Typologie der Tinder-Nutzer Rudelfrau trifft Nacktmull

Die App "Tinder" erfreut sich großer Beliebtheit.

(Foto: Quelle: Tinder)

Die Dating-App "Tinder" erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Wen findet man bei der oberflächlichsten Flirt-App der Welt eigentlich so? Eine Typologie.

Aus der SZ.de-Redaktion

"Tinder" ist die oberflächlichste Dating-App der Welt - und die aktuell am schnellsten wachsende dazu. In den USA gibt es "Tinder" ("Zunder"), dessen Symbol eine orangefarbenen Flamme auf weißem Grund ist, seit September 2012. Inzwischen wird die App mehr als 20 000 Mal pro Tag heruntergeladen. Längst ist "Tinder" auch in Deutschland angekommen und erfreut sich vor allem wegen seiner einfachen wie effektiven Nutzerführung in der Zielgruppe der 18- bis 35-Jährigen großer Beliebtheit. Sie greift auf die Facebook-Profile der Nutzer zu und zeigt Flirtwillige mit Bild und Alter in der näheren Umgebung an. Nach dem "Hot or Not"-Prinzip lassen sich angezeigte Dating-Vorschläge mit einfachen Wischgesten aussortieren, beziehungsweise in die engere Wahl einbeziehen. Wenn beide auf ein grünes Herzchen geklickt haben, heißt es: "It's a match". Wen man bis zum erfolgreichen Matchball auf dem Feld des virtuellen Flirtens trifft - unsere Typologie.

Die Philosophen

Sechs Fotos und 500 Zeichen. Mehr Platz steht bei Tinder nicht zur Verfügung, um sich zu verkaufen. Und wenn man ehrlich ist, entscheiden letztlich eigentlich nur die Fotos. Dennoch spricht nichts dagegen, auch noch eine Kleinigkeit zu schreiben. Ein Mini-Steckbrief etwa, mit Hobbys, Herkunft und Beruf. Manche verraten an dieser Stelle auch einfach nur die Körpergröße; kann ja für den ein oder anderen eine wichtige Info sein. Und manche belassen es bei einem Smiley.

Dem Philosophen und der Philosophin reicht das nicht. Sie haben den Anspruch, hier ihre Gedanken auszubreiten. Gedanken, die sie für so klug und originell halten, dass sie der Welt nicht vorenthalten werden dürfen. Könnte diese Welt ja verändern. Dumm nur, dass neun von zehn Sprüchen hier nach Poesiealbum klingen und am Ende nicht mehr aussagen als: Carpe diem. Ob und wie so etwas ankommt, ist empirisch nicht belegt. Man könnte aber vermuten, dass es niemandem zum Nachteil gereicht, wenn er keines der 500 Zeichen nutzt. Oder wenn man, wie es viele tun, an dieser Stelle einfach nur einen Link hinterlässt. Zu Instagram. Da gibt es nämlich noch mehr Fotos.

Die Geheimnisvollen

Der oder die Geheimnisvolle ist vor allem etwas für Menschen, die auch ein gebrauchtes Fahrrad kaufen, ohne vorher die Bremsen getestet zu haben. Menschen, die sich bei WG-gesucht über ein 30-Quadratmeter-Zimmer in der Kaufingerstraße für 300 Euro im Monat freuen - so sehr, dass sie die geforderte Kaution sofort auf ein Konto in Rumänien überweisen. Kurz: Für Menschen, denen Misstrauen fremd ist.

Denn Geheimnisvolle zeigen bei Tinder Fotos von schönen Stränden und Mischwäldern, von Rhabarberschorlen und dem Mittagessen in Nahaufnahme. Katze Rita und Welpe Noah sind zu sehen. Nicht aber sie selbst. Und wenn, dann nur als in der Ferne zu erahnender Punkt im Mischwald. Oder von hinten. Bei Tinder entzückt jedoch die wenigsten ein schöner Rücken. Wenn nur vier, fünf Fotos darüber entscheiden, ob der Daumen nach links oder rechts wandert, dann interessiert sich niemand für die Katze. Außer vielleicht Menschen, die bei einer Katze im Sack nicht misstrauisch werden.

Die Rudelfrau

Als Kind war das ja ganz nett. Im Kinderbuch "Wo ist Walter?" musste man ebenjenen Walter ausfindig machen, der stets in großen Menschenmassen herumwuselte. Walter zu entdecken, war nicht ganz leicht. Doch es ging. Denn, das war das Tolle an Walter, er trug immer die für ihn charakteristischen rot-weißen Querstreifen. Darauf war Verlass.

Bei der Rudelfrau ist das anders. Sie versteckt sich auch gerne: auf Gruppenfotos mit ihren Freundinnen. Anders als Walter, gibt sie sich allerdings nicht zu erkennen. Und so ist es Aufgabe des Betrachters, die verschiedenen Rudelaufnahmen zu vergleichen, um - im besten Fall - herauszufinden, welche der Damen als einzige auf jedem der Bilder zu sehen ist. Das ist anstrengend. Und es beschleicht einen der Verdacht, dass es vielleicht einen Grund geben könnte, warum sich die Rudelfrau nicht zu erkennen gibt.

Der Nicht-ohne-meine-Schwester

Ein schönes Paar, die beiden. Und so verliebt. Vor allem er. Seine Facebook-Profilfotos sind eine reine Foto-Love-Story: Mal hat er den Arm um sie gelegt, blickt sie bewundernd von der Seite an. Mal hängt sie auf seinem Rücken, Victory-Zeichen machend. Und im Bali-Urlaub waren sie auch schon! Nur: Was will er hier? Der Daumen schwebt über dem roten "X".

Doch halt, da steht noch was. "Das ist NICHT meine Freundin auf den Bildern!!!", klärt der Profilinhaber auf. Offensichtlich sorgt seine Bildauswahl nicht zum ersten Mal für Verwirrung. Leider war's das auch schon an Erklärung. Handelt es sich also um seine Ex-Freundin, an der er immer noch hängt? ("X") Seine platonische beste Freundin, auf deren Daueranwesenheit er andere Damen schon mal vorbereiten will ("X")? Oder doch seine Schwester, zu der er ein inniges Verhältnis hat (Assoziationen an Angelina Jolies leidenschaftlichen Kuss mit ihrem Bruder James werden wach)?

Dann doch lieber den einsamen Wolf, der sich bevorzugt vor weiter Kulisse, wahlweise Berg, Meer oder Wüste, ablichten lässt. Neben dem ist zumindest noch Platz auf dem Foto.

Der Tierfreund

Das Löwenbaby mit den riesigen Kulleraugen und plüschigen Ohren, das lächelnd von ihm in die Kamera gehalten wird. Das kleine rotbraune Eichhörnchen, das an seinem Hosenbein hochkrabbelt und ihm die Nüsse aus der Hand knabbert. Der süße Husky-Welpe, mit dem sie ausgelassen im Schnee tollt. Der hübsche Haflinger, dessen Mähnenfarbe so wunderbar mit dem Blond ihrer Haare harmoniert. Tinder-Profilfotos wimmeln vor allerlei Getier. Das können Exoten wie Elefanten oder die normale Hauskatze sein. Der Tierfreund weiß um den emotionalen Inhalt solcher Fotos.

Denn Menschen, die im Netz Fotos süßer Tiere anschauen, machen das schließlich nicht (nur) zum Zeitvertreib. Beim Anblick der Bilder werden Regionen im Gehirn stimuliert, die Glückshormone ausschütten sowie Konzentration und Produktivität fördern. Dieser Effekt wurde im vergangenen Jahr von dem japanischen Wissenschaftler Hiroshi Nittono in einer Studie belegt. Weshalb nicht nur ausgewiesenen Tierfreunden beim Durchklicken dieser Bilder ganz warm ums Herz wird - und das ist ja das Ziel.