Stil Deutschland muss Pünktlichkeit neu definieren

Auf die Minute genau: Kunstwerk aus Bahnhofsuhren in Düsseldorf.

(Foto: dpa)

Zehn Minuten zu spät kann auch noch rechtzeitig sein, wenn der andere in einem warmen Café sitzt.

Von Oliver Klasen

Es gibt diese Spezies Mensch, deretwegen ich permanent das Gefühl habe, ich hätte mein Leben nicht im Griff. Es ist wie bei der Sage mit dem Hasen und dem Igel. Komme ich zu unserer Verabredung ins Café, sitzen sie längst da, den Cappuccino halb ausgetrunken. Schaffe ich es ausnahmsweise mal rechtzeitig zur Arbeit, haben sie den PC längst hochgefahren und telefonieren mit dem ersten Interviewpartner, während ich mir noch den Schlaf aus den Augen reibe. Hetze ich zum Bahnhof, um den ICE in letzter Minute zu erwischen, sitzen sie, die Beine übereinandergeschlagen und Zeitung lesend, schon im Abteil.

Madonna gehört nicht zu dieser Spezies. Madonna ist wie ich. Im Unterschied zu mir - sie ist schließlich ein Weltstar - zelebriert sie ihre Unpünktlichkeit allerdings mit maximaler Unverfrorenheit. Bei einem Konzert im australischen Brisbane ließ sie ihre Fans rund drei Stunden warten. Um 20 Uhr war Einlass, um 21 Uhr hätte ihr Auftritt beginnen sollen, stattdessen betrat sie erst um 23:22 Uhr die Bühne. Eine Entschuldigung? Gab es nicht. "Ich bin fast nie zu spät. Das Problem ist, dass ihr so früh kommt. Macht euch keinen Stress zu Hause, kümmert euch um die Frisur oder um das Make-up und trinkt noch einen Tequila", sagte Madonna zu den Zuschauern.

"Atemberaubend arrogant"

Dafür gab es reichlich Häme im Netz - auch weil sie zu wenige alte Songs gespielt und Playback gesungen haben soll, aber vor allem weil sie ihre Fans so lange warten ließ. Etliche müde Zuschauer sollen die Halle vorzeitig verlassen haben, ein Kommentator der Brisbane Times nannte ihren Auftritt "atemberaubend arrogant".

Haben die genervten Konzertbesucher recht?

Nein, denn es widerspricht jeder Lebenserfahrung, dass so eine Veranstaltung pünktlich beginnt. Madonnas Verspätung mag am oberen Rand dessen liegen, was sich Künstler erlauben können. Doch wenn ich zu Madonna gehe, dann opfere ich einen ganzen Abend, das ist der Deal. Kann sein, dass sie um halb zehn anfängt oder um halb elf oder eben noch später, you never know. Gejammere gilt nicht, das vorfreudige Warten gehört dazu. Wer unbedingt schon zur Einlasszeit kommen will, der kann ja mit seinen Freunden noch biertrinkend an der Bar stehen oder sich einen Platz in der ersten Reihe sichern.

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Der Vorfall mit Madonna zeigt, dass wir - je nach Anlass - eine flexible Definition von Pünktlichkeit und Unpünktlichkeit brauchen. Bin ich draußen im Schneegestöber verabredet, sind bereits zehn Minuten Wartenlassen eine Zumutung. Sitzt man gemütlich im Café, sind zehn Minuten dagegen kaum der Rede wert. Ist ein berufliches Meeting auf nur 20 Minuten angesetzt, können schon wenige Minuten, die jemand regelmäßig zu spät kommt, ein Zeichen von mangelndem Respekt sein. Ist man zu einer Party eingeladen, darf man die Info "Beginn um 20 Uhr" als unverbindliche Empfehlung sehen, die lediglich bedeutet, dass dann das Bier kaltgestellt ist, man aber gerne auch um 22 oder 23 Uhr kommen kann.

Wenn wir aufhören, in allen Situationen auf minutengenaues Einhalten von Terminen zu pochen und einen der Situation angepassten Zeitpuffer akzeptieren, würde das unser aller Leben deutlich entspannter machen.

"Die Tagesschau fängt um acht an - nicht um zwei nach acht"

Anders lief es während meiner Journalistenausbildung. Damals erhielt ich eine sehr, sehr scharfe Rüge, weil ich morgens zwei Minuten zu spät erschienen war. "Die Tagesschau fängt um acht an und nicht um zwei nach acht", bekam ich zu hören. Ich habe damals nichts darauf geantwortet, weil es karrieretaktisch extrem unklug gewesen wäre, mit einer schnippischen Replik zu reagieren.

Doch der Vergleich mit der bekanntesten deutschen Nachrichtensendung zieht nicht. Erstens kommen - nach allem, was über die Produktion der Tagesschau bekannt ist, Sprecher, Redakteure, Kameraleute und Techniker nicht erst um kurz vor acht zum Dienst, sondern sind bereits den ganzen Tag in der Redaktion, um die Sendung am Abend vorzubereiten.

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Und zweitens fängt heutzutage nicht einmal mehr die altehrwürdige Tagesschau unbedingt um acht an. Viele Zuschauer laden sie sich in der Mediathek herunter und schauen sie auf dem Tablet. Wann immer sie wollen.

Auch dieser Text hier kommt im Grunde zu spät, er hätte eigentlich schon vor zwei Tagen erscheinen sollen. Aber meine Planungsredakteurin war flexibel. Ist ja schließlich ein zeitloses Thema.