"Therapeutisches Klonen" Näher am Menschen

Ein amerikanischer Forscher hat nach eigenen Angaben Stammzellen aus geklonten Affen-Embryos hergestellt. Sollte das stimmen, wäre es ein großer Schritt in Richtung des so genannten therapeutischen Klonens beim Menschen.

Von Hanno Charisius

Mit Raunen und erstaunten Rufen quittierten internationale Stammzell-Forscher auf einem Kongress in Australien den Vortrag ihres amerikanischen Kollegen Shoukhrat Mitalipov. Er hatte berichtet, Stammzellen aus geklonten Affen-Embryonen erschaffen zu haben.

Sollte das zutreffen, wäre es ein großer Schritt in Richtung des so genannten therapeutischen Klonens beim Menschen. Embryonale Stammzellen aus geklonten Embryos sind besonders entwicklungsfähig und könnten Krankheiten wie Multiple Sklerose, Diabetes, Parkinson oder Herzerkrankungen heilen, indem sie das beschädigte Gewebe erneuern.

Der Vortrag des aus Russland stammenden Reproduktionsbiologen Mitalipov, der heute am Primatenforschungszentrum in Oregon arbeitet, war von den Organisatoren des 5. Jahrestreffens der Internationalen Gesellschaft für Stammzell-Forschung (ISSCR) im australischen Cairns kurzfristig ins Programm genommen worden. Alan Trounson, der die Sitzung leitete, erklärte den Zuhörern vor dem Auftritt Mitalipovs, dass sie es nicht bereuen würden, noch ein wenig länger geblieben zu sein.

"Auf diesen Nachweis haben wir lange gewartet", sagte Alan Trounson vom Stammzellen-Zentrum der Monash-Universität am Dienstag in Melbourne dem australischen Wissenschaftsmagazin Cosmos. Es sei wichtig zu prüfen, ob das Klonen auch bei Primaten funktioniert, sagt der Klonforscher Eckhard Wolf von der Universität München.

Bisherige Versuche fehlgeschlagen

Bisherige Versuche, Klon-Embryonen von Primaten für die Herstellung von Stammzellen zu nutzen, sind fehlgeschlagen. Der südkoreanische Forscher Hwang Woo-suk hatte im Februar 2004 behauptet, weltweit den ersten Menschenklon geschaffen und sogar Stammzellen daraus hergestellt zu haben. Im Frühjahr 2006 kam jedoch heraus, dass er und seine Kollegen Ergebnisse gefälscht hatten. Hwangs Karriere war beendet.

Manche Wissenschaftler hielten das Klonen von Primaten bisher für unmöglich. Sie vermuteten, dass die gängige Klon-Methode wichtige Teile der Zellmaschinerie zerstören und die erschaffenen Klone daher nicht lebensfähig seien. Mitalipov hat für seine Versuche ein neues Verfahren entwickelt. Damit konnte er offenbar aus 20 geklonten Embryonen zwei Stammzell-Linien herstellen.

Um einen Klon herzustellen, entfernen Forscher zunächst das Erbgut aus einer weiblichen Eizelle. Dieses entkernte Ei wird anschließend mit dem Kern einer Zelle aus dem zu klonenden Organismus verschmolzen und das Teilungsprogramm der Eizelle aktiviert - ein Klon-Embryo entsteht.

Nach einigen Tagen kann man aus dem Inneren dieses Embryos Stammzellen entnehmen, die das Potential haben, sich in nahezu alle Formen von Gewebe zu entwickeln. Darauf beruht die Hoffnung auf Ersatzgewebe für eine Reihe von Krankheiten.

Bereits am 11. Juni dieses Jahres hatte Mitalipov die Details seiner Kerntransfer-Methode in der Online-Ausgabe des Journals Human Reproduction veröffentlicht. Das Verfahren, um Stammzellen aus normalen Rhesusaffen-Embryonen zu gewinnen, hatte er mit Kollegen im Oktober vergangenen Jahres beschrieben (Stem Cells, Bd. 24, S. 2177). Vor den Spitzenvertretern der internationalen Stammzellforschung berichtete er am Montag, wie er beide Verfahren zu einem Experiment zusammen gefügt hat.

In einem Video zeigte Mitalipov pulsierende Herz-Zellen, die er ebenso wie frische Neuronen aus den Stammzellen erschaffen haben will. Auch die Prüfung molekularer Marker, die für Stammzellen charakteristisch sind, sei positiv verlaufen. Das ultimative Experiment, um die Wandlungsfähigkeit der Stammzellen zu belegen, gelang Mitalipov jedoch nicht. Einen Klon-Affen konnte er noch nicht mit Hilfe der Zellen erschaffen.

"Das ist eine wunderbare Arbeit", kommentierte die australische Stammzell-Forscherin Megan Munsie. Details dieser Experimente sind allerdings noch nicht in einem von Gutachtern geprüften Journal erschienen. Dennoch mache die Arbeit einen "sehr soliden" Eindruck, sagt Eckhard Wolf. Zum ersten Mal sei in einem "klinisch relevanten Modell" gezeigt worden, dass sich Stammzellen aus Klon-Embryonen isolieren lassen. Bislang gelang das nur bei Mäusen.

Sollten die Ergebnisse Mitalipovs bestätigt werden, dürfte auch das Klonen eines menschlichen Embryos wieder ein Thema für Stammzellforscher werden.