Wenn Kinder kommen, werden selbst revolutionäre Kreuzberger zu gnadenlosen Spießern
Vielleicht sind es ja nur ein paar kleine Fossilien, die sich in der Großhirnrinde abgelagert haben. Oder eine Art Software im Kopf, die sich in Gang setzt, wenn der Mensch zu Kindern kommt. Es ist jedenfalls noch nicht erforscht, warum Leute, die eigentlich ganz vernünftig leben, so spießig werden, sobald sie Eltern sind. Es geht damit los, dass man sich dabei ertappt, die gleichen ollen Sprüche zu klopfen, die man bei seinen Eltern so gehasst hat.
Schluss mit lustig: Ohne Kinder war alles "easy", nun hält der Militär-Jargon Einzug. (© Foto: iStock)
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Schon morgens beim Frühstück öffnet sich die Mottenkiste im Kopf und heraus purzeln angestaubte Brocken. Dann hört man sich zu seinem Kind sagen: "Ellbogen runter!" "Nicht so schmatzen!" "Beim Essen singt man nicht!" Soll das Kind die Zähne putzen, will aber nicht, kommt: "Ab die Post!" Oder noch besser und direkt aus dem Arsenal der Weltkriegskämpfer: "Abmarsch ins Bad!"
Natürlich merkt man bald, was man da für Mist redet, spätestens jedenfalls wenn das eigene Kind einen anweist: "Ey Mama, ab in die Post!" Wie redet mein Kind mit mir?, denkt man noch, verzieht sich zur Arbeit und wenn man zurück ist, sitzt man auf dem Spielplatz und sieht, wie ein fremdes Kind dem eigenen in aller Ruhe einen Stock ins Gesicht bohrt. Ärger kriegt es deshalb nicht, jedenfalls nicht von seinen Eltern. "Ach, ich lass' die Kinder ihre Konflikte selbst austragen", seufzt die Mutter des Stockbohrers, die wohl fürchtet, ihr Schätzchen mit Erziehung zu traumatisieren.
Antiautoritäres Geschwafel, denkt man und erschrickt dann doch, weil man sich fragt, ob man jetzt endgültig da gelandet ist, wo man nie hinwollte. Ein Blick in die Umgebung aber genügt, um sich ganz schnell wieder zu beruhigen. Die anderen Eltern nämlich haben die Rolle rückwärts offenbar schon längst hinter sich.
Wer in Berlin-Kreuzberg wohnt, ist umgeben von Menschen, die mal aus biederen westdeutschen Elternhäusern ins aufsässige Kreuzberg geflohen sind. Inzwischen sind viele Anwälte oder Medienfritzen, also Akademiker und immer noch überzeugt, irgendwie weltoffener zu sein als der Rest der Welt. Bis Kinder kommen. Dann ist es aus. Ab sofort wird ungebremst gemault über die vielen Türken, die irgendwohin sollen, nur bitte nicht in die Schule des eigenen Sohnes. Es geht auch viel um Werte und Tugenden. Welche Tugenden? Disziplin, sagt eine Mutter, die früher eher für undiszipliniertes Feiern bekannt war, Disziplin ist das Wichtigste in der Schule.
Es ist, wie gesagt, eine geheimnisvolle Metamorphose, und sie scheint vor allem Frauen zu befallen. Da ist diese Mutter von zwei Kindern, erfolgreiche Designerin und keineswegs blöd, die jetzt zur Hausfrau umgesattelt hat und eines Tages versonnen erzählte, es sei so schön, wenn die Maschinen summen. Sie meinte Spül- und Waschmaschine. Eine studierte Sozialpädagogin hat dem Kindsvater kampflos das Feld des Geldverdienens überlassen. Sie sitzt jetzt seit mehreren Jahren daheim und klagt wie weiland Mutti, dass ihr Partner so viel weg ist. Und dass er - anders als weiland Vati - leider kaum Geld nach Hause bringt.
In Kreuzberg, wo mal die Revolution daheim war, ist bürgerliche Besonnenheit eingekehrt. Macht nichts, denkt man, bisschen Konvention tut ja keinem weh. Bis man eine langjährige Kreuzbergerin trifft, ihr Freund hat mal in vorderster Front gegen das Establishment gekämpft. Heute sieht er sich leider nicht in der Lage, für die gemeinsame Tochter aufzukommen. Also arbeitet die Mutter pausenlos, plagt sich mit Schuldgefühlen, und wenn sie hört, dass sie stolz sein soll auf sich, bricht sie in Tränen aus. Sie wollte immer heiraten, gesteht sie dann, in Weiß, mit Ring und Orgel und allem. Vielleicht ist es ja doch mehr als nur ein Relikt irgendwo in der Großhirnrinde.
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
(SZ vom 10.4.2007)