"Die Queen" kommt ins Kino und mit ihr die legendäre Wachsjacke. Das kultige Kleidungsstück polarisiert. Man liebt oder hasst sie. Dazwischen gibt es nichts.
Violetta Simon vermutet: Was so aussieht, muss wirklich unheimlich praktisch sein.
Helen Mirren spielt Elizabeth II, die sich ganz leger in der klassischen Wachsjacke zeigt. (© Foto: Concorde)
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Es gibt Dinge, die werden wir nie verstehen: Warum es nur regnet, wenn wir keinen Schirm dabei haben und wie es Beyonce gelungen ist, als eine der best angezogenen Frauen zu gelten. Ebenso wenig ist zu begreifen, wie eine sackförmige, schlammfarbene Wachstischdecke mit Ärmeln es geschafft hat, sich zu einem Prestigeobjekt zu mausern. Allein das Gewicht! Als ob der Alltag nicht schon erdrückend genug wäre. Und dann der Geruch - was so nach alter Kerze muffelt, sollte unter Verschluss gehalten werden. Ganz zu schweigen von den überdimensionalen, stets vollgestopften Taschen, die den Träger aussehen lassen wie einen wandelnden Sitzsack mit Beulen.
Doch Selbstzweifel kennen Barbour-Jacken-Träger nicht. In einem Internetforum tauschen sie munter Erfahrungsberichte aus und bezeichnen sich als "urbane Jäger mit Stil". Was sie an dem gewichtigen Kittel schätzen, ist, dass er "robust, wasserdicht, praktisch und zeitlos" ist. Mit Verlaub - diese Eigenschaften treffen auch auf meine Gummistiefel zu. Was so aussieht, muss in der Tat unheimlich praktisch sein. Eine andere Entschuldigung gibt es dafür nicht. Nicht umsonst wurde die Jacke einst in der Natur von britischen Jägern getragen. Dabei hätte man es belassen können.
Doch irgendwie hat sie es über den Ärmelkanal geschafft und sich im Rest der Welt verbreitet. Seitdem wird die Barbour-Jacke weltweit von Leuten gekauft, die praktische Dinge mögen, jedoch weder Turnschuhe noch Jeans besitzen. Menschen, die lässig wirken wollen, aber nicht wissen wie das geht. Also hüllen sie ihr Business-Outfit in Sack und Asche. Dann kommt es zu bemerkenswerten Kombinationen wie einer verknüllten Barbour-Jacke über einem Nadelstreifen-Anzug oder einem Damen-Kostüm.
Nur im Kino ist die Welt noch in Ordnung. In "Die Queen" trägt Elizabeth II. das Wachsungetüm auf dem Land, fernab jeglicher Zivilisation. Das ist gut so, denn dort gehört es hin. Die Briten sollten ihre Wachsjacke zum Nationaleigentum erklären und sämtliche Exemplare aus dem Rest der Welt einziehen. Schon bald würde die Erinnerung an den urbanen Jäger und seine schlammfarbene Wachstischdecke jenseits des Ärmelkanals nurmehr einen kurzen Schauer verursachen. Dann ziehen wir unseren gut geschnittenen Kashmir-Mantel etwas enger und vergessen ihn einfach.
Eike Schrimm meint: Mode-Junkies haben dieses Kult-Objekt nicht verdient
Was das Besondere an der Wachsjacke mit dem Cordkragen ist? Nichts. Und alles. Das ist das Geheimnis. Mit ihren Erdfarben bleibt sie am Boden und kreischt nicht los: "Seht her, wie toll ich bin."
Stattdessen konzentriert sie sich auf ihr Hauptgeschäft und lässt ihren Träger nicht im Regen stehen. Dabei ist sie auch noch schön. Und so vornehm. Obwohl sie vom Dorf kommt. Denn die Erfolgsstory der Barbour-Modelle Beaufort, Bedale und Border hat in den 80er Jahren auf dem Land begonnen, schließlich wurde sie für Reiter und Jäger erfunden.
Der Landadel war jedoch so begeistert, dass er sie in die Stadt trug. Der städtische Trendsetter erkannte natürlich sofort, was er da vor sich hat und deckte die Familie generationsübergreifend ein: eine Barbour-Jacke für sich, eine für den Partner, für den Sohn, für die Tochter, für die Oma und für den Opa.
Denn die Vorteile liegen auf der Hand: Zum einen ist die Wachshaut wetter- und dornenfest. Zum anderen - die Taschen! In den zwei Ballonen auf der Vorderseite schlüpfen Geldbeutel, Handy, Zigaretten und Schlüsselbund unter. Gerade Männer schätzen dieses XXL-Lager, da es die Designer bis heute nicht geschafft haben, ihnen eine würdige Tasche umzuhängen, ohne dass sie aussehen wie Fahrradkuriere, Wanderer oder Spießer. Und Frauen lieben die weichen moleskingefütterten Handwärmertaschen, die eingefrorene Finger zum Schmelzen bringen.
In harten Zeiten kann ein Webpelz eingeknöpft werden. Kommt die Außenhaut in die Jahre, wird das Schutzschild neu aufgetragen. Dafür lässt man sie am besten für circa 50 Euro nach England schicken und zurück kommt ein rundum erneuerter Begleiter.
Das sind also die praktischen, langlebigen Vorzüge. Aber es gibt noch einen anderen Grund, der die Barbour-Jacke zum Klassiker macht: Sie war noch nie in, deshalb kann sie logischerweise nie out sein. Ihr Besitzer kann sich also jederzeit entspannt zurücklehnen und die Zeit sinnvoll nutzen, während die hysterischen Mode-Experten dem letzten Schrei hinterhershoppen. Denn die ganze Hektik nützt doch gar nichts: Nach einer Saison sehen die Fashion-Junkies unendlich alt aus.
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... ist ein Verweis auf das angesprochene Internetforum. Wo treffen sich die urbanen Jäger im Netz?
Das Urübel der Barbour-Jacke ist nicht ihr passsables Aussehen, ihre Qualität ist sogar überragend, sondern dass Sie zum Standardkleidungsstück des modernen Konservatismus geworden ist. Wer sich dazurechnet, wird sie tragen, wer nicht, wird es nicht tun.
Für den modernen, von globalen Polaritäten (USA/UdSSR) inzwischen weitgehend verschonten Konsummenschen gibt es einige spezifischere, aber auch schwer auflösbare Kollisionen. Das Betriebssystem mit dem Apfel - oder das mit dem Fensterchen? Der Handheld mit dem (schon wieder) Fensterchen - oder der mit dem Namen, der an Kokosnüsse denken lässt? Klapp- oder nicht-klapp-Handy? Benzin oder Diesel? City-Loft oder Country Cottage? BARBOUR ODER (Modelabel Ihrer Wahl einsetzen)?
Der Bruder des Verfassers würde sofort Frau Simons oben genannte Position unterstützen. "Die Dinger stinken nach Kerze. Sie sind irgendwie klebrig. Farbe und Form sind undefinierbar." Der Verfasser selbst ist bekennender Barbour-Träger: Sie ist praktisch, fast unzerstörbar, schmutz- und wasserabweisend, vielseitig verwendbar (z. B. als Notzelt für's Kind bei Regenschauern oder Einkaufstaschenersatz), passt zu Jeans und Anzug, ist vollkommen zeitlos und anlassneutral verwendbar. Zuvörderst aber ist sie ein Klassiker mit Background, der nicht durch eine Marketingagentur künstlich entwickelt und dann professionell "gehyped" wurde. Das Ding wurde eben nicht zur Begründung oder Bedienung einer Mode entwickelt und dann kurzfristig renditeorientiert zielgruppengerecht in den Markt penetriert, sondern es ist authentisch - was heute bereits ein Attraktor an sich ist.
Viel ist geschrieben worden über die durch den Träger ausgedrückte Affinität zum Landleben, dessen angeblich einfachen Freuden und der "Cosyness" des Reetdachs gegenüber der bauhäusernen Kühle kubischer Stadtformen. Mag alles sein. Ebenfalls wahr ist auch ein gewisser urbaner Uniformcharakter der Jacke, wie er sich z. B. an juristischen Fakultäten feststellen lässt.
Im Endergebnis kann nicht entschieden werden, welche Sichtweise richtig ist - wer's mag, wird sie tragen, bis sie auseinanderfällt und sich nicht von den Schmähungen der Andersmeinenden anfechten lassen. Wer's nicht mag, wird halt davon lassen und regelmäßig zu aktualisierende Kaschmirmäntel kaufen. Aber bitte nicht bestreiten, dass diese Jacke (ähnlich z. B. wie eine ehrwürdig patinierte, lederne Fliegerjacke) einen Sonderstatus im Reich der Bekleidung genießt und der dort vorherrschenden, launenhaften Veränderlichkeit nicht unterworfen ist. Eben mal ein echter "Kult" unter tausend künstlich so bezeichneten Kunstprodukten.
Das war übrigens schon lange vor Helen Mirren so.
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