Von Felix Berth

Jenseits der aktuellen politischen Diskussion gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, ob Krippen der Psyche schaden oder nicht.

Erinnert sich jemand an Ursula Lehr, Ministerin im Kabinett Kohl? Nein, nicht das Mädchen mit den Rüschenblusen (das war Claudia Nolte.) Also ein Blick ins Archiv: Lehr, Ursula, CDU, Bundesfamilienministerin von 1988 bis 1991. Das Foto zeigt eine ältere Dame mit strengem Blick. "Sie hatte einen schweren Stand in Bonn", schreibt das dezente Personen-Archiv Munzinger. "Sie ging konservativen Unionspolitikern in der Familienpolitik zu weit."

Gut oder nicht gut: Wissenschaftler untersuchen die Wirkung von Kinderkrippen. (© Foto: AP)

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Verblüffende Parallelen

Die Ministerin sagte im Januar 1989, dass es zweijährige Kinder durchaus vertragen, wenn sie nicht permanent von der Mutter betreut werden. Zweijährige in die Kindergärten, junge Mütter an den Arbeitsplatz? Der Protest in der Union war enorm. Die Bayerische Staatsregierung beobachtete Lehrs Äußerungen "mit großer Sorge", so der Bayernkurier: "Die Staatsregierung lehnt ein Leitbild der Frau ab, das einseitig von emanzipatorischen Vorstellungen geprägt ist."

Auf den ersten Blick verblüffen die Parallelen zur Gegenwart: Eine CDU-Familienministerin plädiert dafür, nicht erst Dreijährige in die Kindergärten zu schicken. Krippen und Tagesmütter seien nicht schädlich für Kleinkinder, das sagt auch Ursula von der Leyen derzeit häufig.

Und wieder grummelt es in der Union, wieder bremsen ältere Herren wie Fraktionschef Volker Kauder, der vor einem Ausbau der Krippen erst einmal den "Bedarf" ermitteln möchte.

Selbst manche Krippen-Gegner von damals äußern sich jetzt wieder. Johannes Pechstein etwa, renommierter Kinderarzt und Professor an der Universität Mainz, hielt Ursula Lehr 1989 vor, "starr und unbelehrbar" zu sein; in wenigen Tagen wird er bei einer Anti-Krippen-Tagung in Frankfurt vermutlich das Gleiche über Ursula von der Leyen sagen.

Die Stimmung hat sich gedreht

Doch auf den zweiten Blick zeigen sich Unterschiede. Denn Ursula Lehr geriet mit ihrem Plädoyer 1989 in die Defensive. Ihr Rückhalt in der eigenen Partei war minimal, das Echo in der Öffentlichkeit kritisch. Fast zwanzig Jahre später ist die Stimmung anders.

Selbst in der Union bezweifelt offiziell fast niemand, dass Westdeutschland mehr Krippen und Tagesmütter braucht - es geht allenfalls um Tempo und Finanzierung des Ausbaus. Krippengegner, die sich zum Beispiel im "Familiennetzwerk Deutschland" zusammengeschlossen haben, finden kaum noch Freunde in den Parteien.

Die Liste der Befürworter ist lang: Fast alle Länder-Ministerpräsidenten begrüßen den Vorstoß von Ursula von der Leyen, die Sozialdemokraten sowieso, auch viele Familienverbände sowie Kirchenvertreter signalisieren Zustimmung. Sogar der Bayernkurier plädiert für Krippenplätze.

Die Wissenschaft hat diesen Wandel gefördert. Noch in den achtziger Jahren wiesen psychologische Studien darauf hin, dass Krippenbetreuung die Bindung eines Kindes an die Mutter schwächen kann.

Dies ließ sich zuspitzen zur Formulierung "Kinderkrippen machen krank", die aber problematisch war, wie der Bamberger Pädagogik-Professor Hans-Günther Roßbach feststellt: Erstens waren die Unterschiede zwischen Krippenkindern und den anderen relativ gering, zweitens waren die untersuchten Krippenkinder sehr früh und lange in Krippen: bereits im ersten Lebensjahr mehr als zwanzig Stunden pro Woche.

Die Krippenforschung der neunziger Jahre ließ von der alarmistischen These wenig übrig. Etliche Einzelstudien lieferten Belege für die Unschädlichkeit der Krippen, wovon eine wegen ihrer Aussagekraft heraussticht: Die Untersuchung des US-amerikanischen Nationial Institute of Child Health and Human Development (NICHD).

Mehr als tausend Kinder wurden dafür von Geburt an beobachtet; die Forscher erfassten die kognitiven Fähigkeiten der Kinder, ihre emotionale Verfassung, ihre Bindung an die Mütter; dabei protokollierten sie sehr genau, wann welches Kind wie lange von "Fremden" betreut wurde. Die Signale erkennen Wegen ihrer Genauigkeit und ihrer Dauer - noch immer werden die tausend Kinder regelmäßig untersucht - ist diese Studie zum Standardwerk der Krippenforschung geworden.

Feinfühligkeit entscheidet

Ihr zentrales Ergebnis: Das Wohl eines Kindes hängt nicht davon ab, ob es in einer Krippe betreut wird. Entscheidend sei, ob die Mutter feinfühlig mit dem Kind umgeht. Wenn sie die Signale des Kleinkindes erkennt, liebevoll reagiert und ihm das Gefühl von Geborgenheit vermittelt, kann eine Krippe dem nicht schaden.

Diese Grundthese gilt freilich mit einigen Einschränkungen. So stellten die US-Forscher Verhaltensprobleme wie Aggressivität oder häufigen Streit mit Erwachsenen fest, wenn Kinder sehr viel Zeit in Krippen verbrachten. Doch Dramatisierung ist nicht angebracht: Dieser Effekt sei, sagt Hans-Günther Roßbach, relativ gering.

Nicht zu früh, nicht zu viel Insgesamt, so lässt sich die Interpretation der meisten Pädagogen und Psychologen zusammenfassen, ist gegen Fremdbetreuung von Kindern nichts einzuwenden, wenn die Eltern dabei Maß halten.

Das bedeutet: Die Kinder nicht zu früh abgeben (also nicht im Alter von wenigen Wochen), nicht zu viel (also nicht 45 Stunden pro Woche) und nicht in Krippen mit zu wenig Personal, das vielleicht noch schlecht ausgebildet ist.

Das Unbehagen bleibt

Doch das Unbehagen bleibt. Es äußert sich selten in der politischen Debatte, dafür häufiger und heftiger in Leserbrief-Spalten und Internet-Foren. Da kämpft Dieter W. dagegen, dass Mütter "nur in homöopathischen Dosen" verfügbar sind und der User KinderbrauchenEltern pocht auf Vertragstreue der Frauen: "Wer einen Job annimmt, muss den Vertrag erfüllen. Er kann nicht montags seine Mutter schicken, dienstags das Au- pair, mittwochs die Nachbarin."

Außenseiter-Meinungen sind das nicht. Nach einer Spiegel-Umfrage denken zwar sechzig Prozent der Deutschen, dass ein Krippenbesuch den Kindern nützt; knapp ein Drittel der Deutschen glaubt jedoch, dass die Krippe schadet.

Ein kleiner Kulturkampf ist ausgebrochen, der sich nicht nur um das Wohl der Kinder dreht. Denn wer über Krippen redet, redet immer auch über Karrieren: Sollen Mütter arbeiten? Wieviel sollen sie arbeiten? Und welche Jobs in den Familien sollen, dürfen, müssen die Männer übernehmen? Schnell geht es dann ums große Ganze des Geschlechterkampfs.

Ältere Herren stimmen das Lob der Hausfrau an

Ältere Herren wie der Ex-Verfassungsrichter Paul Kirchhof stimmen dabei dann das Lob der Hausfrau an: "Die Leistungen der Mutter werden zwar kaum mehr übersehen oder verlästert, aber auch kaum rechtlich gewürdigt."

Junge Frauen wiederum, oft besser ausgebildet als junge Männer, finden Rezepte der fünfziger Jahre unpassend: Solche Vergangenheitsbeschwörung passt schlecht in die deutsche Gegenwart, in der Ehen oft scheitern und Männer keine Garantien bieten können, dass ihre Jobs die Familien wirklich zwanzig oder dreißig Jahre ernähren.

Was aber folgt nun? Der Familiensoziologe Hans Bertram, der das Karriere-Aus des männlichen Alleinverdieners nüchtern beschreibt, stellt fest, dass für gleichberechtigte Zeiten "noch die Rollenvorbilder fehlen". Das macht die Suche nach dem passenden, persönlichen Familienmodell so schwierig. Aber garantiert nicht langweilig.

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(SZ vom 13.3.2007)