Sisa-Süchtige in Griechenland Kampf gegen Aids-Explosion

Aber warum gibt es derart viele HIV-Infektionen? Eleni Marini zeigt die Straße runter, wo das Pufflicht vor sich hin blinkt. "Die Prostitution hat genauso stark zugenommen wie die Obdachlosigkeit. Frauen, die nichts mehr haben, können immer noch ihren Körper verkaufen. Manche machen's für fünf Euro", sagt Marini. "Ungeschützt gibt's für das Doppelte." Zehn Euro, um sich dann vielleicht Aids zu holen.

Und da ist Sisa. Die neue Droge fördert bestimmt nicht die Potenz, aber die Lust. "Auf Sisa willst du drei Sachen: Sex, Sex und Sex", hatte Christos im Hinterhof von Kethea gesagt. Und wer sich Batteriesäure spritzt, achtet nicht mehr darauf, ob er ein Kondom benutzt.

Eleni Marini wirkt müde. Die Psychologin, die in Großbritannien studiert hat und seit zwölf Jahren bei Kethea arbeitet, schaut einem Junkie zu, der am Bus erklären will, warum er nur zwei Nadeln dabei hat, eine der vielen hanebüchenen Geschichten, die sie an diesem Abend erzählt bekommt. Eigentlich seien es drei, aber sein Freund . . . Marini weiß, dass der Mann mehr Spritzen bräuchte: Die Junkies verteilen den Stoff, den sie sich leisten können, auf mehrere Schüsse. Aber sie kann ihm nur so viele geben, wie er bringt. Also wird der Mann alte Nadeln benutzen. Liegen ja genug rum in dieser Stadt.

2008 arbeiteten 500 Leute bei Kethea, heute sind es fast 100 weniger. Die Sozialarbeiter, Ärzte und Psychologen, die noch dabei sind, verdienen die Hälfte von dem, was sie einst bekamen. Sie sprechen nicht davon, geht schließlich allen so. Aber es ist verheerend. Das Gesundheitssystem muss in Zeiten, in denen aufgrund des psychischen Dauerstresses die Selbstmordrate genauso steigt wie die chronischen Krankheiten, immer noch mehr sparen. Krankenhäuser schließen, es gibt in einigen OP's keine Handschuhe mehr, und selbst eine Zahnärztin, die ihre Praxis im reichen Vorort Cholargos betreibt, erzählt, es gehe in ihrem Sprechzimmer "zu wie auf dem Basar: Die Leute können sogar einfache Füllungen nicht mehr zahlen. Da sind Professoren darunter, Unternehmer, das, was früher mal die Mittelklasse hieß."

Eleni Marini teilt weiter Spritzen aus. Ein ganz normaler Abend, 70 bis 80 Junkies kamen bisher vorbei, es ist ruhig. Als aber ein Polizeiauto vorbeifährt, verschwinden alle sofort. Kein Wunder, bei dem, was Ismail am Tag zuvor erzählt hat.

Ismail, das war der Dritte im Hinterhof, ein stiller Iraner, der vor 13 Jahren zu Fuß über die Türkei nach Athen kam und hier als Schneider lebt. "Damals war das hier Hawaii für mich. Jetzt bekomme ich nur noch 1,80 Euro die Stunde. Und hab jeden Abend Angst."

Ismail war auch deshalb so still, weil er erschöpft war von einer seiner langen Nachtwanderungen: Die Polizei hat die strikte Anordnung, die Stadt sauber zu halten. In die Gefängnisse kann sie die Drogenabhängigen nicht stecken, kostet schließlich Geld. Also karren sie alle, derer sie habhaft werden, einfach aus Athen raus und laden sie irgendwo ab. So gibt es mittlerweile einen absurden Pendelverkehr: Die Polizeibusse, die voll beladen manchmal 80 Kilometer ins Nirgendwo fahren. Und die Abhängigen, die neben der Standspur zu Fuß in Richtung Stadtzentrum zurücklaufen. Ismail hatten sie dieses Mal am Omoniaplatz eingefangen, sechs Stunden auf einer Polizeistation stehen lassen, als "iranisches Schwein" beschimpft und dann in den Vorort Koropi gebracht.

Das Gesundheitssystem ist so marode, dass nicht mal den Schwerkranken mehr adäquat geholfen werden kann. Der Staat lässt auf die Suchtkranken Jagd machen. Können wenigstens die Familien ihren suchtkranken Verwandten unter die Arme greifen? "Haben sie ja lange gemacht", sagt Eleni Marini. "Aber die können sich ja selbst schon keine Arztbesuche mehr leisten. Es geht hier wirklich ums Überleben. Deswegen ist die Zahl der Obdachlosen so stark gestiegen. Früher hatten die ein Zuhause, jetzt werden sie rausgeschmissen."

Nach einer Stunde muss der Bus weiter zum Omoniaplatz. Die Tür geht zu, nur der Regen bleibt. Am nächsten Morgen wird bekannt gegeben, dass die Arbeitslosigkeit auf das neue Allzeithoch von 27,4 Prozent gestiegen ist.

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*Anmerkung der Redaktion: Der Name Shisha kommt aus dem arabisch-persischen Raum und bedeutet einfach nur Wasserpfeife. Auch die neue Droge wurde zunächst in kleinen Pfeifen geraucht, ansonsten hat die Shisha oder Nargile nichts mit der traditionellen Wasserpfeife zu tun. Phonetisch hört sich die Droge in Griechenland allerdings wie Shisha an, wird aber Sisa (Griechisch: ΣΙΣΑ) geschrieben. Wir haben uns dazu entschlossen, entgegen der ersten Fassung des Textes, den Namen Sisa zu verwenden.