Singen macht glücklich Sing Star

"Mein kleiner grüner Kaktus" oder auch nur ein "Ohmmm": Wer seine Stimme erhebt, trainiert Potenz, Kreativität und Selbstbewusstsein.

Von Michael Zirnstein

Sie schunkeln, wiegen sich im Takt, sitzen am Boden, einige stehen auf, umarmen sich, und alle singen aus vollem Herzen: "Sita Ram Sita Ram Ra Jay Sita Ram". Nur ein paar Neulinge beim Kirtan, der Party der Yoga- Gemeinde, verstummen, wundern sich ob der glücksgefluteten Gesichter: "Was haben die denn eingeschmissen?" Die Skeptiker, die sich nach zwei Liedern, also nach einer halben Stunde des interaktiven Konzerts, stirnrunzelnd aus dem Raum schleichen, lernen die Droge nicht kennen.

Die Offeneren, die sich auf das Melodie-Ping-Pong zwischen dem Vorsänger am Blasebalg-Harmonium und der Gruppe einlassen, die die fremden Mantras erst zögerlich, dann immer mutiger anstimmen, merken womöglich bald, was das Wohlgefühl auslöst: Es ist der Gesang.

Singen macht glücklich. Das ist nun keine sensationelle Neuigkeit. Wer als Heldentenor unter der Dusche frohgemut den Tag beginnt, weiß das, und auch jede Mutter, die mit einem Wiegenlied ihr quengelndes Kind in den Schlaf säuselt. Allerdings haben Wissenschaftler erst in den vergangenen Jahren Beweise für das Phänomen gefunden - und messen der Laut-Stärkung der gesanglich mehr und mehr verstummenden Nation gesundheits- und sozialpolitische Bedeutung bei.

"Wellness Singing" steigert das Wohlbefinden

Viele Menschen nutzen schon ihre Stimme, um die Stimmung aufzuhellen: 3,2 Millionen Deutsche singen in einem der 60 000 Chöre des Landes, andere überwinden ihre Hemmungen bei ausgelassenen Abenden zu Hause mit Freunden und dem millionenfach verkauften Karaoke-Spiel "Sing-Star" an der Playstation. Gezielt wird das Wohlbefinden durch Kurse wie das Do-it-yourself-Buch "Wellness Singing" gesteigert, und singende Yoga-Klassen haben Zulauf.

In den Jivamukti-Yoga-Lofts in München und Berlin trifft man sich nicht nur zu Kirtans. Die Gruppen singen auch vor und nach jeder Stunde Sanskrit-Mantras. Das Chanten - das auch "Halleluja"- singende Christen praktizieren - wirke vielseitig wohltuend, sagt die Jivamukti-Lehrerin Gabriela Bozic: "Die Klangvibrationen beruhigen den Atem, dadurch wird der Geist tiefer und stiller. Wenn du singst, trickst du den Verstand aus, du verlierst dich im Augenblick und bist frei von irritierenden Gedanken".

Patanjali, der Vater des Yoga, hat vor 2300 Jahren in den Yogasutren empfohlen, das Über-Mantra "Om" (die tönende Erscheinungsform Gottes) wieder und wieder zu rezitieren, um sein Ego zu überwinden und die "Einheit des Seins" zu erfahren. "Man muss es ausprobieren, um es zu spüren", sagt Gabriela Bozic und rät zu folgender Om-Übung: Auf den Rücken legen und tief in den Bauch einatmen, auf dem die Hände ruhen; beim langsamen Ausatmen ein "Aah" formen, das in ein "Uhh" übergeht; dabei die Hände auf den Brustkorb legen; beim ausklingenden "Mmm" die Ohren zuhalten und die Vibrationen des Kopfes spüren.

So stimuliere das Singen 84 Meridianpunkte im Gaumen, löse Blockade in den Energiekanälen und bringe via Hypophyse und Hypothalamus das Gehirn in ein entspanntes chemisches Gleichgewicht. "Das Singen hat eine heilende Energie", sagt Bozic, "man kann die inneren Vorgänge nicht erklären, aber sie wirken".