Suizid des Vaters "Noch nie habe ich mich so allein gefühlt"

Der Vater von Saskia Jungnikl hat sich das Leben genommen. Welchen Schmerz, Verlust und Trauer er seiner Tochter hinterlässt.

Protokoll: Lars Langenau

Saskia Jungnikl hat ein Buch über den Suizid ihres Vaters veröffentlicht: "Papa hat sich erschossen." Die 34-Jährige sagt: "Es ist keine Abrechnung mit meinem Vater. Ich wollte zeigen, wie hart der Einschnitt für mich war." Suizid sei in Deutschland ein Tabuthema, es gebe kaum Literatur von Angehörigen darüber. Obwohl sich weltweit alle 40 Sekunden ein Mensch selbst tötet, allein in Deutschland mehr als 10 000 im Jahr, davon unmittelbar betroffen sind pro Suizid mindestens drei bis fünf enge Angehörige. "Das sind zu viele, als dass man nicht darüber sprechen kann," sagt Jungnikl. Hier beschreibt sie, wie der Suizid des Vaters sie in eine schwere Krise gestürzt hat - und wie es ihr gelungen ist, den Schmerz zu überwinden.

Wenn Sie von Suizid-Gedanken betroffen sind, kontaktieren Sie die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Saskia Jungnikl mit ihrem Vater: "Er hat mich festgehalten und mir gesagt, dass er mich liebt und gefragt, ob ich ihn auch liebe. Er hat sich von mir verabschiedet."

(Foto: privat)

Am Anfang habe ich nur blind funktioniert

"Es sind die Gespräche, die sich verändert haben. Diese Gespräche, in denen jemand fragt: Was macht denn dein Vater? Seit dem 7. Juli 2008 muss ich darauf antworten: 'Er hat sich erschossen.' Es ist immer noch schwer für mich, das auszusprechen. Was weniger daran liegt, dass ich ein Problem damit habe, als vielmehr daran, dass ich mein Gegenüber ungern unvorbereitet in diese Situation bringen will. Nach solchen Sätzen geht es in einem Gespräch kaum mehr bergauf. Es gibt keine gängige Antwort auf ein 'Er hat sich das Hirn weggeschossen'.

Mein Vater war 67 Jahre alt, als er sich das Leben nahm. Damals war ich 27. Meine Mutter erreichte mich auf dem Weg zur Arbeit und sagte: 'Papa ist tot. Er hat sich erschossen.' Danach war nichts mehr wie vorher. Am Anfang habe ich nur blind funktioniert. Ganz langsam ist dann eingesickert, was hier gerade passiert. Es gibt bis heute immer wieder Momente, in denen ich geradezu fassungslos bin, dass er das tatsächlich gemacht hat. Es ist eine selbstverständliche Annahme von mir, dass die Menschen um mich herum leben und nicht sterben wollen. Dass mein Vater, ein Mensch, den ich gut gekannt und sehr geliebt habe, sich getötet hat, hat dieses innere Prinzip umgedreht. Damit stand lange Zeit für mich alles Kopf.

Ich kann als Mensch schon akzeptieren, dass jemand sein Leben nach seinen eigenen Bedingungen beenden will. Aber als Tochter ist das anders. Als Tochter erwarte ich, dass meine Eltern so lange leben, wie es nur möglich ist. Und mein Vater war nicht krank. Es war nicht absehbar, dass er sich tötet. Ich denke, es wäre mir lieber gewesen, wenn er mich einbezogen hätte. Dann hätte ich ihm ein paar der wichtigen Fragen stellen können, die ich beantwortet brauche. Und ich hätte mich verabschieden können.

Als ich ihn das letzte Mal lebend gesehen habe, war ich zu Hause und bin ihm an der Küchentür in die Arme gerannt. Er hat mich festgehalten und mir gesagt, dass er mich liebt und gefragt, ob ich ihn auch liebe. Er hat sich von mir verabschiedet. Es ist schaurig, dass er damals wusste, dass wir uns nie wiedersehen werden. Und ich nicht.

Saskia Jungnikl sagt: "Sein Suizid hat mir lange Zeit das Gefühl gegeben, dass mein Vater lieber gestorben ist als bei mir zu bleiben."

(Foto: Rafaela Pröll)