SZ-Serie: Kinder, Kinder Diskriminierung von Kinderlosen

Matthias W. Birkwald hat das bereits verinnerlicht. "Ich mag Kinder sehr. Ich war früher lange Zeit Jugendgruppenleiter bei den Pfadfindern", sagt der 48-Jährige, noch bevor er in einem Café in Köln das erste Mal zur Kaffeetasse gegriffen hat. Aber ihm sei früh klar gewesen, dass er in die Politik wolle und dafür viel Zeit brauchen würde. Die Entscheidung für die Politik war gleichzeitig eine Entscheidung gegen Kinder. "Wenn ich Kinder hätte, würde ich mich viel um sie kümmern und nicht der Frau die ganze Erziehungsarbeit überlassen wollen."

Schon seit Jahren pendelt Birkwald nun zwischen Berlin und Köln, seine Freundin, eine Erzieherin, sieht er viel zu selten. Gleich beim ersten Date hat er ihr gesagt, dass er keine Kinder will. Trotzdem sind sie ein Paar geworden. Ein Glücksfall, "denn viele Beziehungen sind deshalb erst gar nicht zustande gekommen", sagt Birkwald. Vier andere scheiterten, als die Partnerinnen erkannten, dass sie ihn nicht bekehren konnten.

Als ob man keinen Beitrag leistet

Ende Oktober zieht Birkwald nun für die Partei Die Linke in den Bundestag ein. Einige seiner Wähler werde er mit diesem Artikel schockieren, ist er sich sicher, "aber es ist mir wichtig, etwas gegen die Stigmatisierung von Kinderlosen und für die Gleichstellung aller Lebensweisen zu tun." Denn während sich in den USA oder in England Anti-Eltern-Verbände dafür einsetzen, dass statt "childless" (kinderlos) das Wort "childfree" (kinderfrei) verwendet wird, haben gewollt Kinderlose in Deutschland bislang keine Lobby. "Es wird ständig so getan, als ob wir nicht unseren Beitrag zur Gesellschaft leisteten", sagt Birkwald, und man merkt seiner Stimme an, wie sehr ihn das ärgert. "Dabei arbeiten Kinderlose doch oft mehr, zahlen also auch höhere Steuern und Sozialabgaben."

Trotzdem seien zahlreiche Eltern überzeugt, dass ihre Kinder einmal die Rente der Kinderlosen zahlen. "Aber das stimmt so nicht: Nicht die Kinder im Allgemeinen zahlen später in die gesetzliche Rente ein, sondern nur solche, die auch arbeiten - und zwar nicht als Beamte, Abgeordnete oder Selbständige, denn auch die zahlen nicht in die gesetzliche Rente ein." Viel wichtiger als Kinderreichtum zu fördern, sei es deshalb, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.

Annette Anton spürt die Diskriminierung eher im Alltag. "Manche Eltern haben ein unglaubliches Selbstverständnis", sagt sie und berichtet von Müttern, die ihre Kinderwagen nebeneinander auf dem Gehweg schieben und auch dann nicht ausweichen, wenn man ihnen mit vier schweren Tüten entgegenkommt. Von Vätern, die sofort "Pssst, die Kleinen" aus dem Fenster zischen, wenn man sich abends vor dem Haus mal lauter unterhält. Oder von Freunden, die verkünden, dass sie wegen fehlendem Kantenschutz und ungesicherten Steckdosen leider nicht zu Besuch kommen können.

Karriere statt Kind

Trotz aller Stigmatisierung steigt die Zahl der Kinderlosen. Im vergangenen Jahr haben 21 Prozent der 40- bis 44-jährigen Frauen keine Kinder zur Welt gebracht. Zehn Jahre zuvor waren es nur 16 Prozent. Die gängige Erklärung lautet: Immer mehr Frauen sind gut ausgebildet und machen lieber Karriere statt Kinder zu bekommen.

Dabei sind auch viele Männer nicht mehr für Kinder zu begeistern: Fast ein Viertel der 20- bis 49-Jährigen will Umfragen zufolge ganz auf Nachwuchs verzichten, bei den Frauen sind es 15 Prozent. In einer Umfrage erklärte jeder zweite Mann ohne Kinderwunsch, es sei ihm wichtig, seinen Lebensstandard beizubehalten. Hinzu kommen gestiegene Mobilitätsanforderungen, die sich negativ auf Beziehungen auswirken. Nach den ersten beruflichen Erfolgen folgt eine Art "Rushhour" der Partnersuche - mit unsicherem Ausgang.

Auch das eigene Elternhaus spielt bei der Kinderfrage eine zentrale Rolle. Ängste, die eigenen negativen Erfahrungen weiterzugeben oder Erziehungsfehler der Eltern zu wiederholen, beeinflussen die Entscheidung. Und unerfüllte Lebenswünsche der Eltern werden häufig auf die Kinder übertragen.

So war das auch bei Annette Anton, die als Einzelkind mit einer Vollzeitmutter aufgewachsen ist. "Meine Mutter war traurig, als sie realisiert hat, dass sie nie Oma wird", sagt Anton."Aber dann hat sie begriffen, dass ich ein Leben lebe, das sie vielleicht auch gerne gelebt hätte." Ein Leben mit einer erfüllenden Arbeit, einer glücklichen Beziehung, viel Spontaneität und viel Zeit für Bücher.

Ihre Entscheidung hat Anton bislang überhaupt nicht bereut - auch wenn sie von Verwandten, Bekannten und Freunden mit schöner Regelmäßigkeit zu hören bekommt: "Das ist der größte Fehler deines Lebens!", "Du weißt ja gar nicht, was dir entgeht!" "Klar entgeht mir was", sagt Annette Anton dann. "Aber es entgehen mir doch so unglaublich viele Dinge im Leben. "