Berlin Das Abenteuer wartet im nächstbesten See

Jessica Lee schreckt auch nicht an besonders kalten Tagen vor dem Sprung in den See zurück.

(Foto: CK/PR)

Jessica Lee war ein Jahr lang fast jeden Tag in einem anderen Berliner See schwimmen. Sogar, als sie mit einem Hammer ein Loch in das vereiste Gewässer hacken musste. Nur eine bekloppte Aktion?

Von Verena Mayer

Am wenigsten mag die Schwimmerin Jessica Lee Tage wie diese. An denen es warm ist, die Bäume duften und eine Ahnung von Sommer in der Luft liegt. Wenn es also die meisten Menschen hinaus ans Wasser zieht - dann geht Jessica Lee nur sehr ungern baden. Weil sie weiß, dass es etwas Besseres gibt als einen See im Sommer. Einen See im Winter nämlich oder an einem verhangenen, grauen Novembermorgen.

Jessica Lee kann das sagen, denn sie war ein Jahr lang fast jeden Tag in einem See. Sie schwamm, als die letzten Blätter von den Bäumen geweht wurden und der Schilf am Ufer überzogen war von Raureif. Sie schwamm, als der erste Schnee vom Himmel wirbelte und Stürme das Wasser aufpeitschten. Sie schwamm, als Eisschollen an ihr vorbeitrieben und sie mit einem Hammer ein Loch in den See hacken musste. Und als es nicht und nicht Frühling werden wollte und kalter Regen auf das Wasser platschte, da schwamm sie erst recht.

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Jessica Lee, 31, kommt aus Toronto und hat Kulturwissenschaft mit Schwerpunkt Umweltgeschichte studiert. Vor drei Jahren machte sie das, was so viele Leute in ihrem Alter tun: Sie ging nach Berlin. Dort schrieb sie an ihrer Doktorarbeit, und irgendwann dachte sie sich ein Projekt aus. Lee suchte sich auf einer Landkarte alle Seen in und um Berlin zusammen, fuhr hin, watete hinein und schwamm. So lange, bis sie alle Gewässer, nun ja, wie soll man es nennen: durchhatte. Erlebt, getestet und wohl auch bezwungen.

Das Ganze könnte man als eine dieser bekloppten Aktionen abtun, auf die man nur in Berlin kommen kann - wenn Jessica Lee nicht gerade ein sehr hübsches Buch darüber herausgebracht hätte. "Mein Jahr im Wasser" heißt es, und es handelt erst einmal von den Wegen, die Jessica Lee auf sich nehmen musste, um überhaupt schwimmen zu können. Sie fuhr durch Berliner Vororte und brandenburgische Städtchen, stapfte durch Kiefernwälder und märkischen Sand, landete auf Dorfplätzen, bei Fischern oder in alten Kirchen, stand an Gewässern, die Nymphensee, Großer Tonteich, Frauensee, Teufelssee, Karpfenteich, Krumme Lanke, Scharmützelsee oder Stechlinsee heißen. Man muss an die Bücher von Theodor Fontane denken, seine endlosen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Und das sei genau der Witz, sagt Jessica Lee. Die meisten Leute würden in Berlin das Großstädtische suchen, das Neue, Flirrende, den Wandel. Sie jedoch interessiere sich für das, was überdauert hat, "die Verbindung zwischen den Epochen". Die Landschaft, die Seen, die schon immer schon da waren.

In Kanada waren die Seen furchterregende Gewässer, da traute sie sich nicht

Vor allem aber erzählt Lees Projekt davon, wie leicht es ist, seine Tage mit etwas Ungewöhnlichem zu füllen. Man muss dafür nicht auf Partys gehen oder in ein Flugzeug steigen, man braucht kein Yoga und keine Esoterik. Man sucht das Abenteuer einfach dort, wo es keiner vermutet: im nächstbesten See.

So wie an einem kalten Frühlingsmorgen im Berliner Westen. Die Krumme Lanke liegt da wie ein graublauer Spiegel, umgeben von Wald und Sand, im Schilf nisten die Enten. Laut Internet hat die Luft elf Grad und das Wasser zehn. Jessica Lee steht auf einem kleinen Sandstreifen am Ufer und schält sich aus Jacke, Pulli, Schal, Jeans und Stiefeln. Ihrem muskulösen Rücken sieht man das Schwimmen an, ihre Haut ist rosig und feinporig vom Wasser und vom Draußensein. Die Journalistin will ebenfalls ins Wasser, und während sie ihren schwarzen Badeanzug zurechtzupft, gibt Jessica Lee Anweisungen. Das Wichtigste sei, alles sehr langsam zu tun, um nicht von der Kälte überwältigt zu werden. Bloß nicht ins Wasser springen, wie es viele tun. Und ganz wichtig: aufhören, sobald man friert.

Sie selbst macht das noch nicht lange, erzählt Lee, während wir ins Wasser waten. Als sie noch als Leistungssportlerin für einen Verein geschwommen ist, war sie stets in einer Schwimmhalle. In einem See zu baden traute sie sich nicht, "in Kanada sind das ja riesige schwarze, furchterregende Gewässer." Anders in Berlin, wo alles "flach und friedlich" sei. Die Angst vor der Natur hat sie trotzdem nicht verloren, vor der Ungewissheit, wie kalt und tief ein Gewässer ist, den Moment der Panik, wenn man den Kopf untertaucht, und man sieht nichts mehr außer trübem Grün. Inzwischen, sagt Lee, sei das aber "ein Teil der Challenge", diese Angst auszuhalten.

Wenn man es nicht gewohnt ist, an einem kalten Morgen bis zum Hals in kaltem Seewasser zu stehen, will man erst einmal nur schreien. So, als könne man dadurch den Schmerz aus den Armen und Beinen bringen. Lee hat das Problem nicht, prustend schwimmt sie voraus Richtung Seemitte. Sie liebe diese Zeit zwischen Winter und Frühling, sagt sie. Wenn sich das Wasser langsam durchmischt, "sich Schichten aus kalt und weniger kalt abwechseln". Lee hat sich viel mit Wasser beschäftigt, mit seinen Strömungen und seiner Dichte, den Einflüssen von Temperatur, Bakterien und Vegetation. Seitdem sie schwimme, merke sie, wenn ein See "umschlage", sagt sie. Glasklar werde er etwa von einem Tag auf den anderen, wenn im Herbst Algen und Bakterien absterben. Gerade fühle sich das Wasser "stachelig" an, während es im Sommer "wie Samt" sei, und im Winter sehe es leicht und dünn aus, fast wie Glas.