Zu schön um wahr zu sein: Die moderne Mutter, die Kinder, Haushalt und Job entspannt unter einen Hut bringt, ist nichts als ein Supermythos
Die meisten ihrer Freundinnen finden sie ein wenig beängstigend. Fröhlich, nett - aber eben doch irgendwie beängstigend: Sie zieht allein eine Tochter groß, betreibt das "Tafel und Schwafel", ein hippes Speiselokal in München, und als sei das nicht genug, hat sie jetzt auch noch das Café im neu eröffneten Jüdischen Museum übernommen. Alle zwei Wochen nur kommt die Putzfrau, ansonsten schmeißt Annette Abt ihren Haushalt allein; und weil der Vater ihrer achtjährigen Tochter Josephine zwar viel und gern, aber eben nicht immer zur Verfügung steht, kümmert sich die 41-Jährige neben den zwei Restaurants auch noch überwiegend allein um das Kind.
Karriere, Kind, Haushalt und das ganze lässig auf dem Sofa - kein Problem? Von wegen! (© Foto: iStock)
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Seit sie sich vom Kindsvater getrennt hat, hat sie noch keinen Babysitter gebraucht, darauf ist sie stolz. Wie jede Frau, die so lebt wie sie, sagt sie: "Man muss gut organisiert sein und alles im Kopf haben." Oder: "Ich erwarte Disziplin, von mir und anderen." Ihre Freundinnen sehen in ihr eine "Superfrau", eine von denen, die im Kino wahlweise von Veronica Ferres oder Christine Neubauer gespielt werden. Ihre Kunden sehen eine Frau mit Löwenmähne und coolem Outfit. Und ihre Tochter eine fürsorgliche Mama, die sich so viel Zeit nimmt, dass sie kaum noch ausgeht. Alles easy?
Von wegen. Alles geht, aber manchmal ist es zu viel. Alles klappt, aber oft nur irgendwie. Alles ist selbst gewählt, aber eine Alternative wäre auch ganz schön. Die Einkaufstüten werden allein in den fünften Stock geschleppt, "aber manchmal stehe ich vor meiner Wohnungstür und heule, weil ich wünschte, jemand trüge meine Lasten mit mir."
Das Kunstprodukt Superfrau, wie es von Medien und Zeitgeist geformt wird, ist eine stets gut gelaunte Mutter, die ihre fröhlichen Kinder von hervorragend ausgebildeten Erzieherinnen betreuen lässt (modern), aber immer auch selbst genug Zeit für die Kleinen aufbringt (liebevoll), während sie andererseits mit einem Karrierejob das Volksvermögen mehrt (ehrgeizig), sich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft für die Allgemeinheit und die Firma engagiert (tüchtig), die abends Vier-Gänge-Menues zaubert (patent), die neuesten Romane und Filme kennt (interessiert), vor dem Zubettgehen noch ein paar Sit-Ups macht, um ihren Körper unter dem bauchfreien Venice-Beach-Top in einwandfreiem Zustand zu erhalten (attraktiv), und die das alles mit links macht (souverän). Superfrauen werden nie müde. Es gibt sogar den passenden Popsong dazu: "Supergirls don't cry".
Bevor Hera Lind, Autorin des Romans "Das Superweib", diese neue Gattung in eine literarische Form goss, hat es zwar auch schon seit Jahrtausenden Frauen gegeben, die Arbeit und Familie so gut wie möglich unter einen Hut brachten und dabei sogar bisweilen Spaß hatten. Aber erst mit dem Lindschen Bestseller bekam dieser Typus einen Namen. Diese beklagt Probleme nicht, sie löst sie. Sie ängstigt Männer nicht, sondern macht sie glücklich. Kinder und Haushalt schmeißt sie allein, quasi nebenher, und ist dabei schön, fit, erfolgreich, sexuell aktiv und glücklich. Pickel, Tränen, Überforderung, Geldmangel, Zeitmangel, Männermangel, Energiemangel - nicht vorgesehen.
Praktisch ist dieser imagebildende Horror, weil so schön unpolitisch. Supermütter sind das ideologische Gegenmodell zu Rabenmüttern, wenn auch faktisch die selbe Spezies Frau: Während sich die Rabenmutter (karrieregeil, männerfeindlich, anspruchsvoll, intellektuell) erdreistet, Betreuungs- oder Vereinbarungsdebatten zu führen und gender mainstreaming oder Gleichstellung buchstabieren zu können, wuppt die andere alles allein und findet das auch noch toll. Katholische Kardinäle, CSU-Politiker und andere Kulturpessimisten, die Rabenmütter verabscheuen, müssten Supermüttern dankbar sein: Die einen verdienen keine Unterstützung, die anderen brauchen keine.
Nach-Wende-Deutschland hat ziemlich gut gelebt mit diesem anspruchslosen, aber alle Ansprüche erfüllenden Modell: Wer genug Energie aufbringt, um Frauenzeitschrifts-Idealen, Männerphantasien und dem Arbeitgeber gerecht zu werden, der fragt nicht nach Krippen, Horten und Ganztagsschulen. Der organisiert sich und seine kleine, glückliche Familie selbst. Der Vorteil für die Volkswirtschaft: Lasten werden privatisiert. Und nach Überlastungen wird nicht gefragt.
Aber die Strahlkraft der Superfrau lässt nach. Im Quotenrenner "Desperate Housewives" flüchtet die patente Mehrfach-Mutter Lynette heulend vor ihrem wildgewordenen Nachwuchs und lässt sich von ihren Freundinnen versichern, dass auch sie das kennen: diese Nächte voller Verzweiflung und die Frage, wie es weitergehen soll. Die Ratgeber-Literatur ist voll von Werken wie "Superfrau ade - entkommen Sie der Falle des Vergleichs" oder "Der Superfrau-Komplex". Die jüngere Literatur produziert Themen wie "Wenn Frauen über ihre Grenzen gehen" oder "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs". Kein Wunder: Kaum eine Frau, die das Heldenlied von der Allesschafferin verinnerlicht hat, hält dieses Leben und diese Haltung lange durch.
Das Mittel gegen die Quartals-Erschöpfung, sagt zum Beispiel Restaurant-Inhaberin und Mutter Annette Abt, liegt darin, sich alles zunutze zu machen, was hilft, und: sich freizumachen von dem Ideal, das die Mehrheit ihrer Generation internalisiert hat, ohne ihm zu entsprechen. Ihr Kind geht daher in eine Schule mit Nachmittagshort. Ein Netz von Freundinnen übernimmt die Tochter, wenn es mal eng wird. Der Vater von Josephine verbringt möglichst viel Zeit mit seiner Tochter, was die Mutter entlastet. T-Shirts werden ungebügelt getragen, das Kind wird auch mit Schnupfen in die Schule geschickt. Ihr Problem: "Ich bitte ungern." Die - nicht immer fröhliche - Antwort auf die Frage, wie sie ihr Leben meistert, lautet aber auch: durch Verzicht auf einen Partner, auf Muße. Ob ihre Tochter mal genauso leben will?
Die Bosch-Stiftung hat vor wenigen Monaten eine hochbrisante Studie vorgelegt, die vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung erstellt wurde. Danach ist die Zahl der Frauen, die glauben, man brauche Kinder für ein erfülltes Leben, zwischen 1990 und 2000 von 65 auf 36 Prozent gesunken. Zwei Drittel der befragten Frauen rechnen mit einer deutlichen Verschlechterung ihrer Berufschancen, sollten sie ein Kind kriegen. Kein Wunder, dass die Zahl der kinderlosen Akademikerinnen bei 40 Prozent liegt. Was das heißt? Dass die Lebenswirklichkeit in Deutschland Frauen eher davon abhält, zu glauben, Beruf und Familie ließen sich problemlos vereinbaren, ohne dabei endlos draufzuzahlen.
Was die Generation der heute 40- bis 60-Jährigen ohne nennenswerte Unterstützung durch Staat und Wirtschaft meistert und gemeistert hat, will die Töchtergeneration nicht mehr meistern müssen. Die 16-Stunden-Tage mit Halbtagskindergarten, Halbtagesschule, abwesenden Vätern und Halbtags- oder gar Vollzeitjob, die für viele Frauen der mittleren Generation selbstverständlich sind, stellen für ihre Töchter einen Horror dar; das Superweib ist zum Supermythos mutiert. Hoffnung gibt es erst wieder für die nächste Generation: Wenn die Teenager von heute Kinder kriegen, wird es - hoffentlich - genug Krippen geben, und die Unternehmen werden gut ausgebildete Frauen mit Betriebskindergärten, hyperflexiblen Arbeitszeiten, Hausdienern und Chauffeuren umwerben, damit sie nicht genau das tun, wovon viele entnervte Frauen heute träumen: einfach zu Hause bleiben.
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(SZ vom 10.4.2007)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Glückwunsch an alle Superweiber! Gut, dass es solche gibt , denen künftige Mütter nacheifern können.
Wer fragt eigentlich danach, was mit denen mit 50 os ist, oder schon mit 40.?
es werden dauernd glänzende Abläufe dargestellt, alles klappt wunderbar, niemand bricht zusammen, alle sind froh und heiter, am abend fisch wie am Morgen, und immer noch für den Mann da.
Und natürlich keine Hilfe für den Haushalt. alles schafft man selber.
Solange sie das selber glauben, o. k.
Ich glaube es nicht.
Ich habe den größten teil der Frauen anders erlebt.
Müde, gestresst, schon am morgen, keine Zeit mal auszugehen, keine Zeit für irgendwas, außer Arbeit.
Da die meisten- die Masse - ja nicht so viel verdienen, können sich dei wenigsten Babysitter leisten.
Ich habe zahlreiche Frauen schwer jammern gehört, viele dauernd krank, viel bedauerten , keine Zeit für sich zu haben.
Viele waren am Ende der Kräfte, wenn sie die Kinder von der einrichtung abholten.
einfach fertig.
sie hetzten durch den Tag, nach Dienstschluß von einem Termin zum anderen- einkaufen-kochen-waschen-putzen-
Kinderarzt- Kindergeburtstag-Kindertherapie- unsd- regelmäßig selber zum Arzt-
Feste und feiern in Schule und Kindergarten u. s. weiter.
Glückliche Gesichter waren da nicht viele zu sehen.
Aber permanentes Bedauern -fast jammern über Stress. und viel Beschwerden-Krankheiten schon in Jungen Jahren
Das ist die andere Wahrnehmung.-
und ich hatte viel Berührung mit Müttern.
Wo sie immer all diese Wundermütter herkriegen?
Das sind sie vielleicht noch ganz am Anfang, doch fragen sie diese mal 10 Jahre später?
Ich hätte mir diese Last nicht angetan, zumindest nicht in den Kleinkindjahren.
Wozu soll man sich das antun? Um mit 40 oder 50 krank und ausgelaugt zu sein?
Um sich zu beweisen, was man leistet?
Aber das muß jeder selbst wissen.
Wenn Beruf und Familie, dann braucht man andere Hilfe .
Wenn hier geäussert wird, noch nie einen Babysitter gebraucht zu haben, dann kann ich mich da nur wundern.Wie soll das gehen?
Haben sie mal daran gedacht, dass sie damit jede Menge normale Mütter verunsichern?
Nach dem Motto. Alle schaffen das locker, warum die anderen nicht.?
Da kann jemand sagen was er will, locker schafft das niemand.
und ihre vorgeführte wunderfrau sollten sie ebenfalls mal 15 Jahre später besuch
natürlich wird das "superweib" durch wernung und Medien propagiert, aber letztendlich setzt man sich doch selber die Maßstäbe. Lange Jahre habe ich damit verbracht dem ewigen Ideal (3 Kinder, beruf, Haushalt, Mann, Garten....dabei immer lächeln, top aussehend und nieeeeeeeeeee müde) hinterherzujagen - ich gebe es ehrlich zu -selbst gewählt. ich fühlte mich wohl in meiner Haut, eine von denen zu sein, die scheinbar alles mit links schaffen.... aber eben nur scheinbar...
als erstes verlernt man mit dem Partner zu kommunizieren (ausnahme : wer holt die kinder vom Turnen ab)...und dann wurde ich richtig krank, von heute auf morgen (die schleichenden Symptome hatte ich ignoriert) ich hatte mit 45 Krebs und musste plötzlich einen ganz anderen Kampf aufnehmen.
Zwei Jahre später haben wir als Familie es geschaftt , ich gehe auch wieder Arbeiten, aber ruhiger gelassener, das Haus muss nicht mehr jeden Tag wie aus dem Ei gepellt aussehen, der Rasen kann ruhig noch etwas wachsen und was die Nachbarn sagen ist mir egal...
ich setzt mich nicht mehr so unter Druck und seitdem lebt es sich leichter, denn den "superweib-mythos" hatte ich mir selbst gewählt zugelegt (heute weiß ich das)
Sie haben sicher viel Erfahrung, um so qualifizierte Beiträge liefern. Ist alles ganz einfach, gelle ! Ironiemodus aus
auch ich bin allein erziehend, habe allerdings nicht dieses Netz an Freunden, die einen Auffangen, weil ich noch nicht so lange hier bin, sicher jeder hat eine beste Freundin, die aber auch beruftstaetig ist und zwei Kinder hat. In diesem Fall funktioniert es wie Quit pro Quo...eine Hand waescht die andere und sie springt mal ein und ich springe mal ein. Mein Kind ist auch in einem Nachmittagshort und im Ferienhort. Ich bin auch den ganzen Tag berufstaetig und ich habe keine weitere Unterstuetzung, das heisst Haushalt, renovierungen, etc alles geht erst nachdem der Kleine im Bett ist, denn in der Zeit bis zum schlafengehen will man sich erzaehlen lassen wie der Tag so war, will man die Zeit miteinander verbringen und erst wenn der Kleine schlaeft hat man Gelegenheit sich um den Haushalt zu kuemmern...ausgehen? Spass haben? Kaum drin, denn hier braucht man einen Babysitter und nicht immer hat das gut in der Vergangenheit funktioniert.
Schlimm ist allerdings eher der Fall dass man sich a selber die Vorwuerfe macht nicht genuegend Zeit mit dem Kinde zu verbringen, denn er ist ein steter Quell der Freude (spaetestens wenn er schlaeft...lach) denn auch bei uns kommt es zu Krach und Streit und diese Proben koennen von mir mal ganz einfach weggesteckt werden, mal bringen sie das Fass zum ueberlaufen, weil man selber einen unglaublichen Stress hat, es faengt morgends an, dann schnell los, puenktlich zur Arbeit und auf der Arbeit geht es mir einer anderen Art von Stress weiter und dann oi...wieder los und schnell schnell, ja nicht zu spaet kommen...das ist die Art von Stress auf die ich verzichten kann. Manchmal staut sich auch die ganze Liste auf, dass man denkt, ich schaff es nicht mehr, aber man schafft es immer...man muss...und nach einem kurzen Durchatmen sieht es auch nicht mehr so schlimm aus und meistens findet man eine Loesung.
Ja, man muss auf das Ausgehen verzichten und man hat auch nicht die Zeit fuer Maenner, es sei denn man will das Kind von einem Babysitter betreuen lassen, aber die Zeit sich fit zu halten hat man allemale und die Zeit um selber ansprechend auszusehen, na klar, denn auch im Beruf muss man ordentlich aussehen.
Alles in allem kann ich nur so viel sagen, ich wuerde es bestimmt wieder so machen und ich wuerde auch wenn ich mich umentscheiden koennte immer wieder fuer mein Kind entscheiden, egal wieviel Stress damit verbunden ist.
Denn was hier vergessen wird, das Kind zeigt einem immer wieder neue Blickwinkel jede menge Glueck
Frau Kahlweit schreibt: "Kein Wunder, dass die Zahl der kinderlosen Akademikerinnen bei 40 Prozent liegt." Schön, wenn man seine Vorurteile so bestätigt findet. Könnte aber auch reiner Unsinn sein, wie in der ZEIT schon längst zu lesen war:
http://www.zeit.de/online/2005/41/kinderlos_demografie
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