Der Gendarmenmarkt gilt als Salon Berlins. Nun sollen dort 140 Bäume gefällt werden. Viele Berliner sind empört und protestieren gegen die Pläne der Stadtentwickler.
Die Stadtentwickler hätten sich das denken können. Den Gendarmenmarkt umgestalten? Ausgerechnet dieser von vielen geliebte Ort, entstanden im 17. Jahrhundert, ein Platz, den Touristen aus der ganzen Welt besuchen. Ausgerechnet hier Bäume fällen? Diese 140 Ahornbäume, die seit Mitte der achtziger Jahre einen Teil des Platzes umranden und die gerade in diesem heißen Sommer so angenehm Schatten spenden. Wem auch immer diese Idee kam, er musste damit rechnen, dass sie Gegner hat.
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"Notfalls ketten wir uns an die Bäume": 5000 Unterschriften haben die Gegner der Umbaupläne bereits gesammelt. (© dpa)
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Ada Withake-Scholz steht mitten auf dem Gendarmenmarkt und hebt den Zeigefinger. Die Geschäftsführerin des "Refugium", eines Restaurants auf dem Gendarmenmarkt, ist auch Vorsitzende des Vereins Freunde und Förderer des Gendarmenmarktes. Sie steht an der Spitze der Gegner. Hinter ihr erhebt sich der Französische Dom, rechts das Konzerthaus, vor ihr der Deutsche Dom. Viele sagen, der Gendarmenmarkt sei der schönste Platz Europas. Sie nennen ihn den "Berliner Salon", in Anspielung auf den als Salon Europas berühmt gewordenen Markusplatz in Venedig. Die Sonne strahlt an diesem Tag, die Leute sitzen unter den Schirmen und unter den Ahornbäumen. Eine Saxophonistin spielt. "Ich kapiere das einfach nicht. Warum? Der Platz funktioniert doch", sagt Withake-Scholz. Für sie hat jetzt ein Kampf begonnen. "Notfalls ketten wir uns auch noch nachts an die Bäume", sagt sie.
Ihr Gegenspieler ist Ephraim Gothe, SPD-Baustadtrat im Bezirk Mitte. Gothe und die Kollegen in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wollen etwa sechs Millionen Euro investieren, davon ungefähr 90 Prozent EU-Fördergeld für die Aufwertung touristischer Plätze. Der Gendarmenmarkt soll freier werden, die Stufen am Rand sollen verschwinden, das Pflaster erneuert werden. Und: Die Ahornbäume sollen nach Meinung der Stadtentwickler weg, weil sie die Sicht auf den Französischen Dom versperren würden. Sie sind nicht etwa abgestorben oder kaputt, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) zufolge sind bis auf einen Baum alle "vital und standsicher". In einem Strategiepapier aus dem März dieses Jahres heißt es zu der geplanten Umgestaltung: "Dieser Ansatz hat im bisherigen Planungsprozess breite Zustimmung gefunden."
Jetzt ist August, die Lage hat sich verändert. Man könnte auch sagen: Es gibt einen Sturm der Entrüstung. Ada Withake-Scholz und ihre Mitstreiter haben eine Unterschriftenaktion gestartet. Innerhalb einer Woche sammelten sie 5000. Die Berliner kommen aus den Außenbezirken zum Gendarmenmarkt, wo die Baumbeschützer mit der Liste stehen, sie setzen ihren Namen darauf, nehmen ein paar Blanko-Formulare mit und liefern ein paar Tage später weitere Unterschriften ab, nicht selten bis zu 30 Stück.
Es sind Menschen wie Ruth Kraus aus Charlottenburg, 85 Jahre alt, seit 1934 lebt sie in Berlin. Als sie nach dem Fall der Mauer das erste Mal seit Jahrzehnten wieder den Platz sah, hielt sie den Atem an. "Ich liebe diesen wunderbaren Platz", sagt sie. Ruth Kraus hörte von den Umbauplänen im Fernsehen, seitdem ist sie fast jeden Tag auf dem Gendarmenmarkt, stellt sich neben die Staffelei, auf der steht "Reparieren statt Liquidieren" und hält den Fußgängern die Listen hin. Sie und die anderen Gegner kennen die Mängel des Platzes, das herausgesprungene Pflaster, die ungeschnittenen Bäume, die notdürftig verlegten Kabel, aber das alles, sagen sie, lasse sich doch leicht und für ein Bruchteil des Geldes ausbessern. Eigentlich, sagt sie, sei es doch "ein Kampf gegen die Profilneurose der Politiker, die sich mit einer Umgestaltung verewigen wollen".
Der Vorwurf richtet sich auch gegen Ephraim Gothe. "Ich bin total überrascht von dem Protest", sagt er. "Wir haben keinen Plan im stillen Kämmerlein ausgebrütet." Er spricht von Bürgerbeteiligung, von den Foren, die stattgefunden haben. Aber all das hilft ihm jetzt nicht mehr. Er wisse schon, Bäume absägen sei immer schwierig, "aber dass die Kritik so scharf ausfällt?".
Der Protest hat die Stadtentwickler überrollt. Die Menschen schicken E-Mails, in denen sie sich empören. In einem Brief an die Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, heißt es: "In vielen Berliner Schulen läuft der Regen den Kindern in die Klasse, sind die Toiletten in einem unwürdigen Zustand und Sie wollen Millionen einsetzen, um unseren Gendarmenmarkt in eine hoffnungslose Steinwüste zu verwandeln?" Ephraim Gothe weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Es gebe ja noch keine konkrete Planung, sagt er. Die Bäume abzusägen, sei kein Ziel, "das man unbedingt durchsetzen muss". Er klingt jetzt diplomatischer. "Ich will nicht als Betonkopf in die Geschichte eingehen."
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(SZ vom 10.08.2010)
Brasiliens Präsidentin Roussef
Ich bin sicher kein Anhänger senatlicher Stadtplanung der letzten Jahrzehnte und auch halte ich Herrn Gothe für weitgehend inkompetent. Trotzdem halte ich dieses Umbauvorhaben für grundsätzlich richtig, vorbehaltlich der konkreten Planung natürlich, die es ja noch nicht gibt.
1. Der Platz wird durch Konzerte und Märkte genutzt und soll nun eine Leitungsversorgung erhalten.
2. Der Platz hat gräßliche Schwellen mindestens in der Baumecke, die aufgehoben werden sollen.
3. Es hat seinen guten Grund, dass die Baumretter sitzend unter den kleinen Bäumchen protestieren, denn stehen oder gehen kann man unter ihnen nicht. Dies ist auch der Grund für das Fällvorhaben und wenn man schon einen langen Artikel darüber schreibt, wäre dieser Umstand sicherlich auch einer Erwähnung wert gewesen.
Natürlich sollte man aufpassen, was die Stadtplanung für Unsinn betreibt, ich kann den hier aber - noch nicht - erkennen. Es ist sicherlich schön für so einige Mitbürger einen Lebenssinn in der Errettung einer Fehlplanung so finden, man sollte diese Fehlplanung aber durch etwas besseres ersetzen !
zumindest der letzten, müssen eben beseitigt werden. Da keine Denkmäler dafür mehr da sind, müssen es eben nun die Bäume sein. Die Innentadt wird zunehmend trostloser als die vielgeschmähten Plattenbausiedlungen am Rande der Stddt. Wer Grün sucht, muß dann künftig wohl dorthin gehen.
Jedenfalls sind die Argumente der Planer armselige Ausreden für ihre Unfähigkeit Bauliches mit der Natur zu verbinden.
Daß die Bäume ungeschnitten in der Gegend herumstehen, kann kaum als überzeugender Grund für ihre Beseitigung herhalten. Das läßt sich wohl ohne großen Aufwand beseitigen.
Man schämt sich als Berliner für die Stadtentwicklungspolitik. Das große Vorbild städtebaulicher Gestaltung muss wohl der Alexanderplatz sein, auch empfohlen als Sehenswürdigkeit, seit Jahrzehnten eine Baustelle, verunstaltet, billig.
Hier müssen sich Planungspuristen der reinen Lee/(h)re schon fragen lassen, was durch die Schaffung von Sichtbeziehungen in mittlerer und ferner Distanz denn gewonnen wird und was gleichzeitig verloren geht. Baumbegrünte Plätze haben einen unschlagbaren Gewinn, in Punkto Mikroklima, Staubbindung, Schattenspenden und einen ökologischen Nutzen für alles was kriecht und fliegt. Die CO2-Bilanz kommt noch dazu.
Also, ihr "Planer" umdenken, weg von der toten Stadt und hin zur lebenden Stadt. Die steinernen Platzlehrsätze gehören auf den Müll der versteinerten Architekturtheorie - es sollte nur wenige Ausnahme geben, wenn Kompensation daneben erreicht wird. Hier wird aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
Unter dem Senatsbaudirektor Stimman ("ich bin ein wichtiger Mann) wurde wahnsinnig viel Baumasse errichtet und verschoben. Für Stadtökologie hatte er wie seinesgleichen in den Amtsstuben des Senats und der Bezirke wenig übrig, man denke nur an die Leiterin der Bauabteilung beim Senat, die im Auftreten tatsächlich eher an eine explosive Dampfwalze erinnert. So hat man Berlin gebaut und dabei vergessen, dass Ökologie die Grundlage zukunftsfähiger Stadtplanung sein muß. Diesen Sommer haben sich dann viele gewundert ob der Massivität und der Dichte von Asphalt und Beton an zentralen Stellen der Stadt, die das Stadtklima schier unerträglich machten. Da gab es Anfänge des Bedauern bei den heute Zuständigen ob des Versäumten. Das hätte damals auch nicht viel gekostet, wenn man es denn gleich berücksichtigt hätte. Manche brauchen eben länger als andere und sind oft auch noch beratungsresistent, aber die anderen haben meist zu wenig zu sagen.
Wir erkennen: es hat allzulange an Empathie in Architektur und Städtebau gefehlt und das muss sich ändern. Dazu braucht es aber auch Leute an der Spitze, die diese Eigenschaft verinnerlicht haben. Aber gerade weil diese ihnen fehlt, sind sie nach oben gekommen. Immerhin scheint Herr Gothe nicht von allen guten Geistern verlassen zu sein und vielleicht hat der auch den Mut, den Übervater Stimman hinter sich zu lassen.
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