Twitter am Sterbebett Abschied in x mal 140 Zeichen

Wie öffentlich sollte man Abschied nehmen?

(Foto: dpa)

Scott Simon begleitete seine Mutter durch ihre letzten Tage. Er verabschiedete sich an ihrem Sterbebett - und bei Twitter. Seine Geschichte berührte Hunderttausende. Und stellt die Frage neu: Wie öffentlich soll Trauer sein?

Wie öffentlich sollten Gefühle sein? Und inwiefern sollte die Welt teilhaben an Emotionen, die andere betreffen - Menschen vielleicht, die dieser Aufmerksamkeit schutzlos ausgeliefert sind? Wen geht die Geburt eines Kindes etwas an, wen der qualvolle Tod eines geliebten Menschen? Fragen, die in Zeiten von Blogs und Social Media weit über das Neugeborenenfoto in der Lokalzeitung und die Traueranzeige hinausreichen. Scott Simon hat den vielen möglichen Antworten auf diese Fragen eine extreme hinzugefügt. Eine Woche lang nahm er von seiner sterbenden Mutter Abschied. An deren Sterbebett. Und bei Twitter.

Simon, vielfach ausgezeichneter Radiojournalist aus Chicago, twitterte am 23. Juli: "Ich will nur sagen, dass die Krankenschwestern der ICU bemerkenswerte Menschen sind. Danke für das, was ihr für unsere Lieben tut."

In diesen auf den ersten Blick unverständlichen 103 Zeichen ging es, wie sich rasch herausstellte, um Simons Mutter, die auf der Intensivstation (ICU) eines Krankenhauses lag. Und starb. Simons knapper Dank wurde etliche Male retweetet und von diesem Moment an folgten zahllose Fremde seinen 140-Zeichen-Berichten über die letzten Tage im Leben von Patricia Lyons Simon Newman Gilband. Die Tweets des Journalisten vom Sterbebett seiner Mutter sind rührend und schonungslos. Sie handeln vom Alltag im Krankenhaus, von den letzten Gesprächen, den letzten gemeinsam gesungenen Liedern.

Simons mittlerweile 1,2 Millionen Follower und der übrige Twitterkosmos reagierte mit viel Mitgefühl und Anteilnahme, Fremde zeigten sich zutiefst bewegt.

Patricia Lyons ist am Montagabend im Alter von 84 Jahren gestorben. Die Welt hat sie erst in ihren letzten Momenten kennengelernt - durch die Botschaften ihres Sohnes. Für ihn ist es nicht das erste Mal, dass er sein persönliches Schicksal öffentlich gemacht hat, wie die Washington Post notiert: Simons hat zwei autobiographische Bücher geschrieben und seine Mutter noch 2008 in eine Radiosendung eingeladen. Doch diese (Auto)Biographie in Echtzeit, das ist neu. Monica Hesse merkt in der Washington Post dazu an: Hätte Simon zu einem späteren Zeitpunkt über den Abschied von seiner Mutter geschrieben, er hätte seine Sonderstellung als Betroffener und Autor womöglich nochmal überdacht, sie glattgebügelt:

In a grief memoir, written later, he might have reconsidered this juxtapositon. Polished it. He's a Peabody Award-winning journalist — he might have wondered whether his wording was occasionally too cliche. He's a son — he might have wondered whether the intimate details of the last moment of a life should belong to the Twitterverse at large or whether they should belong to the parent living them.

Menschen, die derart öffentliche Trauer befremdet, die darin womöglich sogar einen Beweis für die Oberflächlichkeit der Online-Kommunikation sehen, weist die Soziologin Deborah Carr in der Chicago Tribune darauf hin, dass der Tod noch nicht lange als Privatsache gilt. Vor dem 20. Jahrhundert "war der Tod in den Vereinigten Staaten sehr öffetlich", erläutert Carr. "Menschen waren nicht so isoliert im Krankenhaus; Beerdigungen fanden zuhause statt."

Die Tatsache, dass Simons Tweets viral wurden, könnten also ein Zeichen sein, wie sich Trauer wandelt - erneut hin zu mehr Öffentlichkeit. Vor allem aber, wie Matt Pearce in der Chicago Tribune schreibt, ist die Aufmerksamkeit für Patricia Lyons Geschichte der Fähigkeit ihres Sohnes geschuldet, den Schmerz in Poesie zu verwandeln.