Von Eva-Elisabeth Fischer

Tanz tut nicht nur Fetten und Faulen gut - in Großbritannien gibt es nun einen Tanzbeauftragten in der Regierung. Da gibt es nichts zu lachen.

Die Menschen sind leicht zu unterhalten. Man muss nur sagen, dass es in England jetzt einen Tanzbeauftragten in der Regierung gibt, und schon grient alles. Der vierzigjährige, jüngst bestallte Gesundheitsminister Andy Burnham sieht im Tanz das geeignete Mittel, den Fetten und Faulen im Land Beine zu machen. Und von denen gibt es bekanntlich reichlich.

Bild vergrößern

Tanz hat viele Facetten - in den Schulen hilft er, Kinder zur Bewegung zu motivieren. (© Foto: dpa)

Anzeige

In ihrem Kern geht diese Meldung jedoch über ein Sommerloch-Kuriosum hinaus. Kein Mensch würde lachen, wäre wieder mal irgendeiner aufgestanden, um zum x-ten Mal mehr Sport oder generell mehr Bewegung zu fordern. Man würde nicken und bei einem Bier vielleicht kurz über den eigenen eingeschränkten Bewegungsradius nachdenken. Und darüber, dass der Bub von nebenan wahrscheinlich aus Liebe zur "World of Warcraft" so erschreckend dick ist.

Tanz, der manchen so lachhaft erscheint, dass sie deshalb als Kommentar ihre Arme in eine lächerlich gezierte Pose werfen, ist nicht notgedrungen ein Synonym für klassisches Ballett mit Tutu und Spitzenschuh und vornehmlich schwulen Männern.

England sucht den Supertänzer

Aber Tanz heißt leider auch das, was ein Medien-Phänomen wie die Fernsehserie "Strictly Come Dancing" verbreitet, in deren deutscher Variante sich Heide Simonis als Partnerin eines Profi-Standardtänzers bis auf die Knochen blamierte und damit die Schadenfreude der gesamten Bild-Lesergemeinde auf sich zog.

"Strictly Come Dancing" hat in seinem Ursprungsland England, wo die Demokratie der Klassengesellschaft nie wirklich etwas anhaben konnte, einen weit bedeutenderen Aufsteigertraum-Effekt als hierzulande. Und weil die Briten dieses Sendeformat so mögen, dient es Burnham als Aufhänger für seine Mission. Der Zweck heiligt die Mittel.

Es könnte allerdings sein, dass im Fernsehen dem Wetttanzen schon bald eine ganz andere, krisenbewährte Serie den Rang abläuft: Tanzmarathons. Sie standen zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren in den USA hoch im Kurs aufgrund der freien Verpflegung für die abgebrannten Teilnehmer, denen darüber hinaus als Gewinn ein prächtiges Preisgeld winkte.

Sydney Pollack erinnerte daran in seinem wunderbaren Film "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss". Solche Tanzmarathons kämen darüberhinaus zwei Leidenschaften der Engländer entgegen: ihrer Lust am Wettkampf und an Wetten.

Bei diesen Marathons tanzten die Paare strictly ballroom. Was aber ist Tanz jenseits von Ballett, Turniersport und Rentner-Schwoof beim Fünf-Uhr-Tee? Was kann er, was der Sport, was langweilige, weil ewig gleiche mechanische Fitness- und Gymnastik-Übungen nicht vermögen? Tanz kann vieles sein, Bühnentanz in all seinen Varianten vom Stepptanz im Vaudeville über den großen Klassiker im Opernhaus bis hin zum zeitgenössischen Experiment in einer umgebauten Zeche.

Es gibt heute unzählige Spielarten und Tanzstile auf der technischen Basis der Danse d'école und des Modern Dance. Dann gibt es die Tänze, die das Volk tanzt, die aber nicht unbedingt Volkstänze sein müssen, aber Massenphänomene zumal.

Viel mehr Leute, als man annehmen würde, erfragen auf Reisen nicht das beste Restaurant oder den örtlichen Treffpunkt der Anonymen Alkoholiker, sondern den nächsten Square Dance-Zirkel. Der Square Dance kam mit den Besatzern aus Amerika ins Nachkriegsdeutschland und erfreut sich zunehmender Popularität - auch in Seniorenheimen. Denn um den mehr gesungenen als gesprochenen, aberwitzig schnellen Ansagen des "Callers" zu folgen, muss man nicht nur alle Figuren dieser Western-Variante der Quadrille im Kopf haben, sondern neben einem beweglichen Körper auch ein bewegliches Hirn.

Auch der beliebte Lindy Hop, dessen Name angeblich auf den Atlantik-Flug von Charles Lindbergh rekurriert, ist Gedächtnistraining und Hochleistungssport gleichermaßen. Die schweißtreibende Mischung aus Jazztanz und Charleston als Paartanz, entstanden in den 1930er Jahren in den großen amerikanischen Ballrooms, fordert von den Tanzenden Phantasie, blitzschnelles Reaktionsvermögen und Anpassungsfähigkeit. Und auch alle Formen von Street oder Break Dance und Hip-Hop zählen zur breiten Palette des Tanzes, den das Volk tanzt.

In England gibt es eine landesweite Einrichtung auf Stiftungsbasis, die diese Vielfalt pflegt, und die bei uns noch in den Kinderschuhen steckt. Community Dance ist eine professionelle Organisation, die es Laien jeden Alters ermöglicht, unter qualifizierter Anleitung in ihren Stadtteilhäusern, Turnhallen oder sonst wo zu tanzen.

Sie haben Spaß an der Bewegung, sie verausgaben sich, wie sie es in ihrem Leben vor dem Tanz wahrscheinlich nicht für möglich gehalten hätten. Sie studieren kleine Aufführungen ein. Sie profitieren von all den kognitiven und emotionalen, den sozialen und pädagogischen Elementen, die soeben beschrieben wurden, ohne dass sie diese als solche wahrnehmen würden. Sie unterwerfen sich freiwillig und mit Freuden dem Diktat einer Person, dem Tanzlehrer und/oder dem Choreographen, wie sie es, wären sie sich dessen bewusst, in ihrem privaten Umfeld nie täten oder wie sie es in ihrem beruflichen Alltag widerwillig tun müssen.

Sie üben sich in Konzentration und schaffen ihr gemeinsames Pensum einzig durch Disziplin. Sie tun in ihrer Freizeit etwas für sich, für ihren Körper und ihren Geist. Und sie erleben positiv, was, bis sie zu tanzen begannen, für sie möglicherweise nicht vorkam: Sie tauschen sich über einen gemeinsamen kreativen Prozess aus.

Schon wieder ein Grund, sich lustig zu machen? Weil Leute beim Tanz gemeinsam in Schlabberhosen und verwaschenen T-Shirts schwitzen? Das tun sie doch im Fitness-Centern ebenso. An die abenteuerlichen Verkleidungen mancher Jogger oder Radfahrer hat man sich längst schon gewöhnt, ja selbst an jene prolligen Frauen, die lange Unterhosen für öffentlich präsentabel halten.

In China, ja selbst in New York und in Paris, im Central Park und im Jardin du Luxembourg, begegnet man ihnen ganz selbstverständlich, den so genannten Schattenboxern, die ihre Energie beim T'ai Chi stärken.

Dass Tanz irgendwann ebenso selbstverständlich zur täglichen Wahrnehmung gehört, darum kämpft ein Mann mit großer Erfahrung in Sachen Community Dance, ein Tanzlehrer, der den Tanz inzwischen weltweit in die sozialen Brennpunkte der Städte brachte und bringt, der die Kinder von der Straße holt, weil er etwas zu bieten hat, das besser ist als Komasaufen, Rauchen und Randalieren.

Er hat vor nicht allzu langer Zeit Weltruhm erlangt dank des Films "Rhythm Is It!": Royston Maldoom, 2003 der Choreograph von Strawinskys "Le Sacre du Printemps" für 250Laien in Berlin unter dem Dirigat von Simon Rattle. Dass er seine Tätigkeit als Kunst und nicht als Sozialarbeit begreift, darüber könnte man streiten. Nicht aber über den verblüffenden Effekt dieses Films und dessen (indirekte) Folgen.

Wenn man so will, könnte man Hortensia Völckers, die Chefin der Bundeskulturstiftung, dank des Tanzplans Deutschland, der bedauerlicherweise 2010 ausläuft, die Tanzbeauftragte der Republik nennen. Zu den geförderten Aktivitäten gehört in München unter anderem das Projekt "Tanz an Schulen". In München sind, dies ist vor allem der Staatsballett-Intendantin Bettina Wagner-Bergelt zu danken, Gymnasiasten ebenso wie Kinder aus problematischen sozialen Verhältnissen wie auch Migrantenkinder zu "Anna tanzt" eingeladen.

Sie werden für die Dauer der Proben vom normalen Schulunterricht suspendiert. Wagner-Bergelt konstatiert, was inzwischen bereits wissenschaftlich festgeklopft wurde: Wer tanzt, kann sich im Schulunterricht besser konzentrieren und erzielt plötzlich auch in Fächern wie Mathematik unerwartet gute Leistungen.

Dass Tanz Aggressionen abbaut, wusste schon Arthur Mitchell, als er 1968, nach dem Mord an Martin Luther King, schwarze Kinder in den Slums einsammelte und an die Ballettstange stellte. Aus seiner Initiative erwuchs das längst weltberühmte Dance Theatre of Harlem, die erste schwarze Ballettkompanie mit dem größten Balanchine-Repertoire außerhalb des New York City Ballet. (Fürs Dance Theatre of Harlem hat übrigens auch Royston Maldoom choreographiert.) Und letztlich hat der Brasilianer Bruno Biltrao nichts anderes getan, als er die Hip-Hopper von den Straßen Rios ins Studio holte.

Endorphine statt Aggressionen

Tanz ist demnach ein probates Mittel zur Konfliktprävention. Solange er nicht, ideologisch gesteuert, in einem Erziehungsprogramm wie "Kraft durch Freude" vereinnahmt wird zur Schaffung eines pausbäckig gesunden Volkskörpers; solange er nicht, wie in der DDR, in den unzähligen - zwar offiziell geförderten - Volkstanzgruppen als eine der wenigen ideologiefreien Zonen herhalten muss, sollte der Tanz von Staats wegen ruhig instrumentalisiert werden. Es ist alles da, muss nur noch gebündelt und propagiert werden.

Tanz macht ebenso glücklich wie Schokolade, auch wenn dadurch nicht Serotonin freigesetzt wird, sondern, strengt man sich genügend an, Endorphine, die körpereigenen Morphine, die als Selbstdoping einschießen. Wer viel tanzt, wird süchtig nach noch mehr tanzen. Sind die Fetten und Faulen erst einmal auf den Geschmack gekommen, könnte es sein, dass sie zu Vorreitern einer neuen Bewegung werden - in England und auch anderswo.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Wüste bebt

Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...

(SZ vom 25.08.2009/bilu)