Studie: Jugendsexualität Das erste Mal hat Zeit

Von wegen, die Jugend wird immer früher reif: Eine Studie hat ergeben, dass deutsche Jugendliche sich mit dem ersten Sex mehr Zeit lassen - und auch sonst Verantwortung zeigen. Das liegt nicht zuletzt an den Eltern.

Von Violetta Simon

Seit sich die Gesellschaft mit der Jugendsexualität auseinandersetzt, klagen die Erwachsenen, die Jungen seien frühreif. Dieser Eindruck hat sich mit den Möglichkeiten, die die neuen Medien eröffnen, noch verstärkt. Überhaupt, das Internet: Viele Jugendliche hätten dort bereits so viel gesehen und erfahren, so die gängige Meinung, dass die Praxis nurmehr als fader Abklatsch erscheinen mag. Doch ist unsere Jugend wirklich so frühreif - also zu früh reif?

Zwar trifft es zu, dass junge Menschen unter 17 Jahren ihre ersten sexuellen Erfahrungen eher machen als das noch vor 30 Jahren der Fall war. Doch handelt es sich dabei nicht um ein gegenwärtiges Phänomen, sondern um eine konstante Entwicklung. Der Sexualforscher, Arzt und Soziologe Volkmar Sigusch erklärte 1998 in einem Bericht: "Schon Ende der sechziger Jahre hatte man erkannt, dass sich die damals 16- und 17-Jährigen sexuell so verhielten wie die 19- und 20-Jährigen zehn Jahre zuvor" - und bezeichnete das als sexuelle Revolution. Zu diesem Zeitpunkt war auch diese "Revolution" längst aufs Neue überholt.

Doch geht das immer so weiter? Werden Jugendliche schon bald mit zwölf, irgendwann mit zehn Jahren ihre erste sexuellen Erfahrungen machen? Nein - wenn man den Ergebnissen der neuen Studie "Jugendsexualität 2010" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) glauben darf, wird das nicht der Fall sein. "Annahmen, wonach immer mehr junge Menschen immer früher sexuell aktiv werden, bestätigen sich nicht", erklärte die Direktorin der BZgA, Elisabeth Pott, in Köln. Seit 1980 befragt die Bundeszentrale in regelmäßigen Abständen Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren und jeweils einen Elternteil zum Thema Sexualität und Verhütung.

Bei der aktuellen Studie wurden 3542 Jugendliche befragt, darunter 1014 Migranten. Demnach ist die sexuelle Aktivität Jugendlicher seit Mitte der neunziger Jahre fast unverändert und nun sogar rückläufig, so Pott. Der Anteil der deutschen 14-jährigen Mädchen, die bereits Erfahrung mit Geschlechtsverkehr hatten, sank im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2005 von zwölf auf sieben Prozent, bei den gleichaltrigen Jungen von zehn auf vier. Bei den 17-jährigen Mädchen reduzierte sich der Anteil von 73 auf 66 Prozent, bei den gleichaltrigen Jungen blieb er mit 65 Prozent nahezu konstant.

Das "erste Mal" mit dem festen Partner

Auch sind deutsche Jugendliche in erster Linie nicht, wie viele besorgte Erwachsenen glauben, auf der Suche nach dem "Kick" oder nach möglichst vielen verschiedenen Erfahrungen, sondern erleben ihr "erstes Mal" meist in einer Partnerschaft. "Die Tatsache, dass Jugendliche ihr erstes Mal später und in einer festen Beziehung erleben, zeigt, dass sie sich den Zeitpunkt und den Partner bewusster überlegen", erklärte Pott gegenüber sueddeutsche.de. "Feste Beziehungen, in denen man über Verhütung sprechen kann, scheinen an Bedeutung zu gewinnen."

Den Grund für diesen Trend sieht die BZgA-Direktorin in der zunehmenden Aufklärung - sowohl durch Fachleute als auch durch die Eltern. Wir versuchen den Jugendlichen immer zu vermitteln: "Glaubt nicht, dass alle anderen schon Sex hatten, nur weil sie damit prahlen, und überlegt euch gut, was das Richtige für euch ist - wann, mit wem, wie. Geht bewusst mit eurem Körper und eurer Beziehung um."

Wie die Studie ergab, sind Jungen aus Migrantenfamilien laut Studie früher und häufiger sexuell aktiv als deutsche Jungen. Junge muslimischen Frauen, insbesondere türkische Mädchen, seien dagegen deutlich zurückhaltender und fänden engen Kontakt zum anderen Geschlecht vor der Ehe nicht richtig.

Die Folgerung, dass die männlichen Jugendlichen ihre ersten sexuellen Erfahrungen nicht mit Mädchen aus ihrem Kulturkreis, sondern vor allem mit deutschen Mädchen machen, will Pott so nicht bestätigen: "Es gibt keinen Interpretationsspielraum, der das belegen würde", sagt die BZgA-Direktorin zu sueddeutsche.de, zumal die meisten weiblichen Jugendlichen ihre ersten sexuellen Erfahrungen in einer festen Partnerschaft machen würden. Zwar erfolge der erste Kontakt bei Jungen mit Migrationshintergrund häufig spontan und unbekannt. "Doch da kommen ebenso volljährige Frauen in Frage - und zahlreiche andere Möglichkeiten", unterstreicht Pott ihre Aussage.

Mehr Aufklärung, mehr Verhütung

In Sachen Verhütung zeigen sich deutsche Jugendliche beim "ersten Mal" verantwortungsbewusster als je zuvor. Wie die Studie ergeben hat, gaben nur acht Prozent an, keinerlei Verhütungsmittel benutzt zu haben; 1980 lag die Risikobereitschaft mit 20 Prozent (Mädchen) beziehungsweise 29 Prozent (Jungen) um ein Vielfaches höher. Migranten verhüten aber seltener als ihre deutschen Altersgenossen.

Verhütungsmittel Nummer eins sei beim ersten Geschlechtsverkehr mit Abstand das Kondom. Bei zunehmender sexueller Aktivität verwendeten Mädchen dann häufiger die Pille - nicht zuletzt, weil sich auch die Einstellung der Erwachsenen dazu verändert hat: Wie die Studie ergab, sprechen inzwischen 69 Prozent der Mädchen und 59 Prozent der Jungen mit ihren Eltern ausführlich über Verhütung. Vor 30 Jahren, als die erste BZgA-Befragung zur jugendlichen Sexualität durchgeführt wurde, hätten dies nur ein Drittel der Mädchen und nur ein Viertel der Jungen getan.

"Heutzutage findet nicht mehr nur das eine Aufklärungsgespräch statt", erklärt Pott. In den Familien gebe es mittlerweile eher eine kontinuierliche Kommunikation, bei der man - je nachdem, welches Thema und welches Alter es betrifft - offen miteinander sprechen könne. Deshalb sei heute die Familie und besonders die Mutter die wichtigste Bezugsperson.

Aber auch Schule gewinnt bei der Wissensvermittlung über Sexualität und Verhütung an Bedeutung. Mittlerweile werde überall im Unterricht Sexualkunde angeboten, erklärt Pott. Vor allem für jene, in deren Familie über Sexualität nicht gesprochen werden kann, spiele diese Möglichkeit eine wichtige Rolle. Für Jungen mit Migrationshintergrund sei Schule mitunter "der wichtigste Ort der Aufklärung".

"Die Mädchen verhalten sich sehr viel zurückhaltender", sagte Pott. Sie seien auf andere Quellen angewiesen und würden sich lieber über Broschüren informieren. Auch Frauenärztinnen spielten dabei eine große Rolle. Das Wichtigste im Umgang mit der Sexualität sei nach wie vor die Aufklärung. "Wir versuchen, den Jugendlichen zu vermitteln, dass sie sich nicht unter Druck setzen lassen sollen", sagt Pott.

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