Treue in der Partnerschaft Fremdgehen ist auch keine Lösung

Jeder wünscht sie sich, fast jeder Zweite bricht sie: Treue ist schwer, aber möglich, sagt Psychotherapeut und Buchautor Wolfgang Krüger.

Interview: Violetta Simon

Der Psychotherapeut Wolfgang Krüger widmet sich seit 30 Jahren dem Thema Partnerschaft. Der 61-jährige Berliner ist der Ansicht, dass der Hang zum Fremdgehen ein klares Indiz ist für emotionale und soziale Probleme. In seinem soeben erschienenen Buch "Das Geheimnis der Treue" geht der Autor vor allem der Frage nach, wie man miteinander alt werden kann und dabei die Lebendigkeit der Liebe erhält - die beste Maßnahme gegen Untreue.

sueddeutsche.de: Boris Becker, Horst Seehofer, Ottfried Fischer, Tiger Woods - die Zeitungen sind voll von den Seitensprüngen prominenter Persönlichkeiten. Ist Treue in einer Beziehung überhaupt noch zeitgemäß?

Wolfgang Krüger: Treue ist keine modische Erscheinung, sie entspringt einem menschlichen Bedürfnis. Und ich glaube, dass sie die Voraussetzung für eine lebendige Beziehung ist.

sueddeutsche.de: So viel zur Theorie. Aber welchen Wert hat Ihrer Meinung nach die Treue heute in unserer Gesellschaft?

Krüger: Wir leben in einer Umbruchszeit. Vieles in unserem Leben ist unsicher: der Arbeitsplatz, das Geld, das Klima. Da will man zumindest in der Partnerschaft das Gefühl haben, sich aufeinander voll verlassen zu können. Wir schätzen daher die Treue hoch ein - und glauben dennoch nicht daran, dass sie möglich ist. Wir sind sehr resignativ geworden.

sueddeutsche.de: Vermutlich, weil wir wissen, dass es einfach nicht realistisch ist: Fast jeder wünscht sich, dass sein Partner treu ist, aber fast jeder Zweite geht fremd. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Wolfgang Krüger: Das eigentliche Grundübel besteht darin, dass wir uns nach einer erfüllten Partnerschaft sehnen, die Verständnis und Anerkennung, aber auch Erotik und Sexualität beinhaltet, und gleichzeitig den Wunsch nach Beständigkeit verspüren.

sueddeutsche.de: Klingt doch verlockend. Was ist daran falsch?

Krüger: An sich gar nichts - bis auf die Tatsache, dass wir diesen Anspruch und unsere Ideale so schnell aufgeben. Eine solche Liebe sollten wir nicht nur anstreben, sondern uns täglich darum bemühen. Dazu gehört natürlich auch die Konsequenz, dass man sich trennt, wenn dies mit dem Partner nicht zu realisieren ist.

sueddeutsche.de: Vielleicht glaubt man nicht daran, dass es in einer neuen Beziehung besser wird und sucht sich den Fluchtweg innerhalb dieser Konstellation - einen zweiten Partner, der die Defizite ausgleicht ...

Krüger: Genau darin liegt der Teufelskreis - die Untreue untergräbt jede Chance auf eine intensive Bindungen. Wer dafür sorgt, dass die eigene Beziehung lebendig bleibt, reduziert damit auch die Neigung zur Untreue.

sueddeutsche.de: Viele Leute sind der Meinung, dass der Mensch aus genetischen Gründen zur Untreue neigt - in dem Fall hat man ja keine Wahl.

Krüger: Da muss ich Sie enttäuschen, der Seitensprung ist nicht in der Biologie verankert. Männer reden sich gern damit heraus, dass die Gene schuld sind, wenn sie fremdgehen, sie seien eben Jäger und so weiter ...

sueddeutsche.de: Nicht nur die Männer! Selbst die französische Frauenpsychologin Maryse Vaillant behauptet in ihrem kürzlich erschienenen Buch "Les hommes, l'amour, la fidélité" ("Die Männer, die Liebe, die Treue"), Männer könnten gar nicht anders, und nur ein polygames sei auch ein gesundes Leben für den Mann.

Krüger: Das sehe ich anders. Es sind immer soziale und emotionale Gründe, die zur Untreue führen. Insofern müssen wir dafür die Verantwortung übernehmen. Häufig liegt die Ursache in der Beziehung. Man ist so ausgehungert nach Verständnis, Lebendigkeit und Sexualität, dass man einer Versuchung erliegt. Manche suchen auch nach Anerkennung. Oder sie haben Angst vor Nähe und beweisen sich durch einen Seitensprung, dass sie unabhängig vom Partner sind.

sueddeutsche.de: Howard Carpendale, der Schwarm aller Hausfrauen, gab selbst zu, dass Männer "schwanzgesteuert" seien und Fremdgehen nichts als "Onanieren" sei. Stimmt es etwa nicht, dass Männer häufiger fremdgehen als Frauen?