Stau und Psychologie Nation der Sitzenbleiber

Gewohnheit siegt über Vernunft: Wenn Menschen mit dem Auto verreisen, hat das nicht immer rationale Gründe. Und wenn die Reise dann abrupt im Stau endet, heißt es: entspannen - oder vorher ein spezielles Training absolvieren.

Von Christina Berndt

Autofahren ist die große Freiheit. Wer nicht mehr sein Pferd vor dem Saloon anbinden kann, der findet wenigstens im Blech auf vier Rädern jene individuelle Unabhängigkeit, die er im täglichen Leben so vermisst. Schließlich kann ein Autofahrer völlig losgelöst entscheiden, wann er losfährt, wie häufig er Pausen macht, welche Musik er in welcher Lautstärke hört, wo genau er ankommt und vor allem auch, mit wem er fährt. Die Freiheit des Autofahrers ist grenzenlos - bis er im Stau steht.

Die Lieblingsmusik aufdrehen oder ein Hörbuch in den CD-Spieler und entspannen, raten Experten für den Staufall.

(Foto: dapd)

Die Sache mit dem Stau ist ein merkwürdiges psychologisches Phänomen. Bis eben hatte der Reisende sie fast vergessen. Natürlich weiß jeder, dass es Staus gibt und zur Urlaubszeit noch dazu besonders viele. Aber wie bei einer bösen Krankheit denkt der deutsche Autofahrer, dass der Stau zunächst einmal nur andere trifft.

"Verdrängung spielt eine große Rolle, wenn sich Menschen entscheiden, mit dem Auto in Urlaub zu fahren", sagt der Verkehrspsychologe Peter Klepzig, der in seiner Berliner Praxis Menschen mit allen möglichen Problemen im Straßenverkehr zur Seite steht. "Man hofft immer, dass es einen selbst nicht trifft."

Wenn die Menschen dann doch am Ende der Blechschlange ankommen, sind sie meist komplett unvorbereitet. Sie haben zu wenig zu trinken dabei, der Rücken schreit nach Bewegung, weil die letzte Pause schon viel zu lange her ist, der plötzlich auftretende Drang nach Süßigkeiten ist mit nichts, was noch im Handschuhfach herumliegt, zu befriedigen, und die Kinder fangen an zu nörgeln, weil sie nichts zum Spielen haben. Die Stimmung im Kleinod Personenkraftwagen muss zwangsläufig binnen kürzester Zeit auf den Nullpunkt sinken.

Psychologisch betrachtet ist der Effekt nicht zu unterschätzen. Schließlich wird aus der großen Freiheit plötzlich die totale Fremdbestimmung. "Es handelt sich durchaus um ein starkes Frustrationserlebnis", sagt Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe an der TU Dresden.

Schulung für das "Ohnmachtserlebnis"

Dies werde unter Zeitdruck umso schlimmer - etwa wenn eine Uhrzeit für die Schlüsselübergabe verabredet ist oder bald die letzte Fähre ablegt. Der Kölner Verkehrspsychologe Gerd Pfeiffer plädiert deshalb dafür, Autofahrer gezielt darin zu schulen, "sich mit dem Ohnmachtserlebnis Stau zu arrangieren".

Das oberste Gebot heißt Gelassenheit. Dabei kann vor allem eine Erkenntnis helfen: "Der Stau bin ja schließlich auch ich", wie Hardy Holte, Autor des Buches "Rasende Liebe" über Autofahrer und ihre Sehnsüchte, einmal betonte. Natürlich sei es verständlich, dass sich die Menschen ärgern, wenn sie nicht vorwärtskommen, ergänzt Peter Klepzig.