ÜberLeben Ingrid Steeger: "Ich habe gelernt, zu gehorchen"

Ingrid Steeger wird am 1. April 70.: Eliza Doolittle ist meine Gefährtin, mein Ein und Alles und meine beste Therapeutin. Vor ihr muss ich nichts verbergen, mich nicht verstellen und nicht schauspielern

(Foto: Stephan Rumpf)

Sie hatte einen Bekanntheitsgrad in Deutschland von 98 Prozent, mehr als die Hälfte der Männer hätte für sie ihre Frau stehen lassen: Doch das Leben von Ingrid Steeger war alles andere als wunderbar. Aus der Serie "ÜberLeben".

Protokoll von Lars Langenau

Ich wäre gerne Archäologin geworden: Steine freipinseln, das wäre was für mich gewesen. Bei mir selbst die Schichten der Vergangenheit freizulegen, fiel mir lange schwer. Vor ein paar Jahren habe ich meine Biografie veröffentlicht. Jede Nacht erst in Bonn im Theater gespielt, dann geschrieben. Der Prozess des Schreibens war schrecklich, denn es brach alles noch einmal auf. Alles, was in meiner Kindheit und danach schiefgelaufen ist, alle Verletzungen und Wunden. Doch diese Aufarbeitung war notwendig für mein Überleben.

Zu dieser Zeit ist auch meine böse Mutter gestorben. Sie wurde 100 Jahre alt und hat doch nichts von ihrem Leben gehabt. Meine Schwester sagte immer: Böse Menschen können nicht sterben. Bei unserer Mutter traf das zumindest sehr lange zu. Ihr ganzes Leben hatte sie uns gezeigt, dass wir nicht gewollt waren. Versöhnt haben wir uns nie, aber zum Ende ihres Lebens hatte ich Mitleid mit ihr. Da war sie dement und so wund gelegen, dass man sie nicht anfassen konnte.

Die Wohnung meiner Eltern in Berlin-Moabit war ausgebombt, nach dem Krieg lebten wir alle zusammen in einem Zimmer. Für meine Mutter waren unsere Lebensumstände eine Schande, wie für sie alles eine Schande war. Nach außen wahrte sie den Schein. Doch drinnen war die Hölle.

Als jüngstes Kind schlief ich bis zu meinem sechsten Lebensjahr bei meinen Eltern im Bett. Was sich zwischen den beiden abspielte, hatte mit Liebe nichts zu tun. Ich wurde hin und her geschoben, damit mein Vater sich seinen Willen mit Gewalt holen konnte. Da habe ich gelernt, dass der weibliche Körper nicht den Frauen selbst gehört.

Ich wurde so erzogen, dass ich zu gehorchen habe - und niemand bin. Vor meiner Mutter konnte ich mich nur in einer Ecke neben einem Schrank verstecken, in der mich ihre Schläge mit dem Kleiderbügel nicht erreichten. Bei meinem Vater mussten wir Flusen und Krümel vom Teppich aufsammeln. Natürlich fand er bei der Inspektion immer etwas, und meine Schwester und ich wurden wieder windelweich geprügelt. All das haben wir stumm ertragen. Vielleicht noch schlimmer aber als die Schläge war, dass man bei uns zu Hause nicht redete. Doch wenn man ein Kind ist, denkt man, das alles sei normal.

Die Serie "ÜberLeben"

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen und wie Menschen aus Krisen wieder herausfinden. Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de.

Süßigkeiten habe ich gehasst

Ich bin extrem schmal, selbst in den Wechseljahren änderte sich das nicht. Mit Mitte, Ende 20 fand mich mein Entdecker, der Klimbim-Regisseur Michael Pfleghar, zu dünn. Wir waren ein paar Jahre zusammen, auch wenn er unsere Beziehung nach außen leugnete. Jedenfalls zwang er mich damals, jeden Tag ein Stück Torte zu essen. Ich habe es gehasst.

Mein Großvater war Konditor, und wenn der mit was Süßem ankam, wusste ich schon, was er wollte. Mit sechs, sieben Jahren hat er mich vielfach sexuell missbraucht. Als ich meiner Mutter sagte, was mein Opa macht, setzte es wieder nur Schläge. Er war ihr Vater, und wir wurden am Wochenende oft zu ihm geschickt, dann gab es immer Marzipan. Bis heute kann ich den Geschmack und selbst den Geruch von rohem Marzipan nicht ab. Seine Berührungen empfand ich als ganz und gar widerlich, aber nicht als etwas Unrechtes. Später erfuhr ich, dass jeder in meiner Familie von seiner Neigung wusste. Da ihn nie jemand anzeigte, wurde er nie belangt.

Meine Welt als Heranwachsende in dieser Umgebung war die der großen Leidenden, der Welt der großen Dramen. Die Elenden von Victor Hugo wurde zu meiner Bibel. In der Schule traute ich mich nicht, laut vor den anderen zu sprechen, aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Ich ging später auf eine Handelsschule und wurde Stenotypistin, aber das war furchtbar langweilig.

Meine Schwester und ich gingen Abend für Abend tanzen, um die Enge und Lieblosigkeit unseres Elternhauses zu vergessen. Irgendwann bekamen wir das Angebot, in Rolf Edens Playboy-Club als Gogo-Girls zu tanzen, und kurze Zeit später gewann ich da eher zufällig 1000 Mark als "Miss Filmfestspiele 1968". Das war mein Grundkapital für meinen Auszug, in mein erstes eigenes Zimmer und mein eigenes Bett!