Überbehütete Kinder Big Mother is watching you

Abenteuerspielplatz? Fehlanzeige. Spätestens seit Madeleines Verschwinden nehmen Eltern ihren Kindern immer mehr Spielraum, um sie zu beschützen.

Von Petra Steinberger

Wird man das Mädchen finden? Werden die Eltern damit fertig? Das waren die Reaktionen am Anfang. Jeder verstand, was die Eltern der kleinen Madeleine durchmachten.

Fest an Mamas Hand: Das Veschwinden eines Kindes gehört zu den größten Ängsten von Eltern.

(Foto: Foto: istock)

Dann kam der Backlash. Und er war heftig. Wie konnten die McCanns drei kleine Kinder allein in einer Ferienwohnung lassen? Sie saßen zwar nur 50 Meter vom Hauseingang entfernt in einem Restaurant. Sie schauten jede halbe Stunde nach den Kindern. Sagten sie. Aber eine halbe Stunde, das war vielen schon zu lang. Da konnte alles mögliche passieren. Ein Feuer. Ein Unfall. Alles. Dann dieser Medienrummel. Für wen hielten sie sich?

"Wichtig ist hier die unfassbar dumme Nachlässigkeit der Eltern. In den Vereinigten Staaten haben wir Eltern das Sorgerecht für weniger entzogen und manchmal sogar Strafverfahren eingeleitet!", schimpfte eine Frau in einem Blog, und eine andere: "Was diese Leute machten, nämlich drei Kinder unbeaufsichtigt zu lassen, kann in Kalifornien als Kindesmisshandlung bestraft werden."

Man rief nach der Polizei und nach dem Staatsanwalt, als ob es tatsächlich einen Unterschied mache, ob die McCanns ,"gute" oder "schlechte" Eltern sind. Manchmal erschienen die Reaktionen wie ein Beschwörungsritual, um die Gefahren abzuwehren, die den eigenen Kindern drohen könnten. Wie das Dritte Auge, das Mütter in Asien ihren Neugeborenen aufmalen gegen den bösen Blick: Seht her, ich bin eine gute Mutter, ich bin ein guter Vater, ich werde meine Kinder nie allein lassen, und deswegen wird ihnen nie etwas zustoßen.

Die Große Angst vorm "Mitschnacker"

Das Verschwinden eines Kindes gehört zu den größten Ängsten aller Eltern. Aber die heftigen Angriffe gegen die McCanns sind Indizien für etwas anderes. Wie es der Zufall wollte, trafen sich in diesen Tagen Pädagogen und Soziologen an der Universität von Kent, um über die "Überwachung der Eltern in Zeiten 'intensiver Kindererziehung'" nachzudenken. Einer war dort, den die Reaktionen keineswegs verwunderten. Frank Furedi hat vor ein paar Jahren ein Buch veröffentlicht über "Die Elternparanoia". Seither sei es noch schlimmer geworden. "Man kann nicht jedes Kind, jeden Erwachsenen als Geisel eines Worst-Case-Szenarios nehmen", sagt er. "Im Moment senden wir das Signal aus, dass Erwachsene so vertrauensunwürdig sind, dass die Polizei sie alle überwachen muss. Genau das lernt jedes Kind, und das ist eine weit größere Tragödie für das Land als die Entführung eines einzelnen Kindes. Wenn die ganze Nation von dieser dysfunktionalen, fehlgeleiteten Kultur beherrscht wird, dann hat das vernichtende Konsequenzen."

Das mag unsensibel erscheinen. Aber Furedi beklagt eine Tendenz, die nicht nur in den angelsächsischen Ländern zugenommen hat. Eltern wägen Risiken nicht mehr ab, überlegen nicht mehr, was dem Kind noch zugetraut werden kann und was schon zu gefährlich ist. Sie nehmen von vornherein den schlimmsten möglichen Fall an, den Worst Case. Und versuchen, jedes Risiko auszuschließen.

Die totale Sicherheit gibt es nicht

Und sie führt in eine Übervorsicht, die Kindern nichts mehr gestattet, sie nicht mehr aus den Augen lässt, sie nichts mehr selbständig tun lässt. Eine englische Mutter folgte im Auto dem Bus, der ihren Sohn ins Ferienlager brachte.

Die Überwachung kann dauern, bis die Kinder erwachsen sind. Helicopter Parenting nennt man es inzwischen in Amerika, wenn die Eltern ihre Kinder bis ins College überwachen. Das Mobiltelefon, sagt der Pädagogikprofessor Richard Mullendore, "ist zur längsten Nabelschnur der Welt geworden." Wen wundert es da noch, dass in die Mobiltelefone der Kinder Überwachungssender eingebaut werden sollen. Manche Eltern träumen schon vom implantierten Chip. Damit würden Kinder "wieder freier", meinte eine Mutter, denn man müsse ihnen nicht mehr hinterherlaufen.

Es ist Angst, die sie dazu treibt. Eine Angst, die nicht mehr ganz rational ist, Angst vor dem plötzlichem Kindstod, vor ungesundem Essen, vor unsicheren Spielsachen, selbst vor der Familie, denn passieren nicht die meisten Missbrauchsfälle in der Verwandtschaft? Vor allem ist es Angst vor der Welt da draußen, vor Fremden, vor Erwachsenen also.

Weil inzwischen allen Erwachsenen misstraut wird, ist jene gesellschaftliche Solidarität zusammengebrochen, die dafür sorgte, dass Eltern ihre Kinder auch einmal laufen lassen konnten in der Gewissheit, dass andere auf sie schauten. Wer sich heute bei Ikea zu einem weinenden Kind hinunterbeugt, das vielleicht seine Mama verloren hat, muss damit rechnen, dass eine aufgelöste Mutter auftaucht, um den vermeintlichen Kindsentführer zu vertreiben. Lehrer haben Angst, Kinder tröstend in den Arm zu nehmen, weil sie des Missbrauchs verdächtigt werden könnten.

Tatsächlich aber sind tragische Fälle wie Madeleines Verschwinden genauso selten wie früher. Dafür hat die Sorge um die Sicherheit obsessive Formen angenommen. Kinder werden überallhin gefahren, zum seit Wochen geplanten play date, zum Sport, zum Klavierunterricht. Noch 1971 gingen acht von zehn Achtjährigen in England allein zur Schule, heute ist es statistisch weniger als einer.

Ein Report des "Children's Play Council" kam schon in den neunziger Jahren zu dem Schluss, dass viele Kinder zu Gefangenen im eigenen Haus geworden seien. In Deutschland ist der sogenannte Streifradius von Grundschulkindern, also der Umkreis, in dem sie sich bewegen, seit den siebziger Jahren von 20 auf vier Kilometer geschrumpft. Kinder dürfen immer seltener allein auf der Straße spielen. Pädagogen sprechen von einer "Verinselung der Kindheit", wenn Kinder keinen Zugang mehr haben zu den verlassenen Gärten, den vermatschten Gruben, den Hütten und Höhlen voller Geheimnis und Abenteuer. Jetzt sitzen sie vor dem Computer. Werden fett. Und einsam.

Mutterglucken und Angsthasen

Dass die elterliche Übervorsicht, die Züge von Hysterie trägt, besonders ausgeprägt ist in den USA, in Australien und England, mag daran liegen, dass dort das Vertrauen in die Meritokratie so stark ist - also der Glaube daran, dass jeder durch Leistung allein nach oben kommen kann. Das bedeutet umgekehrt, dass die Eltern, und sie allein, verantwortlich sind, wenn das Kind nicht das erreicht, was es erreichen soll: die beste Universität, die beste Anwaltskanzlei, den höchsten Posten. Eltern fördern und fordern und wachen. Spielzeit ist vergeudete Zeit. Schnell gilt eine Familie als verwahrlost, wenn sie die Kinder laufen lässt.

Und die "Kindersicherheitsindustrie", wie Furedi sie nennt, verstärkt die elterliche Unsicherheit noch. Pädagogen und Psychologen hätten jeden Aspekt der Erziehung in ein Problem verwandelt, "man versucht, das Familienleben zu professionalisieren". Weil alle Eltern erst lernen müssen, Eltern zu sein, glaubt der Staat, er müsse es lehren. Und vergisst, dass es zu den menschlichen Errungenschaften gehört, aus Erfahrungen und, ja, Fehlern zu lernen. Improvisation ist nicht mehr gefragt. Laufenlassen und Loslassen auch nicht.

In den USA macht gerade "Das gefährliche Buch für Jungs" Furore, das Buben wieder beibringen soll, wie man Flugzeuge baut, Hasen jagt und Steine schleudert. Alles unter Aufsicht der Väter. "Wir nannten es Spielen", resümiert ein Vater, "heute klingt es wie Hausaufgaben machen."