauer, Wut, Enttäuschung: Was von Mariam blieb, sind ein leeres Kinderzimmer und ein paar Videos auf dem Handy.

(Foto: Getty Images)

Dalila und ihr Mann wünschen sich nichts mehr als Kinder. Sie setzt dafür sogar ihre Gesundheit aufs Spiel. Schließlich bekommt das Paar die Gelegenheit zur Adoption - dann geht alles schief.

Protokoll von Hannes Munzinger

Dalila ist 27, als sie sich mit ihrem Mann Fabian entscheidet, eine Familie zu gründen. Dann durchkreuzt eine Krebserkankung ihren Plan. Dalila hält aber eisern daran fest und wird fünf Jahre später Pflegemutter. Doch ihr Glück hält nur einen Tag.

Als Ousman* seine kleine Tochter Mariam an die Hand nahm und von mir wegzog, wollte ich sie schnappen und mit ihr davonlaufen. Oder ihren Vater anspringen, zusammenschlagen und im Keller verstecken. Stattdessen stand ich - unfähig, mich zu bewegen - in meinem Wohnzimmer und sah dabei zu, wie mein Traum unter Tränen und Beschimpfungen auseinanderfiel. Mariam weinte und schrie "Mami no, Mami no!", sie wollte sich von ihrem Vater losreißen. Aber er hielt sie fest und ging mit ihr fort. Es war das letzte Mal, dass ich das Kind sah, das meine Tochter werden sollte.

Bis dahin war der Tag perfekt gewesen. Der erste gemeinsame Morgen in unserer Stuttgarter Wohnung, Mariams erster Einkauf in einem Supermarkt, erste Sätze in ihrer neuen, meiner Muttersprache: "I want ballon, this is very nice." Einfaches Familienglück. Am Nachmittag klingelte die Frau vom Jugendamt und brachte den Vertrag: "Das Kind befindet sich auf nicht absehbare Zeit in Vollzeitpflege bei den oben genannten Pflegepersonen". Mein Mann Fabian* und ich waren so etwas wie Eltern. Endlich.

Die Serie "ÜberLeben"

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen und wie Menschen aus Krisen wieder herausfinden. Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de.

Hinter uns lag ein langer Weg. Ein Weg, der mit dem Wunsch nach einem Kind begann und mich mehrfach an die Grenzen des Erträglichen geführt hatte.

Fünf Jahre zuvor hatten wir es zum ersten Mal versucht, ich hatte die Pille abgesetzt. Aber ich wurde nicht schwanger, sondern krank. Es war ein Freitag, als ich die Diagnose bekam: Darmkrebs. Am Montag darauf sollte die Behandlung starten, die Ärzte drängten. Für unseren Kinderwunsch ein doppeltes Drama: Der Darmtumor sollte mit einer Bestrahlung behandelt werden, die wiederum Gebärmutter und Eierstöcke irreparabel schädigen könnte.

Eine Chance war, meine Eizellen einzufrieren. Das aber brauchte Zeit - nicht bis Montag, sondern bis zu sechs Wochen. Ich musste eine Entscheidung treffen zwischen Kinderwunsch und Überlebensdrang: Sollte ich die Behandlung hinauszögern und die Risiken auf mich nehmen - für eine bessere Chance, danach schwanger zu werden? Oder den Krebs schnellstmöglich bekämpfen und damit riskieren, anschließend unfruchtbar zu sein?

Eierstöcke unter den Rippen

Ich erkannte, dass keine Kinder zu haben, für mich viel schlimmer sein würde, als jetzt zu sterben. Also entschied ich mich, mit der Krebstherapie zu warten und hielt mich an dem fest, was ich noch beeinflussen konnte. Die Eizellen wurden entnommen, schockgefroren und eingelagert - für bessere Zeiten.

Wenn die Sehnsucht nach einem Kind krank macht

Fünf Jahre lang hat Marion Fischer versucht, schwanger zu werden. Künstliche Befruchtung und Eizellenspende halfen nicht. Unterschätzt hat sie dabei den seelischen Schmerz, aus dem eine Depression wurde. Von Kerstin Lottritz mehr ...

Mein Mann und ich wollten nichts unversucht lassen. Ich las von Frauen, die sich die Eierstöcke in den Oberarm einnähen ließen, um sie vor der Bestrahlung zu schützen. Ein gruseliges Bild für Laien, ein Hoffnungsschimmer für mich. Ich recherchierte, suchte Spezialisten, las mich in das Thema ein. Am Ende wurden meine Eierstöcke unter die Rippen transplantiert, wo sie mit Blut versorgt und keinen Strahlen ausgesetzt waren.

Es folgten Bestrahlung und Chemotherapie. Sechs Wochen Horror, sechs Wochen Pause. Dann die Operation. Was die Chirurgen vorfanden, nennen Mediziner eine "Spontanheilung". Ich nenne es einfach ein Wunder. Der Tumor war komplett zurückgegangen, die Ärzte brauchten nur noch Narben zu entfernen. Ich kam in wenigen Tagen wieder auf die Beine. Nach dieser Wendung würde alles gut werden, dachte ich.

Doch die Ärzte hatten eine Entzündung übersehen. Die Schmerzen, die ich nach der Operation hatte, hielten sie für Einbildung. Als man in einem anderen Krankenhaus die Ursache doch gefunden und behandelt hatte, infizierte ich mich dort auch noch mit einem Krankenhauskeim. Ein ganzes Jahr verging so. Fabian und ich trafen nur noch Entscheidungen, die überlebenswichtig waren.

Wo fängt man da wieder an? Wie sollten wir lernen, zu tun, was wir wollten - und was wollten wir eigentlich? Wir sehnten uns nach einem ganz normalen Alltag, mit Arbeit und Kindern. Hauptsache, keine düsteren Gedanken mehr.