Tabu Sex und Körperbehinderung Assistierter Sex

Institutionen und Einzelkämpfer wie Matthias Vernaldi setzen sich daher für ein Minimum an Privatsphäre in den Einrichtungen ein. Dabei steht das Bedürfnis der Betroffenen nach Zuneigung ganz oben, um harte Prostitution und genitalen Sex geht es erst in zweiter Hinsicht. Es geht um Liebe, die nicht von den Eltern kommt, und um ein Freischwimmen von Überbehütung durch andere. Leicht ist diese Befreiung aus einer zugeschriebenen Unmündigkeit nicht. Erst recht nicht für jene, die nicht sprechen können.

Sebastian Knorr hat eine laute Stimme, er kann brüllen, tief und kehlig, es kommt von ganz tief drinnen. Doch wer Knorr zum ersten Mal trifft, versteht ihn dennoch nicht. Denn er kann kein einziges Wort sagen, der 42-Jährige ist schwerst mehrfachbehindert. Eine Sauerstoffunterversorgung während der Geburt machte ihn zum Spastiker. Sein Kopf ist klar - aber sein Verstand dringt nicht nach außen. Nur anhand von Symbolsprachebögen kann er sich verständlich machen. Ute Blume blättert die Seiten durch, "willst du über Arbeit sprechen?", Sebastian Knorr verkrampft sich. Das ist ein Nein. "Über die Gruppe?" Er lächelt. Das ist ein Ja. Dann gehen die Fragen weiter, er zeigt Ja oder Nein. Mehr geht nicht.

"Wenn die Menschen, die mich behüten und versorgen, ein Thema nicht ansprechen wollen oder können, dann hab ich auch keine Chance mich dazu zu äußern." Knorr hat diesen Satz nie gesagt, sein Satz ist es dennoch. Er hat ihn erarbeitet zusammen mit Betreuerin Ute Blume von der Spastikerhilfe Berlin und sie hat ihn vorgetragen in einer Fachtagung in München im vergangenen Jahr. Knorr war mit auf der Bühne. "Wir haben gemeinsam vorgetragen", sagt Ute Blume, und Knorr strahlt sie mit seinen blauen Augen an.

Aufgeklärt wurde Knorr nie. Seiner eigenen Sexualität begegnete er erst als junger Mann, als er in eine Einrichtung der Spastikerhilfe zog. "Dort wurde ganz offen über ein Tabuthema gesprochen", hat Knorr transkribieren lassen, und: "Ich nahm alles mit - Gesprächskreise, Singletreffs, Sex-Picknicks, einfach alles, denn ich war durstig nach diesen verbotenen anrüchigen Dingen."

Sexualassistenz zweimal jährlich

In der Einrichtung kam er auch in Kontakt mit Sexualassistenz. Wenn man Knorr nach den Stunden mit seiner Sexualassistentin fragt, bekommt er wieder diesen seligen Blick. Schön seien die, übersetzt Ulrike Blume. Wenn die Berlinerin kommt, bringt sie Musik mit, nimmt sich Zeit, lacht mit Sebastian Knorr, massiert ihn, hat Sex mit ihm. Was genau das bedeutet, wissen nur die beiden, denn Knorr erzählt es nicht, und seine Betreuer kommen nicht ins Zimmer, wenn Besuch da ist. Regelmäßig sehe er sie, schreibt Knorr, das heißt zweimal im Jahr. "Nicht, weil ich es mir nicht öfter leisten kann, wie viele meiner Betreuer gerne glauben, sondern weil es mir genügt."

Für Knorr stellen die Stunden mit der Sexualassistentin eine Ergänzung dar. Sein wirkliches Leben spielt sich woanders ab: Bei Gülhan, seiner Freundin und Arbeitskollegin, die ebenso schwerbehindert ist, wie er. Unterhalten können sie sich nur, wenn ein Betreuer mit den Symboltafeln hilft, privat treffen sie sich dreimal im Jahr. Doch all das nimmt Sebastian Knorr hin, mit einem seligen Lächeln: "Liebe, Nähe und das Gefühl, zu einem Menschen zu gehören, sind die wichtigsten Dinge in meinem Leben. Ich könnte ohne sie nicht mehr leben", steht dazu im Protokoll.