Sterbehilfe in Belgien Ein Land verhandelt über Leben und Tod

Belgien debattiert über Sterbehilfe: Nach einer misslungenen Geschlechtsumwandlung lässt sich ein transsexueller Belgier auf eigenen Wunsch von seinem Arzt mit einer Giftinjektion töten. Künftig könnten Mediziner noch umfangreichere Rechte bekommen. Zum Beispiel die Erlaubnis, das Leben von Minderjährigen zu beenden.

Von Pascal Paukner

Ein neues Leben beginnen, das war es, was er wollte. Jahrelang hatte sich Nathan Verhelst auf seinen Neuanfang vorbereitet. Er unterzog sich einer Hormontherapie, ließ sich die Brüste abnehmen. Schließlich sollten Chirurgen ihm in einer komplizierten Operation einen Penis formen. Drei Jahre lang, von 2009 bis 2012 zog sich seine Geschlechtsumwandlung hin. Doch was zur Neugeburt des Nathan Verhelst hätte werden sollen, endete in einer Tragödie.

Am Montag ist Verhelst gestorben - auf eigenen Wunsch, unter Zuhilfenahme der Sterbehilfe-Gesetzgebung in Belgien. 44 Jahre nachdem Nathan als Nancy zur Welt gekommen war, schied er in einem Brüsseler Krankenhaus freiwillig aus dem Leben. "Ich war bereit, meine Neugeburt zu feiern, aber als ich in den Spiegel blickte, ekelte ich mich vor mir selbst", sagte Verhelst vor seinem Tod der Tageszeitung Het Laatse Nieuws. Keiner der Eingriffe habe zu dem gewünschten Ergebnis geführt. Da habe er nur noch die Möglichkeit gesehen, sich töten zu lassen.

Der Fall hat in Belgien abermals eine Diskussion über das liberale Sterbehilfegesetz angestoßen. Allerdings weist die öffentliche Meinung in eine andere Richtung als man erwarten könnte. Derzeit steht in dem Land eine Ausweitung der Sterbehilfe zur Debatte. In einer am Mittwoch veröffentlichten repräsentativen Umfrage sprachen sich rund Dreiviertel aller Teilnehmer für Sterbehilfe bei Minderjährigen aus.

38 Prozent erklärten, sie seien "ganz und gar einverstanden", die Sterbehilfe gesetzlich zu erlauben, wenn die betroffenen Kinder unter einer unheilbaren Erkrankung leiden. Weitere 36 Prozent waren demnach "eher damit einverstanden", ein solches Gesetz zu verabschieden. Die repräsentative Umfrage setzte voraus, dass die Minderjährigen selbst nicht in der Lage sind, ihre Zustimmung zur Sterbehilfe zu geben, zum Beispiel weil sie im Koma liegen.

In einer weiteren Frage ging es um Sterbehilfe für Alzheimer-Patienten und Menschen mit anderen Demenz-Erkrankungen, die selbst das Verlangen nach Sterbehilfe äußern. In diesem Fall waren 43 Prozent "ganz und gar" und 36 Prozent "eher" dafür, dies zu ermöglichen. Im Jahr 2012 hatte es in Belgien offiziell 1432 Sterbehilfefälle gegeben. Das waren 25 Prozent mehr als noch im Vorjahr.

Wim Distelsmans, der Arzt, der bei Nathan Verhelst den Tod herbeiführte, war bereits vor Monaten in der Öffentlichkeit bekannt geworden, weil er einem tauben und erblindeten Zwillingsbrüderpaar im Alter von 45 Jahren zum Tod verholfen hatte. "Die Entscheidung Nathan Verhelsts hat nichts mit Lebensmüdigkeit zu tun", sagte Distelmans. Verhelst habe sich in einer "Situation unerträglichen Leidens" befunden. Er habe alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt. Der Patient habe sich einer sechsmonatigen Beratung unterzogen.

Bis auf Belgien, die Niederlande und Luxemburg ist die aktive Sterbehilfe in Europa verboten. Die Beihilfe zum Suizid wird in Deutschland nur dann geduldet, wenn sie sich darauf beschränkt, das Mittel zur Selbsttötung bereitzustellen. Die Person, die den Wunsch hat zu sterben, muss es jedoch selbst einnehmen.

"Wärst du doch nur ein Junge gewesen"

Verhelst ist laut seinem Interview mit Het Laatse Nieuws in einer Familie aufgewachsen, in der er als Mädchen nur geduldet war. "Während meine Brüder gefeiert wurden, musste ich einen Abstellraum oberhalb der Garage als Schlafzimmer benutzen", sagte Verhelst. Seine Mutter habe ihm gesagt: "Wärst du doch nur ein Junge gewesen."

In Ländern, in denen Sterbehilfe gesetzlich erlaubt ist, kommt es immer wieder zu aufsehenerregenden Fällen, welche die Akzeptanz der liberalen Gesetzgebung in der Gesellschaft auf die Probe stellen. In den Niederlanden begann im September ein Prozess gegen einen Mann, der seiner schwer kranken Mutter mittels einer Medikamentenüberdosis gegen Malaria zum Tode verholfen hatte. Der Prozess gilt als richtungsweisend, da er die Frage beantworten muss, wer zur Sterbehilfe berechtigt ist. Bislang dürfen in dem Land nur Ärzte den Tod herbeiführen.