Steuerbetrug und soziale Akzeptanz Sind wir alle steuerschizophren?

Wie wir durch das Gerüst aus sozialen Normen klettern, ist uns großenteils selbst überlassen.

Warum sind wir empört über Alice Schwarzers Steuerbetrug? Und weshalb findet jeder Zweite es zugleich akzeptabel, Steuern zu hinterziehen? Zahllose Normen regeln unseren Alltag. Manche befolgen wir, andere nicht. Was sind die Gründe dafür? Eine Annäherung.

Von Lena Jakat

20 Euro für einen Bewirtungsbeleg von der Familienfeier? 200 für eine großzügige Berechnung des Arbeitswegs? 2000 für ein jahrelang als Lagerstätte für ausrangierte Spielsachen genutztes Arbeitszimmer? Fast jeder hat sich das schon einmal durchgerechnet. 200 000 Euro hat Alice Schwarzer in den vergangenen zehn Jahren an Steuern hinterzogen und nun zurückgezahlt. Das füllt die Talkrunden und Kommentarspalten. Die Empörung ist groß und sie ist ehrlich. Und insgeheim denkt jeder zurück an seine letzte eigene, nicht ganz ehrliche Steuererklärung. Leiden wir alle unter kollektiver Steuerschizophrenie?

Steuerhinterziehung gilt vielen in Deutschland als Kavaliersdelikt. Der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Schneider von der Universität Linz präsentierte auf einer Tagung zur Schattenwirtschaft 2010 Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage, wonach nur knapp 50 Prozent es für unvertretbar hielten, Steuern zu hinterziehen. Die andere Hälfte also fand das mehr oder weniger akzeptabel. Andere Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Deutschland liegt damit laut einem Bericht des Bundesfinanzministeriums von 2005 international im Mittelfeld zwischen Japan und Griechenland.

Steuermoral lautet der Fachbegriff für diese Zustimmungswerte. Und auch weil davon, wie es um diese Moral bestellt ist, die Finanzlage des Staates abhängt, beschäftigen sich allerlei Fachleute damit. Steuerpsychologen wie Stephan Mühlbacher, die erforschen, was wir als gerecht empfinden. Juristen und Verwaltungsmenschen, die gerechtere Gesetze entwickeln sollen. Und Philosophen wie Norbert Hoerster, die darüber nachdenken, wie diese Gerechtigkeit überhaupt aussehen soll.

Eine Gesellschaft muss sich finanzieren. Dafür bezahlen ihre Mitglieder Steuern. Von denen zugleich ein Großteil Steuerhinterziehung als Bagatelle abtut. Warum ist das so?

"Natürliche Personen, die im Inland einen Wohnsitz oder ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben, sind unbeschränkt einkommensteuerpflichtig", heißt es in Paragraf 1 des Einkommensteuergesetzes. Eine von unzähligen Normen, aus der das gesellschaftliche Gerüst zusammengesetzt ist, in dem wir uns ständig bewegen. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit die Vorfahrtsregeln beachten. Im Lift grüßen. In der Kantine bezahlen. Normen, überall. Das Gerüst, das die Gesellschaft stützt und formt. Rechtsnormen, soziale Normen, ethische Normen.

Normen funktionieren erstens durch Sozialisation. Viele haben wir so verinnerlicht, dass es nicht einmal der Androhung einer Strafe bedarf, damit wir uns an sie halten. Dabei geht es um Grundlegendes, zum Beispiel, anderen keine Gewalt anzutun. Bei anderen Normen spielen zweitens Sanktionen eine größere Rolle. Missachtung durch die Kollegen, weil man jemanden unfair behandelt. Punkte in Flensburg, weil man den Wagen bei Rot nicht stoppt. Strafzahlungen bei Steuerdelikten.

Randerscheinung im kollektiven Normhaushalt

"Die Steuerpflicht ist keine Norm, die man verinnerlicht hätte. Man trifft erst im Erwachsenenalter auf sie", sagt Carsten Ullrich. Der Soziologe von der Universität Duisburg-Essen hat sich unter anderem mit der Akzeptanz von Sozialpolitik beschäftigt. "Die Steuerpflicht gehört nicht gerade zu den zentralsten in unserem kollektiven Normhaushalt."

Erstens lässt sich eine Norm wie diese relativ angstfrei missachten. Ich muss mich nicht vor der Verachtung meiner Freunde fürchten, wenn ich bei der Einkommensteuer schummle, oder wenn ich bei meiner Krankenkasse Yoga-Stunden für Rückenschmerzen einreiche, die ich gar nicht habe. Und nicht nur soziale, auch rechtliche Sanktionen erscheinen oft sehr unwahrscheinlich. "Wer kontrolliert schon so eine kleine Nummer wie mich?" Und selbst für den unwahrscheinlichen Fall zeigen viele Beispiele prominenter Steuerhinterzieher womit man (scheinbar) mehr oder minder straffrei durchkommt. Sanktionen? Ich habe keine Angst.