SZ: Gerade Kindern aus bildungsarmen Schichten, heißt es, müssten von früh an gefördert werden. Wenn Ihre Arbeit nicht reicht, wo kann und muss man dann noch ansetzen?

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"Weniger ist mehr. Wenn man zu viel in ein Kind hineinpresst, was es nicht verarbeiten kann, dann verpufft das", sagt Walliczek. (© Foto: Foto: SZ/Catherina Hess)

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Walliczek: Die Rahmenbedingungen müssten sich ändern. Wir haben 25 Kinder in der Gruppe, und der Personalschlüssel ist so ausgelegt, dass eine Kraft - wenn man Urlaub, Krankheit und Fortbildung rechnet - die meiste Zeit allein arbeitet. Da muss die Politik weit mehr investieren. Kindergeld und Kinderfreibetrag reichen nicht, und Lippenbekenntnisse reichen auch nicht; ständig wird über die Förderung der Kleinsten als Fundament der Gesellschaft geredet, aber nichts geschieht.

Auch die 150 Euro Betreuungsgeld halte ich für fatal, denn selten kommt dieses Geld den Kindern zugute. Wer Kindern und Familien helfen will, muss kleinere Gruppen schaffen, um individuelle Betreuung zu gewährleisten. Unser Ziel ist, Beziehungsarbeit zu leisten, aber allzu oft haben wir das Gefühl, wir betreuen nur die Masse.

Und um das ganz deutlich zu machen: Es geht hier nicht nur um Migrantenkinder, auch Kinder deutscher Eltern haben immer mehr Probleme; sie sind schlecht gefördert, manchmal vernachlässigt, sogar verwahrlost. Wichtig für finanzschwache Familien wären außerdem professionelle, kostenlose Angebote im Bereich musikalische und kreative Früherziehung und im Sport. Dafür könnten Gutscheine ausgegeben werden. Die Politik sollte endlich mal handeln.

SZ: Sie sind jetzt seit mehr als 35 Jahren Erzieherin. Haben sich Methoden oder Moden im Laufe der Jahre grundlegend geändert - oder bleibt der Kern von Erziehung gleich?

Walliczek: Natürlich hat sich in den 35 Jahren manches geändert. Im Vordergrund stehen heute Spracherwerb und soziales Training. Auch unser Angebot hat sich erweitert: Wir bieten ein Sprachprojekt für Kinder mit Migrationshintergrund, Arbeit mit Holz und Ton, Sport, eine Kreativwerkstatt, Ausflugstage, Englisch an. Aber nach wie vor begleiten feste Bezugspersonen die Kinder durch den Alltag. Malen, bauen, basteln - das gab es immer. Aber wir gehen jetzt systematischer heran.

SZ: Haben sich Leitbilder geändert - und was sind die? Anstand, Toleranz, Selbstbewusstsein?

Walliczek: Wenn ein Kind in den Kindergarten kommt, lernt es zuerst, selbständig zu werden, das reicht von Schuhe anziehen bis zum eigenständigen Entscheiden. Die nächsten Jahre lernt es das soziale Miteinander; es schließt Freundschaften, entwickelt Fairness, Mitgefühl, Rücksicht. Uns ist wichtig, dass die Kinder den Kindergarten als tolerante, selbstbewusste, soziale Wesen verlassen.

SZ: Was halten Sie denn von dem neuen Trend zu Englisch mit zwei Jahren, Yoga mit drei, Ausdruckstanz mit vier?

Walliczek: Weniger ist mehr. Wenn man zu viel in ein Kind hineinpresst, was es nicht verarbeiten kann, dann verpufft das. Es muss Wert auf Nachhaltigkeit gelegt werden. Eine simple Bauecke bedeutet für mich: Geometrie, Mathematik, Kreativität. Mit Bauklötzchen kann ein Kind Feinmotorik, Statikkenntnisse, Gruppenprozesse, Planung trainieren. Und wenn ein Kind weiß, wie man beim Malen ein Bild gestaltet, welche Farben man kombiniert, dann gewinnt das Kind ästhetisches Empfinden und Sensibilität.

Je mehr ein Kind mit wahllosen Angeboten und Aktivitäten zugeschüttet wird, desto größer ist die Gefahr, dass es später abblockt, dass es überfüttert ist und sich verweigert. Und man sollte bei einer Sache bleiben: Brettspiele oder Puzzles sollten beendet werden; die Entscheidung für ein Musikinstrument oder eine Sportart sollte bindend sein.

SZ: Die Eltern müssen also die Ansagen machen?

Walliczek: Ich habe leider immer mehr das Gefühl, dass die Kinder die Bestimmer sind und nicht die Eltern. Eltern müssen Grenzen setzen.

SZ: Es gibt ständig wechselnde Moden: Prinzessin Lillifee, Pokémon, Gogos. Soll man da mitspielen?

Walliczek: Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Man sollte nicht ständig zu McDonald's gehen und den Kindern neues Plastikspielzeug kaufen. Das gleiche gilt für Kleider: Eltern sollten die Vorgaben machen, Eltern sollten sagen, was geht. Und wenn nach Markenklamotten gerufen wird, dann gibt es ein Nein - und fertig.

SZ: Gibt es gutes und schlechtes Spielzeug?

Walliczek: Kinder werden überschüttet mit Mist aus Fernost, der sofort kaputtgeht. Was nützt mir lärmendes Hightech-Spielzeug, wenn ein Kind nicht mal die Basics beherrscht? Ich bin da konservativ: Spielzeug sollte einen pädagogischen Effekt haben. Ich plädiere nach wie vor für Bausteine, Brettspiele und Puppen.

SZ: Sollen kleine Kinder schon am Computer sitzen?

Walliczek: Man kann moderne Medien nicht aus dem Leben verbannen; auch wir haben Laptops im Kindergarten und lassen die Kinder eine begrenzte Zeit sinnvolle Sprachlernspiele ausprobieren. Aber ich würde nie einem kleinen Kind ein Handy in die Hand geben.

SZ: Fragen Eltern zu viel nach den Wünschen von Kindern, sind sie zu nett?

Walliczek: Manche Eltern leisten keinen Widerstand mehr. Sei es aus schlechtem Gewissen, aus Zeitmangel, aus Unwissenheit oder aus der Unfähigkeit heraus, sich mit den Kindern auseinanderzusetzen. Viele bemühen sich, aber sie scheitern. Und dann kommen sie zu uns und fragen: Was soll ich machen, wenn mein Kind sich weigert, den Fernseher auszuschalten? Ich antworte dann: Sie sind die Eltern und haben das Sagen.

SZ: Welche Pflichten kann man Kindern zumuten?

Walliczek: Wenn wir spazieren gehen, stelle ich immer wieder fest, dass Kinder bis zum Alter von drei, vier Jahren noch mit dem Kinderwagen gefahren werden. Selbst kleine Wege werden ihnen nicht zugemutet. Kinder werden weniger im Alltag gefordert. Sie werden nicht mehr mit einbezogen beim Gang zur Post, bei Einkäufen, beim Kochen, bei der Fahrt in die Autowerkstatt. Eltern halten ihr Kind nicht dazu an, die Jacke aufzuhängen und nehmen hin, dass es die Schuhe herumschmeißt. Es mangelt oft an den simpelsten Strukturen.

SZ: Sie sind mit Überzeugung und gern Erzieherin. Warum?

Walliczek: Mein Beruf ist kreativ und vielseitig, und ich habe relativ weitreichende Entscheidungsspielräume. Es liegt in meiner Hand, wie ich den Alltag mit den Kindern gestalte. Ich arbeite mit großen und kleinen Menschen, und ich kann ein klein wenig beitragen zum Zusammenhalt dieser Gesellschaft.

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(SZ vom 12.11.2009/vs)