Übergewicht in Afrika "Früchte? So was essen Vögel"

Wenn man ein Sinnbild für das Elend Afrikas kennt, ist es das spindeldürre Biafra-Kind mit aufgeblähtem Bauch. Der Hungerkontinent hat aber auch andere Seiten: Die Afrikaner werden immer dicker.

Von Arne Perras

Kann es etwas Schöneres geben, als dick zu sein? Wohl kaum, ansonsten gäbe es all die Werbezettel auf Afrikas Straßen nicht. In Ugandas Hauptstadt Kampala locken selbsternannte Ernährungsspezialisten die Frauen mit dem Spruch: "Big Hips, Big Bums." Dicke Hüften, dicke Hintern. So muss es sein, wenn der Mann die Frau seiner Träume finden soll. In manchen Gebieten Westafrikas ist es noch extremer. Dort werden Mädchen schon als Kleinkinder gequält und mit Essen vollgestopft. Nur so erreichen sie später die nötige Leibesfülle, um ihre Gatten zu beglücken. Aber auch Männern wird in diesen Breiten oft mehr Respekt gezollt, wenn sie einen dicken Bauch zur Schau tragen. Das zeigt, dass es einer im Leben zu etwas gebracht hat.

Der Gesundheit dient das alles kaum. Forscher warnen, dass übermäßige Leibesfülle in Afrika zu einem ernsthaften Problem heranwächst. Daten der Weltgesundheitsorganisation belegen, dass in zahlreichen Staaten des Kontinents jeder zweite oder dritte Bewohner übergewichtig ist. Der Agrar- und Ernährungsspezialist Jacky Ganry sprach im afrikanischen Radio schon von einer "kritischen Situation".

Das mag Menschen in reichen Ländern überraschen. Wenn sie ein Sinnbild für das Elend Afrikas kannten, dann war es das Biafra-Kind: Hungerbauch, spindeldürre Arme und Beine, ausgezehrtes Gesicht. Solche Fotos haben sich eingeprägt. Not und Unterernährung bestimmen die Vorstellungen über Afrika bis heute. Der Vormarsch der Dicken aber zeigt, dass der Hungerkontinent auch seine anderen Seiten hat.

Leibesfülle und Unterernährung - mit beiden Problemen wird der Kontinent noch zu kämpfen haben. Darin spiegeln sich vor allem die wachsenden Extreme, die Afrika mit seiner schnellen, aber ungleichen Wirtschaftsentwicklung erlebt. Es sind also nicht nur Schönheitsideale, die das Übergewicht befördern. Die Metropolen Afrikas wachsen schneller als irgendwo sonst auf der Welt. Und gerade dort essen die Menschen viel zu selten und zu wenig Gemüse. Das Grünzeug ist teurer als sattmachende Stärke, und es wächst eben nicht mehr im Garten vor der Tür. Wenn ein Arbeiter in Kampala zu Mittag isst, dann kauft er sich auf der Straße ein paar "Rolex", gerollte Weißmehlfladen mit gebratenen Eiern drin. Das ist billig und macht satt.

Die wachsende urbane Mittelschicht in Afrika liebt Bier und gebratenes Fleisch in großen Mengen - das kann man in jedem fröhlichen Club am Wochenende besichtigen. Auch Fastfood-Ketten machen sich in den Städten breit. Wissenschaftler warnten bei einer Agrarkonferenz in Dakar, dass nur sehr wenige Afrikaner die empfohlene Menge an Obst und Gemüse zu sich nähmen. Manchmal gibt es sie nicht zu kaufen oder sie sind zu teuer, manchmal werden sie aber auch verschmäht. Papaya, Melone, Ananas, Mango, das klingt für manche verführerisch. Aber es gibt auch andere Meinungen. Ein alter Mann in Tansania hat es einmal so gesagt: "Früchte? So was essen Vögel und Kinder."

Die Gefahren des Übergewichts sind in Afrika so ernst zu nehmen wie auf allen anderen Kontinenten. Die Dickleibigkeit leistet vielen gefährlichen Leiden Vorschub, etwa Herzkrankheiten, Bluthochdruck und Diabetes. "Das Leben kann so süß sein", sagen sie in Afrika, wenn einer zu Geld gekommen ist. Doch so schmackhaft der neue Wohlstand auch sein mag, ohne Obst und Gemüse kann er bitter enden.

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