Tröpfchen-Sperre Neue Muskeln für die schwache Blase

Etwa zehn Prozent der Bevölkerung leiden unter Harninkontinenz. Aber nur jede zweite betroffene Frau spricht mit ihrem Arzt über das Problem. Um unkontrolliertes Wasserlassen zu beheben setzen Mediziner nun auf Muskelgewebe aus dem Oberarm.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Es passiert beim Einkaufen, Niesen, Lachen, Husten: Manche Frauen müssen zehn- oder 15-mal täglich ihre Einlagen wechseln, um Urin aufzufangen, der unwillkürlich aus der Blase rinnt. Flugreisen, Konzert- oder Theaterbesuche - all das ist für sie ein Gräuel. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung leiden unter Harninkontinenz, Frauen häufiger als Männer.

Zellen der Oberarm-Muskulatur sollen bei Blasenschwäche helfen

Zellen der Oberarm-Muskulatur sollen bei Blasenschwäche helfen.

(Foto: Foto: dpa)

Aber nur jede zweite betroffene Frau spricht mit ihrem Arzt über das Problem, so das Ergebnis einer Umfrage unter 2700 deutschen Frauen von 25 bis 75 Jahren.

Dabei gibt es Möglichkeiten, dem unkontrollierten Wasserlassen Einhalt zu gebieten.

Belastungsinkontinenz - so heißt der unfreiwillige Harnverlust bei erhöhtem Druck im Bauchraum - kann mit Medikamenten und Beckenbodentraining gelindert werden. Aber nicht allen Patienten helfen diese Methoden.

Bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Hamburg berichtete Hannes Strasser von der Universitätsklinik Innsbruck jetzt über eine Zelltherapie gegen milde bis mittelschwere Belastungsinkontinenz.

270 Patienten haben Strasser und sein Team seit 2002 behandelt, davon zwei Drittel Frauen. "81 Prozent der Patienten sind komplett kontinent geworden, viele schon seit Jahren", sagt Strasser. "Bei den meisten übrigen Patienten haben sich die Symptome gebessert, sodass etwa 95 Prozent der Behandelten mit dem Ergebnis der Therapie zufrieden oder sehr zufrieden sind."

"Kein Allheilmittel für alle Menschen"

Die Behandlung beginnt damit, dass Ärzte dem Patienten unter örtlicher Betäubung ein vier bis fünf Millimeter großes Stück Muskelgewebe aus dem Oberarm schneiden.

Das Stück enthält Muskelstammzellen und Bindegewebszellen. Beide Zelltypen werden getrennt und sechs bis sieben Wochen lang in Kultur vermehrt. Anschließend spritzen die Ärzte die Muskelzellen in den Blasenschließmuskel, die Bindegewebszellen in die Schleimhaut der Harnröhre.

Frauen bekommen dafür eine örtliche Betäubung, Männer eine kurze Narkose. "Die Grundlage für die Zelltherapie ist, dass sich Muskelzellen aus dem Oberarm um den Schließmuskel der Blase herum ansiedeln und dort so verhalten wie gesunde Zellen am selben Ort", sagt Strasser.

Die Muskelzellen unterstützen den Blasenschließmuskel. Dieser ist bei Belastungsinkontinenz häufig geschwächt, hält dem Druck aus dem Bauchraum nicht stand und reagiert daher nicht auf das Kommando aus dem Gehirn, den Urin zurückzuhalten.

Die Bindegewebszellen positionieren die Ärzte an einem anderen Ort: entlang der Schleimhaut der Harnröhre, wo sie die oft geschädigte Schleimhaut regenerieren.

"Unsere Methode ist kein Allheilmittel für alle Menschen, die Probleme mit der Blase haben, auch nicht für alle mit Belastungsinkontinenz", dämpft Strasser zu hohe Erwartungen. Die Zelltherapie hilft vor allem dann, wenn die Funktion des Blasenschließmuskels beeinträchtigt ist - im Alter, nach Geburten oder nach einer Prostataoperation.

Becken-Training geht vor

Die Methode wird aber nicht angewendet, wenn Funktionsstörungen der Muskulatur der Harnblase Ursache für unkontrollierten Urinverlust sind, wie es oft bei der Dranginkontinenz der Fall ist. Auch wenn die Harnblase gesenkt ist, kommt die Behandlung nicht in Frage oder wenn die Harnröhre nach Operationen oder Bestrahlungen vernarbt ist.

"Die Patienten werden genau ausgewählt", sagt Florian May von der Urologischen Klinik der TU München - der Einzige, der die Methode in Deutschland anwendet. "Vor jedem operativen Eingriff, und dazu gehört auch diese Zelltherapie, wird man Patienten immer zuerst zur Standardbehandlung raten, nämlich Beckenboden-Training, eventuell kombiniert mit einem Medikament."

Als Medikament ist für die Behandlung von Frauen in Deutschland Duloxetin zugelassen. Die Zelltherapie wird von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt. In Ausnahmen werden die Kosten trotzdem übernommen. "Wir können die Patienten zurzeit im Rahmen einer Studie therapieren", sagt May.

Bislang wurden keine schweren unerwünschten Effekte der Zelltherapie beobachtet. Bei drei von Strassers Patienten kam es zu Harnwegsinfekten nach der Injektion der Zellen. "Weil der Eingriff minimal-invasiv ist und körpereigenes Gewebe verwendet wird, sind die Risiken aber sehr gering", sagt der Experte. Deshalb gebe es auch keine Altersbegrenzung für die Behandlung. "Wir haben bislang Patienten zwischen 21 und 85 Jahren behandelt."