Stilkritik: Die deutsche Wurst Schluss mit wurstig!

Uli Hoeneß bringt mit einer amerikanischen Fast-Food-Kette den "Nürnburger" auf den Markt. Das wird viele Wurstfans freuen. Doch eigentlich ist der Deutschen liebstes Stück ein Problemfall.

Von Franziska Seng

Wenn es um die Wurst geht, sind sich die Deutschen einig. Das Nationalgericht stößt auf breite Zustimmung: An süddeutschen Fleischtheken werden Kleinkinder mit Hirnwurst angefüttert. Grobe Männerhände entwickeln eine zärtliche Grazilität, wenn es darum geht, den guten Stückchen mit der Grillzange zu streifenfreiem Teint zu verhelfen. Entnervte Mütter hauen schnell mal welche in die Pfanne, wenn die mit Hirnwurst angefütterten Kinder halbstark und hungrig geworden sind.

Der Bart ist aufgeklebt, der Produktstolz echt: Wurstfabrikant Uli Hoeneß mit dem "Nürnburger".

(Foto: dpa)

Die Liebe der Deutschen schlägt sich auch in Zahlen nieder: Etwa 1500 verschiedene Wurstsorten gibt es. 60 Prozent des Fleischverzehrs passieren über die knackigen bis labbrigen Kunst- und Naturdarmverschlingungen. Das ist manchen noch nicht genug.

Jetzt bringt der Ex-Bayern-Manager und Würstlfabrikant Uli Hoeneß auch noch zusammen mit einer amerikanischen Fast-Foodkette den "Nürnburger" auf den Markt, ein Konstrukt aus dezent gebräunter Wurst, Röstzwiebelsenfsauce und Ciabatta-Semmel. Drei Monate lang soll die Köstlichkeit zu haben sein, die phänotypisch an einen zwangsassimilierten Hot Dog erinnert.

Das kann man einerseits begrüßen. Man kann bei dieser Gelegenheit erneut den weltweit einzigartigen Reichtum der deutschen Wurstkultur preisen, die dem Einheitsbrät der Globalisierung trotzt und ihren Ursprung in den Duodezfürstentümern und freien Reichsstädten der Vergangenheit haben muss. Mittlerweile hat jedes Kaff eine Extra-Wurst, ein kulinarisches Aushängeschild: Regensburg die "Regensburger", Nürnberg die "Nürnberger", Berlin rühmt sich seiner Curry-Wurst.

Man kann sich jedoch auch fragen, ob das kulinarische Gewurstel, das seit Jahrhunderten als deutsche Esskultur gefeiert wird, nicht krititscher bewertet werden müsste. Und ob die Wurst in Zeiten, in denen beim Fleischkonsum nicht Quantität, sondern Qualität im Vordergrund zu stehen hätte, nicht längst ausgedient haben sollte. "Wurst ist ein Abfallprodukt. In ihr werden Fleischelemente verwertet, die sonst nicht auf den Tisch kommen könnten", schrieb der Volkskundler Gunther Hirschfelder in einem Beitrag in der Welt, als gerade die BSE-Angst akut war. Und weiter: "Wir haben in Deutschland eine breite Akzeptanz gegenüber 'Müllnahrungsmitteln', leben mit der Maxime: Fleisch muss billig sein."

Diese liderliche deutsche Leidenschaft geht bis zurück ins Mittelalter, als in Gedichten und Kochbüchern Loblieder auf die Wurst angestimmt wurden. Das Debakel auf deutschen Imbisspappdeckeln steht also für Jahrhunderte des kulinarischen Schlendrians, auch der Verdrängung: Fettschwarten und potentielles Gammelfleisch sehen zerkleinert und in der glänzenden, wohlgeformten Hülle plötzlich ganz schlank und ordentlich aus. Der Geschmack ist sekundär, schließlich gibt es Ketchup, Senf und Curry.

Wie lange noch soll man also beim Abendbrot die verächtlichen Blicke seiner Katze ignorieren, die die ihr angebotenen Discounter-Wienerchen noch entrüsteter ablehnt als Trockenfutter? Wann sollte man die Putensalami vom Diätplan streichen?

Es gibt mutige Vorbilder: Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach etwa versucht beherzt, mit Fisch und Brokkoli gegen die Fleisch- und vor allem Würstelsucht der Deutschen anzugrillen. Doch was kann ein blasser Dr. Dr. Lauterbach ausrichten gegen einen geschäftstüchtigen, sogar in Polit-Talkshows kernig-charismatisch rüberkommenden Wurst-Magnaten wie Uli Hoeneß?

Die deutsche Wurst, so muss also die realistische Prognose lauten, wird in naher Zukunft noch lange kein Ende haben.