Statussymbol Verzicht Mehr weniger

Vorsatz: Das ganze Hab und Gut findet Platz in einem Koffer.

(Foto: pixabay.com; Bearbeitung SZ.de)

Leben ohne Geld, der ganze Besitz passt in zwei Koffer - aus Prinzip, nicht aus Not. Wie funktioniert das, und vor allem: Warum tut man sich das an?

Von Felicitas Wilke

Das Statussymbol des Verzichts begann mit einer Weltreise. Bevor Michael Kelly Sutton aufbrach, packte er alles, was er besaß, in Umzugskisten und stellte sie bei Freunden unter. Als der Student nach Kalifornien zurückkehrte, merkte er, dass er die wenigsten Dinge wirklich vermisst hatte. Sutton beschloss, sich von Unnötigem zu trennen - und ging dabei radikal vor. Er behielt etwas Kleidung und ein paar Habseligkeiten, darunter seinen Laptop, eine DVD, sein Bett und einen Schrank. Den Rest gab er weg.

Wenn er sich neue Dinge zulegte, überlegte er von nun an genau, ob er sie wirklich brauchte. Auf seinem Blog gab er dieser Lebenseinstellung einen Namen: Cult of Less. Dahinter steckte nicht nur das gute Gefühl, das aufkommt, wenn man endlich unnütze Dinge ausgemistet hat. Sutton wollte auch darauf aufmerksam machen, dass wir oft achtlos Dinge kaufen, die wir gar nicht brauchen - und damit Ressourcen verschwenden.

Gerade für reiche oder wohlhabende Menschen ist Besitz ein Statussymbol. Wer bewusst auf ein neues Auto, neue Kleidung, oder eine schicke Uhr verzichtet, obwohl er sich leisten könnte, will den Wohlhabenden in dieser Gesellschaft zeigen: Es geht auch ohne. Die Cult-of-Less-Bewegung will die Wohlhabenden dazu animieren, ihre Beziehung zum Besitz zu überdenken. Braucht man das wirklich alles? Könnte man nicht weniger, und dafür aus fairem Handel konsumieren und damit versuchen, die weltweite Ungleichheit zu verringern?

Sutton, der Gründer der Bewegung, hat heute "eine Freundin und ein Waffeleisen", wie er auf seiner Website berichtet: "Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass das Projekt beendet ist". Auch wenn er sich heute leicht ironisch von seinem Kult um wenig Besitz distanziert, hat er mit seinem Projekt viele Menschen inspiriert. So sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Ratgeber über die vermeintlich richtige Art auszumisten erschienen, und es gibt viele Blogs, die sich dem Minimalismus widmen. Auch dahinter steckt die Einstellung, mit möglichst wenig materiellem Besitz auszukommen. Und zwar nicht nur aus pragmatischen Gründen, etwa um Platz oder Geld zu sparen, sondern auch, um eine Gegenposition zu einer stark konsumorientierten Gesellschaft einzunehmen. Wir haben drei Menschen befragt, die bewusst verzichten - auf Möbel und einen festen Wohnsitz, auf Geld oder einfach darauf, ständig neue Dinge zu kaufen.

"Mein kompletter Besitz passt in zwei Koffer und eine Reisetasche"

Katharina Finke, 31, lebt seit fünf Jahren aus dem Koffer. Von einem Großteil ihrer Besitztümer hat sie sich getrennt - und fühlt sich seitdem frei und aufgeräumt.

"Nein, als Asketin würde ich mich nicht bezeichnen. Ich bin nicht der Typ, der sich Zwänge auferlegt. Dafür genieße ich zu gern, gebe vergleichsweise viel Geld für gutes Essen aus und trinke Alkohol. Aber auf viele andere Dinge verzichte ich tatsächlich. Seit fünf Jahren lebe ich aus dem Koffer. Aus zwei Koffern und einer Reisetasche, um genau zu sein. Da passt mein kompletter Besitz rein - neben Kleidern zum Beispiel mein Laptop und meine Kamera. Ich kann jederzeit packen und aufbrechen. Ich habe keinen festen Wohnsitz, lebe mal zur Zwischenmiete hier, im Hostel oder bei Freunden dort. Das ist nicht nur praktisch, es gibt mir auch ein Gefühl der Freiheit.

Katharina Finke

(Foto: David Weyand)

Ich arbeite als freie Journalistin und bin viel im Ausland unterwegs. Auf meinen Reisen habe ich schon früh gemerkt, dass ich eigentlich nicht viel brauche. In meiner damaligen Wohnung in Hamburg hatte ich trotzdem Möbel und einen vollen Kleiderschrank - auch, weil es mir Spaß machte, shoppen zu gehen. Nach der Trennung von meinem Freund lösten wir unsere Wohnung auf und es stellte sich die Frage: Wohin mit den ganzen Sachen? Ich verkaufte und verschenkte den Großteil.

Doch hinter meinem Verzicht auf viel Besitz steckt noch mehr. Ich berichte oft über Umwelt- und soziale Themen und habe bei meinen Recherchen die getroffen, die unter unserem Konsum leiden. Klingt pathetisch, war aber so. In Florida habe ich zum Beispiel eine Geschichte über pensionierte Schimpansen gemacht, die ihr Leben lang in Tierversuchen gequält wurden Auch wegen solcher Erfahrungen achte ich darauf, keine Produkte zu kaufen, die an Tieren getestet wurden. Bei Kleidung ist mir wichtig, dass sie nachhaltig und fair produziert wurde.

Ich lehne Besitz aber nicht generell ab. Ich schätze das, was ich habe, umso mehr. Den Gegenständen kommt eine bestimmte Funktion zu und vieles von dem, was ich nicht weggegeben habe, hat einen umso größeren immateriellen Wert für mich. Das kann das T-Shirt aus New York sein oder das Armband, das mir mein Freund aus Haiti mitgebracht hat. Es ist auch nicht so, dass ich mir nie neue Sachen kaufen würde. Schließlich ist Kleidung irgendwann auch mal irreparabel verschlissen und ich kaufe mir neue. Und wenn ich mir mal die Zeit nehme, einkaufen zu gehen, genieße ich es umso mehr - weil es etwas Besonderes ist.

Ich empfinde mein Leben mit vergleichsweise wenigen Gegenständen als aufgeräumt, klar und einfach. Wenn ich mir überlege, was ich anziehen soll, steht zum Beispiel gar nicht so viel zur Wahl: nur vier Jacken, vier Hosen und ein Dutzend Kleider. Ein Koffer mit Habseligkeiten, die ich nie weggeben würde, wie alte Liebesbriefe, steht bei meinen Eltern. Bei ihnen bin ich auch offiziell gemeldet. Es stört mich nicht, kein festes Zuhause zu haben.

Viele Menschen suchen es sich nicht aus, wenig zu besitzen und an keinem festen Ort zu leben. Mir ist klar, dass es ein Privileg ist, mich bewusst und ohne Not dafür entscheiden zu können. Über meine Erlebnisse und Erfahrungen habe ich auch ein Buch geschrieben. Aber ob ich auch in fünf Jahren noch so leben werde? Einen festen Wohnsitz werde ich bis dahin vielleicht haben. Ich wünsche mir Kinder und ihnen kann und ich will kein Leben aus dem Koffer zumuten. Zustellen mit Möbeln werde ich meine Wohnung aber nicht, das kann ich mir nicht mehr vorstellen. Was ich mir hoffentlich erhalten werde, ist der bewusste Konsum. Ich bin gespannt, ob ich stark bleibe oder meinen Kindern doch ein großes Prinzessinnenschloss kaufe."