Übergewicht "Es sind meine Darmbakterien"
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Wer sich für einige Kilos zuviel rechtfertigen will, kann das in Zukunft mit einem Verweis auf die kleinen Mitbewohner in unserem Verdauungstrakt versuchen.
Sind es Stoffwechselprobleme? Ist es Veranlagung? Wer das Gefühl hat, er oder sie müsste sich für überschüssige Kilos rechtfertigen, der kann in Zukunft mit einer neuen Erklärung aufwarten: "Es sind meine Darmbakterien."
Warum sind manche Menschen dicker als andere?
(Foto: Foto: iStockphoto)Denn, so berichten US-Forscher, die kleinen Bewohner unseres Verdauungstraktes beeinflussen möglicherweise das Körpergewicht.
Wie die Wissenschaftler um Jeffrey Gordon von der Washington University School of Medicine in St. Louis berichten, zeigen übergewichtige Menschen eine andere Bakterien-Zusammensetzung im Verdauungstrakt als Normalgewichtige.
Damit, so schreiben die Forscher in Nature (Bd. 444, S. 1027 und 1022 2006), biete sich die Darmflora möglicherweise auch als Ansatzpunkt für Therapien gegen Fettleibigkeit an.
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Der Großteil der Darmbakterien - mehr als 90 Prozent - gehört einer der beiden großen Stämme von Bakterien an: den Firmicutes oder den Bacteroidetes.
Dicke und dünne Darmflora
Wie Gordons Gruppe durch eine genetische Untersuchung der Darmflora zeigte, besitzen übergewichtige Menschen mehr als 20 Prozent mehr Firmicutes-Bakterien als Normalgewichtige, und fast 90 Prozent weniger Bacteroidetes.
Nachdem die Forscher ihre zwölf übergewichtigen Versuchspersonen für ein Jahr auf eine Diät mit weniger Fett oder Kohlenhydraten gesetzt hatten, verloren sie nicht nur bis zu 25 prozent ihres Gewichts - in ihrem Darm änderte sich auch das Verhältnis zugunsten der Bacteroidetes.
Ob nun die Bakterien an der Gewichtsveränderung beteiligt waren, oder die Diät zugleich Einfluss auf die Körper- und Bakterienmasse hatte, war natürlich danach noch unklar.
Doch ein Versuch an Mäusen zeigte, dass die Bakterien offenbar tatsächlich eine wichtige Rolle spielen:
Übertragenes Übergewicht
So konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die Darmbakterien von übergewichtigen Tieren mehr Energie aus der Nahrung herausholten.
Und übertrugen die Forscher die Darmflora übergewichtiger oder schlanker Tiere auf Artgenossen, deren Darm bis dahin weitgehend keimfrei war, stieg deren Körperfettanteil unterschiedlich an. Jene Mäuse mit "fetten" Mikroben legten weit mehr zu als jene mit "schlanken" Mikroben.
Möglicherweise spielten die Darmbakterien bei der Gewichtsregulation ebenso eine Rolle wie Bewegung oder Kalorienaufnahme, folgern die Wissenschaftler. Bei einer Behandlung von Fettleibigkeit könnte eine Manipulation der Bakterien-Zusammensetzung demnach vielleicht hilfreich sein.
Allerdings ist noch unklar, wie dies vor sich gehen könnten - und ob dabei Nebenwirkungen auftreten. Auch könnten andere Mechanismen, die das Körpergewicht mitregulieren, die Veränderungen kompensieren, befürchtet Stephen Bloom vom Imperial College in London in den Online-News des Fachmagazins.
Wer sein erhöhtes Körpergewicht nun tatsächlich mit den Organismen im Bauch erklären will, sollte zugleich darauf hinweisen, dass einige Forscher noch nicht überzeugt davon sind, dass die relativ kleinen Unterschiede bei der Nahrungsverwertung tatsächlich für die mitunter bedeutenden Unterschiede im Körpergewicht verantwortlich sind.
Das ist jedenfalls der Tenor eines Kommentars von Matej Baljzer und Randy Seeley von der University of Cincinnati (Nature, Bd. 444, S. 1010, 2006).
Als "möglicherweise revolutionäre Idee" bezeichnen die zwei Forscher die Vorstellung Gordons. Aber: Es gebe noch zahlreiche Fragen, etwa welcher Sinn hinter diesem System stecke und wie es reguliert werde.
Dass man sich bei einem übergewichtigen Mitmenschen mit den "fetten" Bakterien anstecken kann, ist übrigens unwahrscheinlich. "Es gibt keinen einfachen Weg, die Mikroben zu übertragen", erklärte Seely Nature News.
Übergewicht hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in der entwickelten Welt drastisch ausgeweitet. Als wesentliche Ursachen für das Massenphänomen gelten Essen mit viel Fett und viel Zucker sowie wenig Bewegung.