Tugend des Aufschiebens Was du heute kannst besorgen, verschiebe auf morgen

Sie schlafen lange, schieben Wichtiges grundsätzlich auf - und tun manchmal tatsächlich gar nichts? Dann liegen Sie vollkommen richtig.

Von Petra Steinberger

Wir werden zunächst angewandte Küchenpsychologie betreiben und erklären: Wenn Sie das hier lesen, gehören Sie dazu. Oder, falls das nicht zutrifft, kennen Sie zumindest jemanden in Ihrer allernächsten Umgebung, der Ihnen mit diesem besonderen Verhalten das Leben schwermacht - und Sie hoffen, endlich ein Rezept, eine Handlungsanweisung zu erhalten, wie man das ändern kann. Nun denn, reden wir über Faulheit.

Folgende Charakterzüge mögen auf Sie oder Ihre Nemesis zutreffen: Sie kommen andauernd zu spät. Sie verbummeln allerlei Sachen, die man Ihnen aufgetragen hat. Sie schrammen mindestens einmal täglich am Abgrund des Diesmal-ist-leider-wirklich-nichts-mehr-zu-machen entlang. Sie sind ein bisschen sehr schlampig, zumindest jedenfalls schlonzig. Sie haben in den vergangenen 48 Stunden mindestens einmal wertvolle Zeit damit verbracht, irrelevante Fakten auf dem Computer zu recherchieren, einfach, weil Sie irgendein Link immer weiter und tiefer hineingezogen hat in den enzyklopädischen Treibsand des WWW.

Sie ruhen sich gern aus und raffen sich selten auf. Und wie, Sie haben oft noch nicht mal Lust, Ihre knappe Freizeit mit erhabenen Kulturveranstaltungen oder gesundheitsförderndem Sport auszufüllen? Wenn Sie etwas Wichtiges zu erledigen haben, finden Sie mindestens zwanzig andere Aufgaben, die viel interessanter erscheinen, auch wenn Sie genau wissen, dass das eigentlich gar nicht so ist. Manchmal starren Sie. Lange. Irgendwohin. Und bei all diesen Nicht-Tätigkeiten haben Sie ziemlich oft ein ziemlich schlechtes Gewissen.

Backlash gegen die allgemeine Umtriebigkeit

Sie sind vermutlich das, was man landläufig einen Faulenzer nennt, einen Schlumpf, einen Sandler. Halbwegs positiv könnte man vielleicht Tagträumer daraus machen. Sie halten sich nicht für besonders produktiv, immerhin verschwenden Sie Ihre Zeit mit Pausen und Ruhephasen. Und Zeitverschwendung, das ist so ziemlich das Allerletzte, was man sich in diesen Tagen leisten sollte, jetzt, da doch jeder allzeit erreichbar und verfügbar sein muss, um nicht Gefahr zu laufen, als unproduktives Mitglied der Gesellschaft zu gelten.

Der Backlash gegen die allgemeine Umtriebigkeit ist im vollen Gange, wieder einmal. Große Firmen verkünden, dass sie ab jetzt von ihren Mitarbeitern keineswegs mehr verlangen würden, auch noch nachts und am Wochenende die E-Mails zu checken, um deren wohlverdiente Erholungsphase nicht zu gefährden. Gewerkschaften verweisen auf das Recht auf Freizeit. Und in der letzten Zeit sind denn auch eine Menge Bücher auf den Markt gekommen, in denen es um das "Lob der Faulheit" geht, um das "Lob der Pause" und um Müßiggang im Allgemeinen.

Aber darum geht es hier gar nicht. Denn die üblichen Ratgeber wollen Faulenzer wie Sie gar nicht verändern, sondern Ihnen zeigen, wie wichtig, positiv und notwendig ein solches Verhalten eigentlich ist - wenn Sie bitte nur ein paar winzige, für das große Ganze unerhebliche Schwachstellen in Ihrem ausgeklügelten System der Selbsttäuschung korrigieren könnten?