Von Wolfgang Koydl

Nirgendwo auf der Welt kommt ein stinknormaler Restaurantbesuch so teuer zu stehen wie in London.

Ob Einschreibebrief oder Eigenheim, Haarschnitt oder Hotelzimmer - dass es schon immer etwas mehr als nur ein wenig teurer war in London zu leben, war den Bewohnern der britischen Hauptstadt schon lange bewusst. Aber ähnlich wie beim Verhältnis zwischen einer gefühlten Temperatur und tatsächlich gemessenen Graden ist man auch bei der Einschätzung von Lebenshaltungskosten mitunter ganz dankbar, wenn man eine unabhängige, gleichsam wissenschaftliche Bestätigung des persönlichen Eindrucks erhält.

essen in london

Selbst für Fish and Chips muss man mittlerweile 20 Euro über den fettigen Tresen schieben. (© Foto: iStock-Photos)

Anzeige

Zumindest was die Preise für ein Essen in Restaurants betrifft, haben die Londoner es nun schwarz auf weiß: Ihre Stadt ist die mit Abstand teuerste Metropole der Welt - weit vor Paris, Tokio und New York, ganz zu schweigen von solchen Schnäppchen-Paradiesen wie Washington, Berlin oder Miami. Wie der angesehene internationale Restaurantführer "Zagat" für Londons Restaurants errechnete, muss man für ein Durchschnittsessen für eine Person mit Getränk in einem Londoner Gasthaus 39,09 Pfund Sterling hinlegen - Trinkgeld nicht eingeschlossen. Das sind 2,9 Prozent mehr als im vergangenen Jahr und entspricht - dank des starken Wechselkurses der britischen Währung - 60 Euro, beziehungsweise 80 US-Dollar.

20 Euro für Fish and Chips

Vor allem Touristen, ob aus Europa oder aus Amerika, sind bei Besuchen der britischen Hauptstadt daher mehr und mehr darauf angewiesen, sich von belegten Broten, Pizzen oder Hot Dogs zu ernähren. Selbst der alte Klassiker Fish and Chips ist dank der Überfischung der Weltmeere rar und entsprechend kostspielig geworden. Umgerechnet mindestens 20 Euro muss man für einen frittierten Schellfisch mit Fritten schon über den fettigen Tresen eines "Chippie" - wie die Schnellrestaurants liebevoll genannt werden - schieben. Und selbst ein Big Mac kostet nur in Reykjavik, Oslo oder Zürich mehr als in London.

Dennoch kann sich London einer Vielzahl von Restaurants brüsten, die mitunter zu den besten der Welt gehören. Bizarrerweise sind Starköche in Britannien sogar deutlich billiger als ihre Kollegen in der Cuisine-Kapitale Paris. Im Schnitt gibt es ein luxuriöses Mittagsmahl in London schon für 87,90 Pfund (129 Euro). Das ist zwar auch sechs Prozent teurer als im Vorjahr, aber doch vergleichsweise günstig, gemessen an Paris (148 Euro) oder gar Tokio (151 Euro).

Keine Zeit zum Kochen

Nur wer sich seine Geschmacksknospen beim Super-Chef Gordon Ramsay in der Hospital Road in Chelsea kitzeln lassen will, muss tiefer in die Tasche greifen. Hier kostet ein Durchschnittsmenu 107 Pfund (157 Euro). Trotz der unverhältnismäßig hohen Preise, die auch vom Italiener, Griechen oder Inder an der Ecke verlangt werden, gehen Londoner vermutlich mehr auswärts essen als die Bewohner anderer Großstädte in Europa, Amerika oder Asien.

Der wesentliche Grund dafür liegt darin, dass die Entfernungen zwischen Arbeitsplatz und Wohnung groß und die öffentlichen Verkehrsmittel chronisch unzuverlässig (und teuer) sind. Für Einkäufe und Kochen bleibt daher oft keine Zeit, so dass man dann doch an vielen Abenden in einem Lokal isst.

Die hohen Preise scheinen die meisten Londoner dabei ebenso willig zu schlucken wie die meist schlechte Qualität des Essens. Doch worüber sie sich immer mehr erregen, ist der unhöfliche Service, dem sie sich oft ausgesetzt sehen. Vor allem in besseren Restaurants, so fand der "Zagat"-Führer heraus, schlügen Kunden nur allzu oft Arroganz, Überheblichkeit und Inkompetenz entgegen.

Leser empfehlen 

(SZ vom 13.09.2007)