Stilduell: Kaffee im Pappbecher Coffee to go home!

Wir sind ständig unter Zeitdruck. Gut, wenn man sich unterwegs noch schnell einen Cappuccino mitnehmen kann. Oder liegt genau da die Krux? Ein Pro und Contra zum Tag des Kaffees.

Von Violetta Simon und Sebastian Gierke

Coffee to go zu verfluchen, ist etwa so originell, wie über den Stau zu schimpfen, in dem man steckt. Denn Kaffee aus dem Pappbecher passt perfekt zu dem, was wir Leben nennen - findet Violetta Simon.

Wer in den fünfziger Jahren den Wiener Publizisten Alfred Schmeller treffen wollte, wusste, wo er zu finden war: "Wenn ich nicht zu Hause bin, bin ich im Hawelka. Wenn ich nicht im Hawelka bin, dann bin ich auf dem Weg ins Hawelka." Welch glorreiche Zeiten, als der Radius eines kultivierten Mannes sich auf ein Kaffeehaus reduzierte - einen Ort des intellektuellen Austauschs, der Philosophie. Eine Melange gab es obendrein - in einer Porzellantasse.

Hätten wir doch nur mehr Zeit! Für Gespräche. Museumsbesuche. Tante Erna. Das Einkleben alter Urlaubsfotos. Aber machen wir uns nichts vor: Daraus wird nichts. Wir sind eine gehetzte Gesellschaft, auf der Jagd nach neuen Herausforderungen. Auf der Flucht vor der Welle, die jeden Moment über uns zusammenschlägt.

Würde Schmeller - Gott hab ihn selig - heute das Hawelka betreten, er müsste sich wohl sehr wundern. Statt Philosophen, Autoren und Künstler säßen da nurmehr Touristen. Der einheimische Zeitgenosse käme kaum auf die Idee, dort einen Bekannten aufzusuchen. Was wir heute suchen, ist eine Möglichkeit, Zeit zu sparen. Dabei ist uns wohl die Kunst des Genießens abhandengekommen. Somit ist Kaffee aus der Schnabeltasse das perfekte Accessoire zu dem, was wir unter Leben verstehen.

"Das waren Zeiten, als man sich auf eine Tasse Kaffee traf", hört man die Nostalgiker jammern. Kaffeekränzchen? Ach Gott, da war mal was. Hatte irgendwie mit alten Damen und mächtigen Sahnetorten zu tun. Doch was, bitteschön, sollte ein Mitglied der Leistungsgesellschaft mit einem Kaffeehaus anfangen? Meetings auf dem Plüschsofa abhalten? Mit der Torte auf den Laptop krümeln? Wo kommen wir denn da hin? Genau: Nirgends. Der Weg ist das Ziel, und er führt uns direkt zum nächsten San Francisco Coffee Shop. Wir trinken unterwegs, nebenbei. Nicht aus Spaß, sondern, um uns zu ermuntern und das Herz anzuschubsen.

Deshalb hat es der "Coffe to go" so geschmeidig in unsere Kultur geschafft. Konnte sich erst dezent etablieren, bis er schließlich zum omnipräsenten Bestandteil des Stadtbildes mutierte. Und ja, auch Himbeersirup und Caramel-Aroma nehmen wir gern dazu. Was gar nicht geht: "Ich hätte gern ein Kännchen Kaffee und ein Stück von der Linzer Torte". Eine korrekte Bestellung lautet heutzutage: "Einmal Coffee to go und ein Bagel in der running bag". Anspruch auf einen Sitzplatz? Fehlanzeige. Wir gehören auf die Straße, und dorthin reicht man uns - durch ein Fenster - auch die Ware.

Verwaiste Kaffeehäuser

Das mag man bedauern oder begrüßen, Tatsache ist: Würde man sämtliche San Francisco Coffee Shops, Starbucks und wie sie sonst alle heißen, in den Orbit verbannen, hätte das nur eine Konsequenz: Die Menschheit würde weniger Kaffee trinken. Einige würden wieder öfter zu Hause frühstücken, viele würden koffeinfrei das Büro betreten und sich einen abgestandenen Filterkaffee in ihren nüchternen Magen kippen.

Die Kaffeehäuser aber, sie blieben verwaist. Weil: Für so viel Gemütlichkeit fehlt uns die Zeit. Nur die älteren Damen, sie würden dem nostalgischen Café die Treue halten. Würden schockiert die ondulierten Häupter schütteln und sich dem nächsten Kännchen zuwenden - die es noch immer ausschließlich auf der Terrasse gibt.

Jede Gesellschaft hat die Kultur, die sie verdient. Und solange wir glauben, dass uns das Einsparen von Zeit Lebensqualität bringt, brauchen wir nicht jene verdammen, die diese zweifelhafte Philosophie bedienen. Das wäre so sinnvoll, wie über den Stau zu schimpfen, in dem man steckt. Bis wir gelernt haben, zu entschleunigen, kommt der Kaffee hübsch in den Becher, das Gebäck in ein Tütchen. Und jetzt: huschhusch, ab zum nächsten Termin!

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